verschiedene Menschen sitzen zusammen am tisch und essen

Zusammenhalt in Krisenzeiten: Neue Studie zeigt die Kraft jüdisch-muslimischer Freundschaften

Persönliche Beziehungen können gesellschaftliche Polarisierung abfedern. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie „Zusammenhalt in Krisenzeiten. Jüdisch-muslimische Freundschaften in Frankfurt am Main“ der Bertelsmann Stiftung. In zwölf Porträts dokumentiert sie, wie Vertrauen, Solidarität und Zusammenhalt zwischen Jüdinnen, Juden und Muslim:innen auch unter den Belastungen des Nahostkonflikts entstehen und bestehen können.

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Dr. Yasemin El-Menouar
Senior Expert – Religion, Werte und Gesellschaft
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Ulrich Kober
Director

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Öffentliche Debatten über jüdisch-muslimische Beziehungen werden häufig von Konflikten, Polarisierung und geopolitischen Spannungen geprägt. Die neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt eine andere, bislang wenig beachtete Perspektive. In zwölf Freundschaftsporträts dokumentiert sie Beispiele gelebten Zusammenhalts zwischen Jüdinnen, Juden und Muslim:innen in Frankfurt am Main und der Rhein-Main-Region.

Die Porträts entstanden vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Spannungen nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg im Nahen Osten. Sie zeigen, dass politische Konflikte zwar auch in Deutschland wirken, sich persönliche Beziehungen jedoch oft als stabil und widerstandsfähig erweisen.

„In öffentlichen Debatten erscheinen jüdisch-muslimische Beziehungen häufig als Konfliktbeziehungen. Die Porträts zeigen eine andere Realität, die bisher wenig sichtbar ist: Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen und Unterschiede auszuhalten. Gerade darin liegt eine wichtige Quelle gesellschaftlicher Resilienz“, sagt Dr. Yasemin El-Menouar, Religionsexpertin der Bertelsmann Stiftung.

Zusammenhalt als fortwährender Aushandlungsprozess

Die Porträts erzählen von Nachbar:innen im Frankfurter Bahnhofsviertel, von Eltern auf dem Fußballplatz, von Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, Politiker:innen und Aktivist:innen. Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, dass Vertrauen dort wächst, wo Menschen sich nicht zuerst als Vertreter ihrer Religion oder Herkunft begegnen, sondern als Kolleg:innen, Vereinsmitglieder oder Nachbarinnen und Nachbarn.

Die Porträts zeigen, dass belastbare Beziehungen nicht dadurch entstehen, dass Unterschiede verschwinden. Im Gegenteil: Freundschaften erweisen sich dort als besonders tragfähig, wo unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und politische Positionen offen angesprochen werden können, ohne dass die Beziehung daran zerbricht.

Was wir aus Frankfurt lernen können

Die Studie zeigt, dass die Bedingungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt maßgeblich vor Ort entstehen. Frankfurt zeigt exemplarisch, welche Rolle lokale Rahmenbedingungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen können. Sichtbare Vielfalt, eine starke lokale Identität und zahlreiche Begegnungsorte schaffen Voraussetzungen dafür, dass Menschen trotz unterschiedlicher Hintergründe Vertrauen aufbauen und gemeinsame Zugehörigkeit entwickeln.

Die Erfahrungen aus Frankfurt machen deutlich: Zusammenhalt ist kein Zufallsprodukt. Er wird dort wahrscheinlicher, wo Kommunen, zivilgesellschaftliche Akteure und lokale Institutionen Begegnung ermöglichen, Vielfalt sichtbar machen und gemeinsame Zugehörigkeit stärken. Aus diesen Beobachtungen lassen sich Ansatzpunkte ableiten, die auch für andere Städte und Gemeinden von Bedeutung sind.

Drei Erkenntnisse für Politik, Kommunen und Zivilgesellschaft

  • Zugehörigkeiten ermöglichen:
    Menschen sollten sich nicht zwischen unterschiedlichen kulturellen, religiösen oder nationalen Zugehörigkeiten entscheiden müssen. Gerade junge Menschen entwickeln heute selbstverständlich mehrfache Zugehörigkeiten und hybride Identitäten. Kommunen, Schulen und zivilgesellschaftliche Akteure können dazu beitragen, diese Vielfalt sichtbar zu machen und als selbstverständlichen Teil des gemeinsamen Lebens anzuerkennen.
     
  • Soziale Orte fördern:
    Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich begegnen, gemeinsam Verantwortung übernehmen und an konkreten Themen zusammenarbeiten. Vereine, Stadtteilzentren, Bibliotheken, Kulturhäuser oder Sporteinrichtungen schaffen dafür wichtige Räume – gerade in Zeiten zunehmender Vereinzelung und Digitalisierung. Kommunen können solche Orte sichern und Kooperationen zwischen unterschiedlichen Gruppen gezielt unterstützen.
     
  • Solidarität und Resilienz stärken:
    Freundschaften und lokale Netzwerke helfen, gesellschaftliche Spannungen abzufedern und auch in Krisenzeiten im Gespräch zu bleiben. Sie fördern die Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Bildungseinrichtungen, Kommunen und zivilgesellschaftliche Organisationen können solche solidarischen Beziehungen durch langfristige Netzwerke und lokale Bündnisse stärken.

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