Aufnahme des Schildes mit der Aufschrift "Bertelsmann Stiftung" am Haupteingang zum Stiftungsgebäude, der Haupteingang ist im Hintergrund zu sehen
Kai Uwe Oesterhelweg

, Jahresbilanz: Impulse für die europäische Demokratie und Konzepte für digitale Zukunft

Die Demokratie in Europa befindet sich im Stresstest. Wir entwickeln daher Angebote und Initiativen für einen konstruktiven europäischen Diskurs. Internationale Dialogforen wie der Salzburger Trilog bauen wir aus. Im Fokus stehen zudem Konzepte zur Gestaltung der digitalen Zukunft. In Berlin ist die Stiftung bald präsenter denn je. Das gab unser Vorstand bei seinem Ausblick auf das Jahr 2019 bekannt.

Unsere Stiftung hat im vergangenen Jahr rund 70 Projekte aus den Themenfeldern Bildung, Demokratie, Europa, Gesundheit, Werte und Wirtschaft bearbeitet. Für ihre gemeinnützigen Tätigkeiten wendete sie 86 Millionen Euro auf. Sie beschäftigt derzeit 384 Mitarbeiter. In den 41 Jahren unseres Bestehens haben wir insgesamt mehr als 1,5 Milliarden Euro für gemeinnützige Arbeit zur Verfügung gestellt.

Bei der inhaltlichen Arbeit besaß 2018 vor allem die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts besondere Bedeutung. Im Juni haben wir den Reinhard Mohn Preis an den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck verliehen, zum Thema "Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten". Wir ehrten Gauck als "herausragende Persönlichkeit, die sich eindeutig zu gesellschaftlicher Vielfalt positioniert und eine klare Haltung beweist".

Neues Arbeits- und Konferenzgebäude in Berlin

Um den Dialog und die Kooperation mit unseren Partnern zu intensivieren, werden wir in diesem Jahr unsere Präsenz in Berlin verstetigen. Im Spätherbst dieses Jahres beziehen wir am Werderschen Markt ein Arbeitsgebäude. Es bietet Veranstaltungs- und Konferenzräume sowie 25 Verfügungsarbeitsplätze, die Mitarbeiter aus dem Hauptstandort Gütersloh bei ihren Aufenthalten in der Bundeshauptstadt nutzen können. Die schon bisher in Berlin ansässige Tochtergesellschaft Weisse Liste gGmbH wird ebenfalls umziehen. Sie betreibt das Onlineportal www.weisse-liste.de, das Patienten Orientierung über Gesundheitsangebote bietet.

Im September veranstalten wir in Berlin die internationale Konferenz "Trying Times – Rethinking Social Cohesion". Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft diskutieren über Zukunftsperspektiven für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer Welt, die sich durch Globalisierung, Digitalisierung und demographischen Wandel einem hohen Veränderungsdruck ausgesetzt sieht.

Gruppenfoto der vier Vorstandsmitglieder der Bertelsmann Stiftung: Aart De Geus, Liz Mohn, Brigitte Mohn und Jörg Dräger.
Die Mitglieder unseres Vorstands (von links): Aart De Geus, Liz Mohn, Brigitte Mohn und Jörg Dräger. (Foto: Besim Mazhiqi)

Mehr Engagement für Europa

Regelmäßige Erhebungen wie die Social Governance Indicators (SGI), das Populismus-Barometer oder der Bertelsmann Transformation Index (BTI) haben bereits 2018 einen klaren Trend erkennbar werden lassen: Die Demokratiequalität nimmt ab, Autokraten sind auf dem Vormarsch, Verunsicherung und gesellschaftliche Polarisierung steigen auf allen Kontinenten.

"In Europa befindet sich die Demokratie derzeit im Stresstest", sagt Vorstandsvorsitzender Aart De Geus. Unsere Stiftung werde daher 2019 ihre Bemühungen intensivieren, die Menschen in einen konstruktiven Diskurs über Europa zu bringen. Unser Europa-Programm entwickelt neue Studien, Dialogangebote und Umfragen, unter anderem mit dem Umfrage-Instrument "eupinions", um Strategien und Perspektiven für die Europäische Union aufzuzeigen und neue Beteiligungsinstrumente zu erproben. De Geus betont, unsere Stiftung setze sich ein für eine Verbesserung der Handlungsfähigkeit und Akzeptanz der EU sowie für Partizipationsangebote über Wahlen hinaus.

Mit unseren evidenzbasierten Studien und den Dialogformaten möchten wir Bürgern ermöglichen, sich umfassend und faktengestützt zu informieren, wie sehr sie vom europäischen Binnenmarkt profitieren. Durchschnittlich 1.000 Euro des Pro-Kopf-Einkommens in Ostwestfalen-Lippe ist einer bislang unveröffentlichten Berechnung unserer Stiftung zufolge auf den gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum zurückzuführen. Aart De Geus resümiert:

"Das einige, starke Europa ist ein Garant für Frieden, Freiheit und Wohlstand. Deshalb hoffe ich, dass die Europawahl die pro-europäischen Kräfte stärken wird."
Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung

Dialogforen für die drängendsten Fragen unserer Zeit

Die in diesem Jahr erstmalig in Berlin stattfindende Konferenz zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ergänzt eine Reihe internationaler Dialogformate, mit denen unsere Stiftung Brücken der Verständigung baut. Nach dem Vorbild des Salzburger Trilogs – einem Format mit 30 internationalen Experten aus Politik, Wirtschaft und Kultur – beschäftigt sich eine Konferenz am 8. März mit dem Thema "Europa und Asien in einer zerrissenen Welt". Die Tagung wird in Hongkong stattfinden. Eine Fortsetzung ist für Herbst in Singapur geplant.

