Indische Studenten am Lernen
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, Studie: Indische Fachkräfte und Studenten bei uns: Warum sie kommen, weshalb sie bleiben

In den letzten Jahren kamen immer mehr hochqualifizierte Fachkräfte und Studenten aus Indien nach Deutschland. Wir haben untersucht, warum die Bundesrepublik für Inder interessant ist, was sie zum Bleiben bewegt und wie wir davon profitieren können, wenn Großbritannien und die USA Zuwanderung beschränken.

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In den letzten Jahren kamen mehr und mehr Fachkräfte und Studenten aus Indien nach Deutschland - ein Beispiel dafür, wie sich die Bundesrepublik kontinuierlich für Fachkräfte aus dem außereuropäischen Ausland öffnet. Zwischen 2012 und 2014 wuchs die Zahl der über die "Blaue Karte EU" zugewanderten Inder um 80 Prozent. Auch bleiben indische Fachkräfte und Studenten immer länger in Deutschland. Doch was bringt sie dazu, in die Bundesrepublik auszuwandern und weshalb bleiben einige länger hier? Dazu haben wir Fachkräfte und Studenten aus dem asiatischen Land sowie deutsche Unternehmensvertreter und Experten aus unterschiedlichen Bereichen befragt.

Berufliche Aufstiegschancen sind für Inder die wichtigste Motivation, nach Deutschland auszuwandern

Warum Inder nach Deutschland kommen und ob sie hier längerfristig bleiben, hängt stark von ihren beruflichen Ambitionen ab: Mehr als 85 Prozent der Hochqualifizierten erwarten, dass sich ihre berufliche Position und ihre Karrierechancen in Deutschland besser entwickeln als in Indien. Des Weiteren bezeichneten acht von zehn Befragten ihren Aufenthalt in Deutschland als ein Sprungbrett für ihre zukünftige Karriere. Wenn sich diese Aufstiegschancen nicht bewahrheiten, bemühen sich viele, entweder nach Indien zurückzukehren oder weiterzuziehen.

Ein funktionierendes Sozialversicherungssystem ermöglicht gesellschaftliche Integration

Ob sie länger in Deutschland bleiben, hängt für viele Inder davon ab, wie offen sich die Gesellschaft ihnen gegenüber zeigt. Drei Viertel der Hochqualifizierten und Studenten bezeichneten das deutsche Sozialversicherungssystem als "sehr positiv", da die Eingliederung in dieses System in gewisser Weise auch eine Integration in die Gesellschaft bedeute.

Weniger förderlich für längere Aufenthalte empfanden mehr als die Hälfte der Befragten die Distanz der lokalen Bevölkerung und eigene Diskriminierungserlebnisse im Alltag. Eine Reihe der befragten deutschen Unternehmer und Experten wiederum wertete Tendenzen der Abgrenzung bei den Indern als ein Zeichen für ein geringes Engagement, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Unterstützung durch Einheimische hilft dabei, bürokratische Hürden zu bewältigen

Indische Studenten und Fachkräfte, die von Arbeitgebern, Institutionen und Vereinen in der Universität oder von privaten Kontakten unterstützt wurden, empfanden die deutsche Bürokratie eher als übersichtlich und relativ unproblematisch. Für Inder ohne Unterstützung war der Umgang mit der deutschen Verwaltung indes schwierig. Unabhängig davon sind persönliche Netzwerke ebenfalls von großer Bedeutung. Sie helfen dabei, Arbeit zu finden, Anschluss an die Gesellschaft zu bekommen und eine eigene Karriere zu starten.

Während Geldrücksendungen nach Indien oftmals als sporadisch und irrelevant bezeichnet wurden, scheint der soziale Austausch untereinander für Inder weitaus wichtiger. Sie reden mit Freunden und ehemaligen Kollegen regelmäßig über Möglichkeiten für Investitionen, Beschäftigung und Unternehmensgründungen. Das deutet darauf hin, dass Indien vom neu erworbenen Wissen seiner Auswanderer profitiert.

Ob Inder in Deutschland bleiben, hängt auch stark von sozialen Verpflichtungen im Heimatland ab

Familiäre Bindungen und Verpflichtungen im Heimatland sind entscheidend dafür, ob eine indische Fachkraft oder ein Student in Deutschland bleibt oder nicht. Besonders junge befragte Frauen sagten, die Migration nach Deutschland habe ihre Selbständigkeit und teils auch ihre Emanzipation vorangetrieben. Umgekehrt wurden familiäre Verpflichtungen oft auch als Grund genannt, den Aufenthalt vorzeitig zu beenden. Etwa 40 Prozent der Befragten betonten, sich im Falle von Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit der Eltern für eine Rückkehr zu entscheiden, da in Deutschland derzeit Aufenthalte für Familienangehörige nicht länger als drei Monate erlaubt sind.

Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Migrationserfahrung und Erhöhung der Attraktivität Deutschlands

Im Vergleich zu Ländern wie den USA oder Großbritannien kommen aktuell noch verhältnismäßig wenige Menschen aus Indien zu uns. Da sich London und Washington allerdings jüngst dafür aussprachen, Zuwanderung von Hochqualifizierten zu beschränken, ergibt sich eine Chance für Deutschland.

Die Bundesrepublik würde deutlich an Attraktivität für indische Fachkräfte und Studierende gewinnen, wenn man den Ausbau bestehender Initiativen wie "Make it in Germany" und Informationsveranstaltungen vor Ort stärker vorantreiben würde. Um der Familie einen höheren Stellenwert in der Einwanderungspolitik einzuräumen, empfehlen die Studienautoren, auch den Partnern Hilfe beim Zugang zum Arbeitsmarkt anzubieten und ein adäquates Angebot von Betreuungs- und Bildungsmöglichkeiten für Kinder zur Verfügung zu stellen.

Auch der Übergang zum Arbeitsmarkt für Uni-Absolventen sollte verbessert werden, beispielsweise, indem Praktika vermittelt werden, sowie durch interkulturelle Trainings für Arbeitssuchende und die Unterstützung von Betrieben, die bisher wenig Erfahrung mit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer haben. Außerdem ist es notwendig, Maßnahmen gegen die Ausbeutung und Unterbezahlung von indischen Fachkräften einzuführen, da sich Inder oftmals mit weniger Lohn und schlechteren Arbeitsbedingungen zufrieden geben als deutsche Kollegen. Um bestimmte Regionen und Institutionen in Deutschland nicht zu vernachlässigen, raten die Autoren zu Maßnahmen, mit denen strukturschwache deutsche Regionen und kleinere und mittlere Unternehmen eingebunden werden.

Hintergrundinfos

Hintergrundinfos

Die Studie wurde in unserem Auftrag von Thomas Faist, Mustafa Aksakal und Kerstin Schmidt von der Universität Bielefeld verfasst.

Die Studie verfolgt einen multiperspektivischen Ansatz, der nicht nur die Sichtweisen hoch qualifizierter indischer Einwanderer und Studenten berücksichtigt, sondern auch jene von deutschen Arbeitgebern und einschlägigen Experten.

Für die Studie wurden 40  Leitfadeninterviews durchgeführt: 12 Interviews mit indischen Hochqualifizierten, neun mit indischen Studenten, acht mit Vertretern von deutschen Unternehmen, die indische Fachkräfte beschäftigen, und elf mit Experten aus verschiedenen Bereichen.

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