Auf einem Fließband in der Produktionshalle eines Pharmaunternehmens sind zahlreiche Glasampullen für Medikamente und Impfstoffe zu sehen.

Weniger Patente und schwindende Bedeutung bei Forschung und Entwicklung: Wettbewerber laufen der deutschen Industrie den Rang ab

Die deutsche Wirtschaft verliert seit Jahren absolut und relativ an Innovationskraft. Sowohl auf der Inputseite der Innovation, den Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE), als auch beim Innovationsoutput, den Patenten, verlieren deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich an Bedeutung. So ist der deutsche Anteil an den weltweiten FuE-Ausgaben zwischen 2008 und 2021 um drei Prozentpunkte zurückgegangen. Lag Deutschland 2008 mit einem Anteil an der globalen FuE von 8,5 Prozent noch weltweit auf Platz 4, belegte es im Jahr 2021 mit 5,6 Prozent nur noch Platz 6.

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Otto Meyer zu Schwabedissen
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Dr. Marcus Wortmann
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Bei den angemeldeten Patenten sieht die Bilanz ähnlich aus: Zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2022 sank laut der Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung der deutsche Anteil um 7 Prozentpunkte von 21,9 Prozent auf 15 Prozent. Seit 2018 muss Deutschland sogar einen absoluten Rückgang der am Forschungsstandort Deutschland hervorgebrachten Patente verzeichnen. Dies lässt sich vor allem auf eine abnehmende Dynamik in der Automobil-, Elektro- und Chemieindustrie zurückführen.

Die relativen Verluste Deutschlands sind nicht allein in Aufholeffekten von Schwellenländern begründet. Andere Industrienationen haben ihre Patentanmeldungen  deutlich stärker gesteigert als Deutschland mit durchschnittlich 0,4 Prozent pro Jahr: Etwa die USA mit 1,6 Prozent pro Jahr, die Schweiz mit 1,8 Prozent pro Jahr und Österreich mit 3 Prozent pro Jahr. 

Das Innovationsgeschehen in Deutschland wird maßgeblich durch Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes bestimmt (Industrieanteil bei Patentanmeldungen 83 Prozent, bei FuE-Ausgaben 87 Prozent). Unter den Industriebranchen kann jedoch einzig der Maschinenbau seine relativen Verluste begrenzen. 

  • Automobilindustrie: Seit 2018 sinken die absoluten Patentanmeldungen aus der deutschen Automobilindustrie infolge des Abschieds vom konventionellen Antriebsstrang. Zwar belegt die deutsche Automobilindustrie bei den absoluten Patentanmeldungen international nach wie vor Platz 1, der Weltmarktanteil sinkt jedoch um ganze 8 Prozentpunkte. Bei den FuE-Ausgaben verliert Deutschland an Bedeutung und befindet sich hinter Japan und China nunmehr auf Platz 3.
  • Elektroindustrie: Die Elektroindustrie ist hinsichtlich ihrer Innovationsaktivität weltweit die Branche mit der höchsten Dynamik. Auch hier verliert Deutschland jedoch an Bedeutung. Die Patentanmeldungen liegen absolut unter dem Niveau des Jahres 2000, der Weltmarktanteil ist um 7 Prozentpunkte gesunken. Derzeit belegt die deutsche Elektroindustrie mit ihren Patentzahlen damit international Platz 5.
  • Maschinenbau: Der Maschinenbau ist die einzige große Industriebranche in Deutschland, die ihre Patentanmeldungen im Trend steigern konnte. Der Maschinenbau liegt hier weiterhin auf Platz 1 im internationalen Vergleich. Seinen Weltmarktanteil von 26 Prozent konnte Deutschland nahezu konstant halten. Die massive Steigerung der FuE-Ausgaben in China legt jedoch nahe, dass der chinesische Maschinenbau im Software-Bereich Stärken aufbaut.
  • Chemieindustrie: Die deutsche Chemieindustrie verliert durch die Bank: Ihre Patentanmeldungen sind seit dem Jahr 2000 deutlich gesunken, was auch den Rückgang am Weltmarktanteil von 9 Prozentpunkten erklärt. Die FuE-Ausgaben liegen ebenfalls absolut und relativ unter dem Niveau von 2000.
  • Pharmaindustrie: Jüngsten Erfolgsmeldungen zum Trotz steht die deutsche Pharmaindustrie bei ihrer Innovationsaktivität besonders schlecht da: Ihr Patent-Weltmarktanteil ist von 13,1 Prozent auf nur 4,4 Prozent gefallen.

„Die Ergebnisse machen deutlich: Obwohl Deutschland exzellente Forschung beheimatet, fällt die deutsche Industrie im Patentgeschehen zurück. Daher braucht es weiterhin eine deutliche Verbesserung der Transferinfrastruktur von Forschungsergebnissen in die betriebliche Anwendung sowie eine wirkungsvolle Umsetzung der High-Tech-Agenda der Bundesregierung, um die Invention und Diffusion von Spitzentechnologie zu fördern“, sagt Otto Meyer zu Schwabedissen, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung. Zudem gelte es, verschiedene branchenspezifische Rahmenbedingungen zu optimieren, wie etwa das automobile Innovationssystem zugunsten von Technologieführerschaft bei Elektroantrieben und autonomem Fahren auszurichten.

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