Eine Unterrichtssituation mit Teilnehmern des Programms Lehrkräfte Plus
© Achim Multhaupt

, Externe Evaluation von „Lehrkräfte Plus“: Weiterbildungsprogramm hat geflüchteten Lehrkräften in NRW neue Wege in den Schuldienst bereitet

Vor gut drei Jahren begann auf unsere Initiative hin das Programm „Lehrkräfte Plus – Perspektiven für Lehrkräfte mit Fluchtgeschichte“ an den Universitäten in Bielefeld und in Bochum. Inzwischen gibt es „Lehrkräfte Plus“ an insgesamt fünf Universitäten in Nordrhein-Westfalen. Der Abschlussbericht der externen Evaluation bescheinigt dem Programm nun, neue Perspektiven für qualifizierte Lehrkräfte mit Fluchtgeschichte geschaffen zu haben.

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2017 haben sich die Bertelsmann Stiftung, die Stiftung Mercator, das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule und Bildung (MSB) sowie die Landesweite Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren (LaKI) zusammengetan, um ein einjähriges Qualifizierungsprogramm für die Zielgruppe geflüchteter Lehrkräfte auf den Weg zu bringen. Die Universitäten in Bielefeld und Bochum haben dazu „Lehrkräfte Plus“ entwickelt und angeboten – ein Programm, das auf die besonderen Bedarfe von Lehrkräften mit Fluchtgeschichte und von Schulen in Deutschland ausgerichtet ist. Dank des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (MKW) konnte „Lehrkräfte Plus“ durch eine Finanzierung über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) inzwischen verlängert und auf die Universitäten in Duisburg-Essen, Köln und Siegen ausgeweitet werden. Der nun veröffentlichte Abschlussbericht zur externen Evaluation zeigt, dass schon die Pilotprogramme dazu beigetragen haben, eine Brücke für die Programmteilnehmenden in den Schuldienst zu bauen.

Gegenstand der Evaluation, die von der Beratungsagentur Syspons durchgeführt wurde, war die Umsetzung des Qualifizierungsprogramms an den beiden Universitäten in Bielefeld und in Bochum von September 2017 bis Mitte 2020. Die Grundlage bildeten Einschätzungen und Perspektiven von Progammteilnehmenden und -absolvent:innen, Schulleitungen und Mentor:innen sowie Programmverantwortlichen und -assoziierten. Darüber hinaus hat Syspons eine Potenzialanalyse zu bisherigen und künftigen Zielgruppen durchgeführt.

„Lehrkräfte Plus“ schließt eine Lücke in NRW

Der Evaluationsbericht macht deutlich, dass das als Pilotprojekt gestartete Programm geflüchteten Lehrkräften neue Perspektiven im Schuldienst eröffnet hat. Laut Bericht sei es als großer Erfolg von „Lehrkräfte Plus“ zu werten, dass mittlerweile in allen fünf Regierungsbezirken des Landes die Anschlussprogramme „Internationale Lehrkräfte fördern“ (ILF) initiiert wurden, die allen Absolvent:innen der universitären Programme offen stehen. ILF baut auf „Lehrkräfte Plus“ auf und setzt die pädagogisch-interkulturellen, (fach-)didaktischen und fachsprachlichen Angebote zur Weiterentwicklung des unterrichtlichen Handelns der Teilnehmenden fort. Während „Lehrkräfte Plus“ durch ein Schulpraktikum ein erstmaliges Eintauchen in die Institution Schule in Deutschland ermöglicht, übernehmen die Teilnehmenden in ILF mehr und mehr Unterrichtsverantwortung.

Niedrige Abbruchquote bekräftigt den Erfolg des Programms

Die Abbrecherquote von fünf Prozent ist bei „Lehrkräfte Plus“ deutlich niedriger als bei vergleichbaren Programmen. Von den insgesamt 123 Teilnehmenden der untersuchten drei Bielefelder und zwei Bochumer Gruppen wurde das Programm nur von sechs Personen nicht abgeschlossen. Dies zeige, so die Evaluationsexpert:innen, dass die Universitäten es schaffen, im großen Bewerber:innenpool geeignete Teilnehmende zu identifizieren. Darüber hinaus gelinge es den Programmen, den Teilnehmenden relevante Kompetenzen und Fähigkeiten für den Schuldienst zu vermitteln.