Gemeinsam mit dem Bundespräsidialamt führen wir das Forum Bellevue fort. In der Diskussionsreihe spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Gästen über die Zukunft der Demokratie. Das Deutsch-Spanische Forum wird ebenfalls fortgesetzt. Das 2002 gegründete Format beschäftigt sich jährlich mit der Zukunft Europas. "Unser Ziel ist es, die Beziehungen zwischen den Völkern und Kulturen vertrauensvoll zu gestalten. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass sich Menschen begegnen und kennenlernen können. Die Bertelsmann Stiftung richtet dazu hochrangige, internationale Formate aus. Wir möchten Lösungen entwickeln, damit wir konkrete Impulse für die Herausforderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geben können", so unsere stellvertretende Vorstandsvorsitzende Liz Mohn.

"Unser Ziel ist es, die Beziehungen zwischen den Völkern und Kulturen vertrauensvoll zu gestalten. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass sich Menschen begegnen und kennenlernen können."
Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung

Jahresbericht

Publikation: Bertelsmann Stiftung - Jahresbericht 2018

Schnellere Digitalisierung im Gesundheitswesen und auf dem Land

Den Weg in die digitale Zukunft beschreitet Deutschland zuweilen im Schneckentempo. Laut der Studie #SmartHealthSystems belegt Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens Platz 16 unter 17 Ländern. "Hierzulande müssen chronisch Kranke ihre Befunde noch selbst von Arzt zu Arzt tragen, in anderen Ländern findet dieser Informationsaustausch bereits über elektronische Patientenakten statt", sagt Vorstand Brigitte Mohn. Unsere Stiftung werde sich deshalb auch in diesem Jahr verstärkt dafür einsetzen, Politik, Wirtschaft und alle Akteure des Gesundheitswesens auf das gemeinsame Ziel zu verpflichten, den digitalen Fortschritt für alle Patienten nutzbar zu machen.

Strukturschwachen und überalterten Regionen kann die Digitalisierung neue Perspektiven eröffnen. Dazu Brigitte Mohn:

"Die Qualität der digitalen Infrastruktur ist längst ein entscheidender Standortfaktor, ob Kommunen wachsen oder schrumpfen."
Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

Schnelles Internet auch auf dem Land sei eine Schlüsselvoraussetzung für gute Lebens- und Arbeitsbedingungen. Es gehöre heutzutage zur kommunalen Daseinsvorsorge ebenso wie fließendes Wasser oder Strom. Aufgabe der Politik sei, Teilhabechancen zu stärken, etwa indem älteren Menschen digitale Kompetenzen vermittelt werden. Unsere Stiftung wird hierzu mit dem Projekt Smart Country und dem Datenportal Wegweiser Kommune weitere Vorschläge erarbeiten.

Ethik der Algorithmen braucht gesellschaftliche Debatte

Ein noch junger Schwerpunkt in unserer Arbeit ist die Entwicklung einer Ethik der Algorithmen. Dieser wird in diesem Jahr ausgebaut. Denn intelligente Maschinen sind mittlerweile Teil unseres Lebens. Sie helfen Ärzten bei Krebsdiagnosen und schicken Polizisten auf Verbrecherjagd. Sie suchen für Personalabteilungen geeignete Bewerber aus und schlagen Richtern vor, welche Strafen sie verhängen sollen. "Algorithmen und Künstliche Intelligenz sind keine Science-Fiction, sondern Realität. Sie bestimmen mehr und mehr unseren Alltag. Deshalb müssen wir das Verhältnis von Mensch und Maschine neu bewerten und neu justieren", sagt Vorstand Jörg Dräger.

Wir widmen uns der Frage, wie algorithmische Systeme Teilhabechancen beeinflussen und welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben. Eines der Ziele ist, die Öffentlichkeit für die Tragweite dieser technologischen Revolution zu sensibilisieren. Umfragen unserer Stiftung hatten ergeben, dass kaum jemand weiß, was Algorithmen sind und was sie tun. Eine breite gesellschaftliche Debatte über Ziele, Einsatz und Grenzen für Algorithmen sei ebenso notwendig wie strengere Transparenzgebote, so Dräger: "Wir fordern ein Vermummungsverbot für Algorithmen. Jeder muss nachvollziehen können, wann er es mit einem Mensch und wann mit einer Maschine zu tun hat. Jeder muss nachvollziehen können, nach welchen Zielen Algorithmen ausgerichtet sind und mit welchen Daten sie gefüttert werden."

"Algorithmen und Künstliche Intelligenz bestimmen mehr und mehr unseren Alltag. Deshalb müssen wir das Verhältnis von Mensch und Maschine neu bewerten und neu justieren."
Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

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