Junge auf Bauspielplatz
© Uni Oldenburg / Bo Lahola

SAJF-Begleitforschung: Wie wirken die "Sozialräumlichen Angebote der Jugend- und Familienhilfe (SAJF)" für Kinder und Familien?

SAJF ist ein Programm der Kinder- und Jugendhilfe, mit dem die Hamburger Sozialbehörde seit 2012 die soziale Infrastruktur für Kinder, Jugendliche und Familien um offene Angebote und individuelle, sozialräumliche Unterstützung erweitert. Mit dem Programm gelingt es, Familien in belastenden Lebenslagen zu erreichen und deren Selbstbestimmtheit zu fördern. Das ist einer der zentralen Befunde der Begleitforschung, die von 2017 bis 2020 gefördert durch die Sozialbehörde und die Bertelsmann Stiftung durchgeführt wurde.

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Sozialräumliche Unterstützung kommt bei Kindern und Familien an

Dies klingt zunächst nach einer Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht.  Die offenen Angebote und die individuelle, sozialräumliche Unterstützung, die in der Freien- und Hansestadt Hamburg seit 2012 kontinuierlich ausgebaut wird, erreicht Familien in belastenden Lebenslagen, an die das Programm adressiert ist.

Die Angebotsträger gewährleisten die geforderte niedrigschwellige Erreichbarkeit und setzen sich dafür ein, bei der Angebotsplanung und -durchführung den Bedarfen der Nutzer:innen gerecht zu werden. Die 263 befragten Adressat:innen erhalten unbürokratisch Unterstützung, die von ihnen als hilfreich empfunden wird.

"Also ich hatte zuerst Angst vor dem Jugendamt. […] aber nein, es [Bild vom Jugendamt] hat sich positiv durch alles entwickelt und auch ich habe jetzt keine Angst mehr vor dem Jugendamt. Und von dieser Einrichtung [Angebotsträger], hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Bin ich auch ganz ehrlich. […] Und deswegen, ja, als ich hier angekommen bin […] war ich sofort positiv überrascht, dass es so viel Hilfe gibt."
SAJF-Nutzer:innenbefragung

Besonders schätzen die befragten Nutzer:innen, dass die individuelle, sozialräumliche Unterstützung sehr breit gefächert ist und in deren Verlauf offenbar nicht selten über den ursprünglichen Anlass hinausgeht. Vor allem die Unterstützung bei bürokratischen Aufgaben wird sehr geschätzt. Hierzu zählt neben der Unterstützung bei der Bearbeitung von Schriftsachen im Besonderen die Begleitung zu Terminen mit Ämtern, Wohnungsanbietern, Kitas und Schulen.

Öffentlicher und freie Träger treffen sich zu sozialräumlichen Fallbesprechungen

Als besonders wichtig für das Ineinandergreifen der unterschiedlichen Unterstützungsleistungen erweist sich die Kooperation zwischen dem öffentlichen Träger (Allgemeiner Sozialer Dienst) und den Angebotsträgern. Die Kooperation hat sich aus Sicht der Befragten durch SAJF verbessert. Insbesondere gemeinsame Fallbesprechungen in sozialräumlichen Fachteams haben sich als Erfolgsmodell erwiesen und sollten weiter ausgebaut werden.

Mitarbeiter:innen des für die ambulanten, teil- und stationären Erziehungshilfen zuständigen öffentlichen Trägers der Jugendhilfe lernen Mitarbeiter:innen freier Träger und deren Angebote in einem Sozialraum kennen. Die Intensivierung der fallbezogenen Kooperation ist jedoch unter anderem durch die Fluktuation von Mitarbeiter:innen herausfordernd.