Vorbilder und Identifikationsfiguren für die Integrationspraxis

Auch in den Schulen wird das Programm positiv wahrgenommen. So gilt bereits die Anwesenheit der Teilnehmenden und Absolvent:innen oftmals als positives Signal in Richtung Schüler:innenschaft und Kollegium, da sie beispielsweise ähnliche kulturelle Hintergründe teilen. Allerdings wird auch vor zu hohen Erwartungen gewarnt. Der Programmfokus liegt darauf, den Wechsel in das deutsche Schulsystem und den Unterricht gut zu gestalten – schon das allein ist anspruchsvoll.

Handlungsempfehlungen für die Zukunft von „Lehrkräfte Plus“

Vor dem Hintergrund der Evaluationsergebnisse haben die Expert:innen von Syspons einige Handlungsempfehlungen formuliert:

Als relevantes und erfolgreiches Programm sollte „Lehrkräfte Plus“ dauerhaft fortgeführt werden. Die aktuelle Finanzierung durch das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium über den DAAD ist ein erster Schritt in diese Richtung – sie ist jedoch bis Ende 2022 befristet. Hier sollten nächste Schritte erfolgen, um die Programme als Regelangebote zu verstetigen.

Der Bericht thematisiert auch die wichtige Bedeutung der Praktikumsschulen, damit sowohl Teilnehmende als auch die Schulgemeinschaft von dem Praktikum profitieren können. Gute Absprachen zwischen den „Lehrkräfte Plus“-Programmen und den Schulleitungen sind dafür essenziell. Dies betrifft beispielsweise die Auswahl von Mentor:innen, welche die Teilnehmenden von „Lehrkräfte Plus“ in der Schule begleiten. Lehrer:innen, die an der Tätigkeit Interesse zeigen, sollten die gesetzten Rollenerwartungen frühzeitig kennen, um ihnen später gerecht werden zu können.

Für die Programmteilnehmenden und -absolvent:innen sind ihre langfristigen Anschlussperspektiven zentral. Die Rolle der ILF-Anschlussprogramme wird im Bericht dezidiert gewürdigt: Sie haben die Möglichkeit auf eine dauerhafte Anstellung verbessert. Allerdings ist bisher vorgesehen, dass Absolvent:innen nach Abschluss dieses Programms ein einjähriges Qualifizierungsprogramm für Seiteneinsteiger:innen ins NRW-Schulsystem, die sogenannte pädagogische Einführung, durchlaufen. Die Syspons-Expert:innen empfehlen zu prüfen, ob ILF auf die „pädagogische Einführung“ zeitlich angerechnet werden kann oder ob ILF perspektivisch sogar eine eigenständige Möglichkeit des Seiteneinstiegs für die Absolvent:innen von „Lehrkräfte Plus“ darstellen könnte.

Die letzte Empfehlung war bereits im Zwischenbericht der Evaluation ausgewiesen und ist inzwischen umgesetzt worden. Sie bezieht sich auf eine Öffnung von „Lehrkräfte Plus“ für die Zielgruppe ausländischer Lehrkräfte ohne Fluchthintergrund aus Nicht-EU-Ländern. Seit März 2020 können in der laufenden Phase der Anschlussförderung durch das MKW über den DAAD bis zu 15 Prozent der Plätze der Universitätsprogramme mit Teilnehmenden dieser Zielgruppe besetzt werden. Die Universitäten in Bielefeld und in Bochum haben dies auch umgesetzt.

 

Publikation: Abschlussbericht "Evaluation des Programms Lehrkräfte Plus"

Vor gut drei Jahren begann auf unsere Initiative hin das Programm „Lehrkräfte Plus – Perspektiven für Lehrkräfte mit Fluchtgeschichte“ ...

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