Die Teilnehmerrunde des Reinhard Mohn Preis Round Table 2018 am 16.05.2018 in Berlin
Thomas Kunsch

Kulturelle Vielfalt ist längst kein Nischenthema mehr, sondern ist als Zukunftsfrage für alle gesellschaftlichen Handlungsfelder relevant. Mit der Globalisierung sind inter- und transnationale Bewegungen in der Arbeitswelt zur Normalität geworden, die Digitalisierung vernetzt die ganze Welt, und verschiedene kulturelle Einflüsse verbreiten sich schneller und umfassender als je zuvor. Am sichtbarsten werden diese Entwicklungen in den weltumspannenden Migrationsbewegungen. Das bedeutet, Gesellschaften weltweit sind damit konfrontiert, dauerhafte Lösungen für ein gelingendes Zusammenleben in kultureller Vielfalt zu entwickeln. Dabei können sie voneinander lernen, indem sie sich über gute Praxis wie auch über schlechte Erfahrungen und Fehler austauschen.

Vor diesem Hintergrund war der Reinhard Mohn Preis Round Table 2018 mit hochrangigen Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft Deutschlands, Kanadas, Indiens, Israels, der USA, Englands, Belgiens und der Niederlanden besetzt. In zwei thematischen Sessions ging es darum, die Situation in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern zu beleuchten und über die Bedingungen für tragfähige, zukunftsorientierte Lösungen zu reflektieren.  Ein wichtiges Ziel des Austausches war das gemeinsame Lernen von- und miteinander über Länder und Sektoren hinweg, getreu dem Motto Reinhard Mohns „von der Welt lernen“.

Vielfalt als Normalität der Globalisierung

Unter der Überschrift „Vielfalt als Normalität der Globalisierung“ tauschten sich die Teilnehmer in der ersten Session darüber aus, welche Rolle kulturelle Vielfalt in den verschiedenen Ländern, Sektoren und Handlungsdimensionen spielt. Viele Teilnehmer betonten die besondere Bedeutung der lokalen Ebene als relevante Sphäre für die Gestaltung eines gelingenden Zusammenlebens. Das alltägliche Leben in Städten und Gemeinden biete viele Möglichkeiten der Begegnung, und gerade lokale Identitäten könnten Zusammenhalt stiften, da sie – anders als eher rückwärtsgewandte nationale Identitäten – auf die Zukunft gerichtet seien. Mit dieser Strategie hat die belgische Stadt Mechelen große Erfolge erzielt. Weiter wurde Integration als Aufgabe der gesamten Gesellschaft angesehen: Alteingesessene und Eingewanderte seien gleichermaßen verantwortlich, zu einem gelingenden Zusammenleben in Vielfalt beizutragen.

In Deutschland sei kulturelle Vielfalt zwar bereits seit Langem Normalität, aber es fehle bisher weithin noch an Akzeptanz und Anerkennung. So seien Menschen mit Migrationshintergrund gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung in vielen gesellschaftlichen Institutionen noch unterrepräsentiert, ob im Lehrerzimmer, in Redaktionen, bei der Polizei oder im Bundestag. Kanada könne mit seiner aktiven Gestaltung von Vielfalt hier als Vorbild für Deutschland dienen. Das multikulturelle Land jenseits des Atlantiks habe erkannt: Vielfalt an sich ist schlicht eine Tatsache, wohingegen die Art des Umgangs damit auf einer Entscheidung beruht. Das heißt, nötig sei der politische Wille, der Vielfalt der Bevölkerung mit Anerkennung zu begegnen und gerechte Teilhabe für alle zu ermöglichen. In dieser Hinsicht könne die Politik auch von der Wirtschaft lernen, denn in Unternehmen sei die Anerkennung von Vielfalt in Form des Diversity Management bereits fest etabliert. Es wurde auch hervorgehoben, dass die globalen Zentren wirtschaftlicher Innovation Orte seien, an denen eine selbstverständliche Offenheit für Vielfalt herrsche.  

Prof. Peter Ronald DeSouza (vorne), Prof. Dr. Naika Foroutan, Denise Hottmann, Moderator Christoph Teuner sowie weitere Teilnehmer Prof. Peter Ronald DeSouza (vorne), Prof. Dr. Naika Foroutan, Denise Hottmann, Moderator Christoph Teuner sowie weitere Teilnehmer

Zusammenleben in Vielfalt erfolgreich gestalten

Der Frage nach konkreten Strategien für eine erfolgreiche Gestaltung des Zusammenlebens in der vielfältigen Gesellschaft widmete sich die zweite Session des Round Table. Als wichtiger Faktor mit Signalwirkung wurden Rollenvorbilder genannt. Es müssten gezielte Anstrengungen unternommen werden, um erfolgreiche Menschen mit Migrationshintergrund, die anderen in ihrem Umfeld Hoffnung und Motivation geben können, stärker sichtbar zu machen. Außerdem trage dies zur Normalisierung von Vielfalt im Bewusstsein und Selbstbild der Gesellschaft bei. Zugleich dürfe dieser Ansatz jedoch nicht als alleinige Lösungsstrategie überstrapaziert werden. Vielmehr müsse zugleich an strukturellen Lösungen gearbeitet werden, die die Rahmenbedingungen für die Verwirklichung einer auf Vielfalt ausgelegten Gesellschaft schaffen.

Vor diesem Hintergrund diskutierten die Teilnehmer auch das Instrument konsequenter, gegebenenfalls zeitlich begrenzter Quotierungen in Institutionen. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass man in Kanada auch mit dem weicheren Instrument kontinuierlicher Messung und Berichterstattung bezüglich der Zusammensetzung von Gremien und Belegschaften gute Erfolge erzielen konnte. In jedem Fall müssten in Deutschland aktiv Maßnahmen ergriffen werden, die darauf zielen, dass sich die Vielfalt der Gesellschaft auch in ihren Institutionen widerspiegelt. Gerade der jungen Generation mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, müsse stärker als bisher ihre Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft signalisiert werden.

Janina Kugel, Shermin Langhoff, Prof. Klaus-Dieter Lehmann und Arun Maira (v.l.n.r.) Janina Kugel, Shermin Langhoff, Prof. Klaus-Dieter Lehmann und Arun Maira (v.l.n.r.)

Der Round Table zum Reinhard Mohn Preis 2018 machte deutlich, dass die Anerkennung der kulturellen Vielfalt in Deutschland noch stärker im gesellschaftlichen Selbstverständnis etabliert werden muss und dass es konsequenter Maßnahmen bedarf, um die Teilhabe und Zugehörigkeit aller unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund zu fördern. Der im Rahmen des Reinhard Mohn Preises 2018 initiierte sektorübergreifende und internationale Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch kann zur Entwicklung nachhaltiger Lösungen einen wichtigen Beitrag leisten. Im Zuge der weiteren Stiftungsarbeit werden diese Impulse aufgegriffen und weitergeführt.

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