In Deutschlands Industrie vollzieht sich ein nie dagewesener Strukturwandel, mit höherer Geschwindigkeit als während der Finanzkrise. In Teil 4 der Industriedynamiken-Studienreihe zeigen wir: Die Industrie ist weiterhin Zugpferd für Innovation und Produktivität, aber der Wegfall günstiger Energieimporte und die Schwierigkeiten auf Exportmärkten hinterlassen ihre Spuren. Die Politik sollte durch eine Erhöhung der Standortattraktivität und gezielte industriepolitische Interventionen den Strukturwandel begleiten und die Erosion der industriellen Basis stoppen.
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Industrie in Deutschland: Ein Gigant wackelt
Die Industrie ist von elementarer Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft. Innerhalb des Verarbeitenden Gewerbes ist jedoch ein tiefgreifender Strukturwandel zu beobachten, der politisch begleitet und abgefedert werden sollte. Dabei ist insbesondere die schwache Exportentwicklung der vergangenen Jahre besorgniserregend.
Inhalt
Die Industrie ist weiterhin von großer Bedeutung für die Innovationskraft und Produktivität in Deutschland
Diese Notwendigkeit begründet sich unter anderem durch die hohe Innovationstätigkeit der Industrie: In Deutschland beträgt der Anteil der Industrie an der privatwirtschaftlichen Forschung mehr als 80 Prozent. Auch wenn dieser Anteil über die vergangenen Jahrzehnte leicht rückläufig war, ist dies unter den betrachteten Staaten die zweithöchste Industriequote an den Ausgaben der Privatwirtschaft für Forschung und Entwicklung (FuE).
Große Bedeutung auch für die Produktivitätsfortschritte
Durch eine hohe Anzahl an Prozess- und Produktinnovationen wurden im Verarbeitenden Gewerbe in den vergangenen Jahrzehnten substanzielle Produktivitätsfortschritte realisiert. Auch hier hat die Dynamik allerdings seit den 2010er Jahren etwas nachgelassen. Durchschnittlich liegen die Produktivitätsfortschritte in der Industrie jedoch deutlich über denen im Dienstleistungsbereich. In der jüngsten Vergangenheit ist dies vor allem dem Kapitaleinsatz und weniger Fortschritten beim technisch-organisatorischen Wissen (TFP) zuzuschreiben.
Der wirtschaftliche Strukturwandel schreitet voran
Am aktuellen Rand erleben wir ein außergewöhnlich hohes Tempo des Strukturwandels in Deutschland. Dieser Wandel vollzieht sich noch stärker als während der Finanzkrise 2008 und ist auf dem höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Das ist unter anderem durch den rapiden technologischen Wandel sowie die Gaskrise im Jahr 2022 zurückzuführen. Derartige Verschiebungen können für einzelne Branchen und Regionen gravierende Implikationen haben.
Deutscher Export wächst nicht mehr mit der Weltwirtschaft mit
Eine Erklärung für das erhöhte Tempo des Strukturwandels: Deutschlands Wachstumsmodell der vergangenen Jahrzehnte, das vor allem auf den Export von Autos und Maschinen setzte, ist akut bedroht. Die deutschen Warenexporte konnten in den vergangenen Jahren nicht mehr vom Welthandels- und Wirtschaftswachstum profitieren. Dies hat verschiedene Gründe: Deutsche Exporteure treffen die Präferenzen von Konsument:innen im Ausland nicht mehr so zuverlässig wie in der Vergangenheit und verzeichnen einen Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit. Zudem hat in den vergangenen Jahren eine geopolitische Blockbildung stattgefunden, worunter auch der deutsche Export leidet.
Die Bedeutung der Industrie für Innovation und Produktivität zeigt: Die Politik sollte den Standortvorteil von Deutschlands stark ausgeprägter industrieller Basis nicht leichtfertig verspielen. Neue Freihandelsabkommen sowie eine Vertiefung des europäischen Binnenmarkts sind notwendig, um Absatzverluste in den USA und China zu kompensieren. In der Automobilindustrie, dem Maschinenbau sowie der Chemieindustrie – Branchen mit hohem wirtschaftlichem Gewicht, aber schwacher Dynamik am aktuellen Rand – gilt es, die Diffusion von Spitzentechnologie zu befördern. Zudem sollten die öffentlichen Investitionen aus dem Finanzpaket tatsächlich realisiert werden, was insbesondere für Deutschlands dezentrale industrielle Basis von hoher Bedeutung ist.


