Podiumsteilnehmer des Deutschen Französischen Dialogs am 21.02.2017 in Berlin
Sebastian Pfütze

, Veranstaltung: Arbeiten 4.0: Wie sieht die Berufswelt der Deutschen und Franzosen in Zukunft aus?

Die Digitalisierung ist ein Megatrend unserer Zeit und verändert unsere Arbeitswelt grundlegend. Welche Chancen und Herausforderungen stecken in Arbeiten 4.0 und wie entwickeln sich unsere Berufe in Zukunft? Um diese Fragen drehte sich unser vierter Deutsch-Französischer Dialog am 21. Februar in Berlin.    

Unsere vierteilige deutsch-französische Dialogreihe "Wie zukunftsfähig sind unsere Sozialstaaten?", die wir gemeinsam mit der französischen Botschaft ausrichten, fand am Dienstag in Berlin ihren Abschluss. Unter der Moderation von Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, diskutierten unter anderem die deutschen und französischen Arbeitsministerinnen Andrea Nahles und Myriam El Khomri sowie DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann.

Debatte um Arbeiten 4.0 hat viele Facetten

Zu Veranstaltungsbeginn plädierte Philippe Etienne, französischer Botschafter in Deutschland, dafür, den komplexen Fragen über die Zukunft der Arbeit "offen und gemeinsam zu begegnen". Die Europäische Union müsse mehr an sozialer Gerechtigkeit arbeiten, damit jeder von der Digitalisierung profitiere, so Etienne.

Joachim Fritz-Vannahme, Europa-Experte der Bertelsmann Stiftung, betonte, dass bei der Debatte um Arbeiten 4.0 keineswegs nur wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stünden, sondern vor allem auch soziale Faktoren und die Verbesserung der Lebensqualität eine Rolle spielten. Nach Fritz-Vannahme müssen die EU-Staaten die Bereiche Bildung und Integration stärker reformieren. Dabei verwies er auf die Ergebnisse unseres aktuellen Reformbarometers, das europaweite Defizite in diesen Bereichen aufzeigt.

Kein Wohlstand ohne sozialen Zusammenhalt

Arbeitsministerin Nahles hob in ihrer Rede hervor, digitaler Fortschritt mache nicht arbeitslos, wie schon vor Jahrzehnten beschworen, sondern das "krasse Gegenteil" sei der Fall. Arbeit verändere sich schlichtweg und dies mache den Leuten Angst. Frankreichs Arbeitsministerin El Khomri ergänzte, beim Thema Digitalisierung gehe es vor allem darum, aus ihr eine Chance für jedermann zu machen. So wurde in Frankreich beispielsweise im Januar 2017 für eine Reihe von Arbeitnehmern ein persönliches "Tätigkeitskonto" eingeführt. Dabei handelt es sich um eine lebenslang gültige Online-Plattform, auf der Aus- und Weiterbildungen, ehrenamtliches Engagement und besonders belastende Tätigkeiten, wie beispielsweise Nacht- und Schichtarbeit in bestimmten Berufen mit arbeitsbedingten Risiken, dokumentiert werden können. Mit der Plattform sollen die Rechte und der Schutz der Arbeitnehmer gestärkt werden, denn: Wohlstand könne nicht ohne sozialen Zusammenhalt existieren, so El Khomri.

"Frankreich und Deutschland stehen vor ähnlichen Herausforderungen, nämlich wie wir es schaffen, gesellschaftliche Transformationsprozesse auch tatsächlich so hinzubekommen, dass die Menschen dabei nicht Angst kriegen und dass sie vor allem auch ihre Arbeit - wenn vielleicht auch in etwas anderer Form - behalten. Das ist möglich."
Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Arbeiten 4.0 als soziale Herausforderung

In der anschließenden Podiumsdiskussion sprachen Reiner Hoffmann und Jean-François Pilliard, Honorarprofessor für sozialen Dialog und Wettbewerbsfähigkeit an der Wirtschaftshochschule ESCP Europe in Berlin, über Maßnahmen und Herausforderungen für eine soziale und gerechte digitale Arbeitswelt.

Für Reiner Hoffmann besteht vor allem Handlungsbedarf bei drei Dingen: Dem Mitbestimmungsrecht für Arbeitnehmer, dem Arbeitnehmerdatenschutz und der Frage, wie ein Arbeitnehmer seine Arbeitszeit mit festlegen und gestalten kann (Zeitsouveränität). Auch Jean-François Pilliard sprach sich dafür aus, Arbeitnehmer stärker einzubeziehen, schränkte jedoch ein, dass dafür in den traditionellen, oftmals patriarchalischen Unternehmensstrukturen erst ein Umdenken stattfinden müsse. Fort- und Weiterbildungen sind die Eckpfeiler des digitalisierten Arbeitsmarktes – darüber waren sich die Redner einig. Allerdings gebe es oftmals Defizite bei der elementarsten Bildung der Arbeitnehmer, so Pilliard, und diese sei zentral für alle weiteren Bildungsmaßnahmen.

Einhellig sprachen sich die Podiumsgäste für einen konstruktiven sozialen Dialog zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und der Politik aus, um die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen – und dies über nationale Grenzen hinweg. "Europa braucht ein soziales Projekt und mehr denn je steht die soziale Dimension im Vordergrund", so Jean-François Pilliard.

Den Tenor des Abends, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen, fasste Aart De Geus zusammen:

"Bis es keine Arbeit mehr gibt, gibt es erstmal noch viel Arbeit zu erledigen. Anstatt zu resignieren können und müssen wir die Zukunft der Arbeit jetzt aktiv gestalten."
Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung

Zur Dialogreihe

Die deutsch-französische Dialogreihe "Wie zukunftsfähig sind unsere Sozialstaaten?" ist eine Kooperation der Französischen Botschaft und der Bertelsmann Stiftung. Ziel der Dialoge sind ein besseres gegenseitiges Verständnis und der Austausch über die Zukunftsfähigkeit beider Sozialsysteme in einer globalisierten Welt. Die ersten drei Dialoge beschäftigten sich mit den Themen"Migration und Integration", "Armut und soziale Ungleichheit" sowie "Familienpolitik".

Eindrücke von der Veranstaltung

Projekte

Ähnliche Artikel

PantherMedia_B26894207_ST-EZ(© PantherMedia / Tatiana53)

Deutsch-Französische Dialoge: Wie zukunftsfähig sind unsere Sozialstaaten?

welches-wachstum-fuer-europa-logo.jpg_ST-EZ(© Institut français Deutschland, Goethe-Institut, Bertelsmann Stiftung)

Deutsch-Französische Debattenreihe: Welches Wachstum für Europa? Quelle croissance pour l’Europe?

Migration_Integration-6524.jpg(© Sebastian Pfütze)

Deutsch-Französische Dialoge: Herkunft darf kein Schicksal sein

Veranstaltung_Wirtschafts-und-Waehrungsunion_IMG_0640.JPG(© Bertelsmann Stiftung)

Workshop: Die Zukunft der europäischen Währungsunion: was, wann und wie?