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PantherMedia / Thomas Klinke

, Reinhard Mohn Preis 2013: Tasmanien – Ein mutiges Programm

Mit dem Projekt "Tasmania Together" entwickelten die Bürger Tasmaniens eine Vision für einen nachhaltigen Staat – doch in der realen Politik scheiterte die Idee. Dennoch bleibt es ein Vorbild. Zur Verleihung des Reinhard Mohn Preises am 7. November 2013 unternimmt die Bertelsmann Stiftung eine Reise durch Länder, die mit nachhaltiger Politik den Wandel in ihrem Inneren gestalten.

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Tasmanien ist ein Sonderfall beim Thema Nachhaltigkeit. Denn der Grund dafür, dass der australische Bundesstaat ein gutes Beispiel und Ideengeber für andere Länder sein kann, war "Tasmania Together", ein Programm für nachhaltige Entwicklung, das seinesgleichen sucht. Dieses Programm hat die aktuelle rot-grüne tasmanische Regierung im vergangenen Oktober für beendet erklärt, angeblich aus Kostengründen. Tasmanien ist dennoch im Rennen geblieben, weil "Tasmania Together" ein so gutes Beispiel ist, dass es auch über sein Ende hinaus Wirkung entfalten kann.

Die Insel im Süden des australischen Hauptlands ist in etwa so groß wie Irland, hat aber nur rund eine halbe Million Einwohner. Die mit dem französischen Bordeaux vergleichbare Breitenlage erspart den Tasmaniern die extrem heißen Sommer Australiens, während die Winter mild sind. Seine relativ unangetastete Umwelt brachte Tasmanien den Ruf des Naturstaats ein, beworben als Ort, an dem Abenteuer, Tradition, Kultur und Luxus zusammentreffen. Tatsächlich sind mehr als ein Drittel des Gebiets als Reservate, Nationalparks oder UNESCO-Weltkulturerbe geschützt.
 
Tasmanien hat eine breit gefächerte Wirtschaft mit einigen bedeutenden Exporteuren, die vor allem Asien beliefern. Bergbau, Holz- und Landwirtschaft sind wichtige Wirtschaftszweige, die allerdings als Arbeitgeber relativ wenig ins Gewicht fallen. Knapp die Hälfte der Tasmanier arbeitet im Dienstleistungssektor.

Schutz der Wälder

Aber der Streit über die industrielle Ausrichtung war es, der maßgeblich zur Schaffung von "Tasmania Together" beigetragen hat. Der Holzexport führte zu heftigen Kontroversen darüber, wie schützenswert der tasmanische Urwald ist. Die Regierung neigte traditionell eher dazu, den Wald wirtschaftlich auszunutzen, statt ihn zu bewahren. Die Bevölkerung stellte sich dem teils entschieden entgegen und forderte mehr Schutz der einzigartigen Wälder.

Die Folge war die Gründung der ersten grünen Partei der Welt, der United Tasmania Group. 1972 wurde sie als Reaktion auf den Urwald-Streit in Tasmanien gebildet. Zehn Jahre später zog ihr erster Abgeordneter ins Parlament ein. 1989 gewannen schon fünf ihrer Kandidaten Sitze. Zweimal passte die Partei ihren Namen an, um der umweltpolitischen Ausrichtung gerechter zu werden, und nennt sich heute Tasmanische Grüne. Wie die Australischen Grünen spielen sie eine bedeutende Rolle in der Politik. Zurzeit halten sie ein Drittel der Sitze und regieren in einer Koalition mit der Arbeitspartei.

Programm für die Zukunft

Der Beginn von "Tasmania Together" war im Grunde eine simple Frage: Wie wollen wir in 20 Jahren leben? Es war der charismatische neu gewählte Premier Jim Bacon, der das Projekt auf den Weg brachte. Bacon hatte sich ein ähnliches Programm im US-Bundesstaat Oregon angesehen und kam zu demselben Schluss wie die dortigen Initiatoren: Nachhaltigkeit lässt sich nur bewerkstelligen, wenn es starke Impulse und starke Beteiligung aus der Gesellschaft gibt. Eine passende Einschätzung für Tasmanien, wo das Gemeinschaftsgefühl stark ist und kein politisches Gespräch geführt wird, in dem nicht alle paar Minuten die Bedeutung der Community hervorgehoben wird.

Bacon ernannte 22 Community Leader, die eine Zukunftsversion für das Tasmanien von 2020 entwickeln sollten. Lebensqualität und Lebenshaltungskosten, Gesundheit, Sicherheit, Bildung, Einbindung von Aborigines, transparente Regierungen, Investitionen und Umweltschutz bildeten die Indikatoren, die alle fünf Jahre unter breiter öffentlicher Beteiligung überprüft werden sollten.

Das Projekt konnte konkrete Erfolge feiern, die Reduzierung bestimmter Giftstoffe, die Senkung der Sterblichkeitsrate und messbar mehr Sicherheit in einigen Kommunen. Doch es hielt auch Enttäuschungen bereit. Vor allem die fehlende Durchlässigkeit der Politik machte vielen Beteiligten zu schaffen.

Es war das politische Versprechen, ein neuer Ansatz von Demokratie, der der Bevölkerung direkte Beteiligung verschafft, das "Tasmania Together" von vergleichbaren Programmen abhob, ihm aber auch zum Verhängnis wurde. Das Programm wurde nie voll in die Regierungspolitik eingebunden. Viele Behörden lieferten nicht mehr, als die Mindestanforderungen es ihnen abverlangten.

Über Tasmanien:

Tassie wird die Insel, die sich ungefähr 240km südlich des australischen Festlands befindet, in Australisch-Englisch genannt. Oder auch Palawa Kani Lutriwita, wie es in der Sprache der Aborigines heißen würde. Rund 502.000 Menschen leben auf dem 68.400 Quadratkilometer großen Teilstaat des Commonwealth of Australia. Hauptstadt ist Hobart, die zweitgrößte Stadt Launceston. Etwa ein Viertel der Insel ist als UNESCO-Weltnaturerbe ausgewiesen, zu 37 Prozent besteht Tasmanien aus Nationalparks.

(Text: Benjamin Dierks, aus: change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung)

Buchtipp:
Die fünf in dieser Serie vorgestellten Länder stehen auch im Mittelpunkt des Buchs "Erfolgreiche Strategien für eine nachhaltige Zukunft", das die Bertelsmann Stiftung anlässlich des Reinhard Mohn Preises 2013 am Montag, 4. November, veröffentlicht.

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