"Also insgesamt die Bedarfe […], die auch hier tatsächlich in [Stadtteil] da sind, die werden hierdurch die tolle Zusammenarbeit im Netzwerk und durch diese regelmäßigen Treffen, […] man kennt sich lange, man schätzt sich […] nicht jeder kocht so sein Süppchen […]. Sodass man dann tatsächlich in allen […] zusammenarbeitet und gemeinsam auch neue Ideen strickt. Dieser Austausch ist ganz toll."
SAJF-Befragung

Sozialräumlicher Ansatz verbessert die Beteiligung von Kindern und Familien

In der Fachliteratur wird als ein wesentliches Prinzip sozialraumorientierter Konzepte eine sehr umfassende Beteiligung der Adressat:innen und vor allem eine konsequente Orientierung am Willen und an den Interessen, Ressourcen und Zielen der Adressat:innen beschrieben.

Im Falle des SAJF-Programms haben sich die Angebotsträger als Anlauf- und Unterstützungsstellen für Familien etabliert, die den Nutzer:innen ein breit gefächertes Angebot an Information und Unterstützung in Alltagssorgen und Krisen zur Verfügung stellen. Die Niedrigschwelligkeit und Offenheit der Angebote konnten Zugänge für schwer erreichbare Zielgruppen verbessern.

Die Angebote zeichnen sich durch starke Orientierung an den selbstgewählten Themen der Nutzer:innen, gemeinsame Erarbeitung von Lösungen sowie Förderung der Eigeninitiative der Familien aus. Die Angebote haben dazu beigetragen, dass Nutzer:innen eigenständiger nach Angeboten suchen, gegenüber dem ASD klarer eigene Angebotswünsche formulieren sowie in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe gefördert werden.

Die Befunde zeigen aber auch, dass die konsequente Orientierung an den Adressat:innen für die Fachkräfte der freien Träger eine alltägliche Herausforderung ist, die systematisch eingeplant werden muss.

Empfehlungen für die Weiterentwicklung

Die befragten Angebotsträger aus dem Bezirk Hamburg-Mitte merken selbstkritisch an, dass die gemeinsame Planung von Angeboten mit anderen Trägern im Sozialraum und die konsequente Einbindung der Nutzer:innen in Planung und Organisation der Angebote weiter verbessert werden sollten. Eine regelmäßige und systematische Situations- und Bedarfsanalyse, die Einbindung der Nutzer:innen in die oben genannten Vernetzungstreffen sowie die Erarbeitung von handhabbaren Ansätzen, Regelungen und Verfahren zur Beteiligung von Nutzer:innen sind hier zu nennen.

Zugleich und auch vor dem Hintergrund zum Teil starker personeller Fluktuation auf der Handlungsebene insbesondere des öffentlichen Trägers, aber auch der Angebotsträger, zeigt sich die Notwendigkeit, die fachlichen Grundsätze dessen, was unter Sozialraumorientierung verstanden wird, immer wieder neu zu thematisieren und zu vermitteln. Dies könnte z.B. im Rahmen von Fachtagungen und gemeinsamen Fortbildungen geschehen.

Alle Befunde und Empfehlungen sind in einer Praxisbroschüre zur Begleitforschung sowie dem wissenschaftlichen Abschlussbericht nachlesbar.

Hintergrund zum Programm:

Die SAJF-Begleitforschung wurde durchgeführt von einem Forschungsteam der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg sowie der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. Im Rahmen der Begleitforschung wurde zwischen einer Steuerungs- und einer Handlungsebene unterschieden. Auf beiden Ebenen wurden Akteur:innen des öffentlichen Trägers und der Angebotsträger befragt. Auf der Handlungsebene wurden auch die Kooperationspartner:innen der Angebotsträger befragt. Zudem wurden die Nutzer:innen des Programms befragt.

In dem Programm agieren öffentliche Träger, freie Träger und Regelein­richtungen in sozialräumlich orientierten Verbünden in gemeinsamer Verantwortung und, wenn erforder­lich, rechtskreisübergreifend für den Sozialraum. 360 niedrigschwellig zugängliche Unterstützungsangebote sind in dem Rahmen bislang entstanden. Ziel ist es, belastete Familien besser in den Stadtteil zu integrieren und ein stabilisierendes soziales Umfeld herzustellen.

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