Im Vordergrund ein junges, lachendes Mädchen, im Hintergrund weitere, diverse Personen. Alle gleich gekleidet, in grün, und alle lachen.

Freiwilligendienste in Deutschland: Das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft

Freiwilligendienste sind für junge Menschen eine sinnvolle Zeit, um nach ihrem Schulabschluss ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln und sich für andere einzusetzen. Doch eine Studie in unserem Auftrag zeigt: Nur 11,5 Prozent eines Schulabgängerjahrgangs leisten einen solchen Dienst. Zudem sind junge Menschen aus benachteiligten Familien deutlich unterrepräsentiert.

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Mehrdad Mehregani
Project Manager

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Freiwilligendienste sind eine besonders wirkungsvolle Form bürgerschaftlichen Engagements. Junge Menschen nutzen sie, um nach ihrem Schulabschluss und vor dem Beginn ihres Studiums oder ihrer Ausbildung ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln und sich für andere einzusetzen. Die Gesellschaft profitiert, weil Freiwilligendienste mittlerweile aus vielen sozialen Bereichen nicht mehr wegzudenken sind und einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl leisten, indem sie Orte der Begegnung schaffen und dort Hilfe anbieten, wo sie besonders benötigt wird.

Seit Ende der 2000er Jahre sind die Freiwilligendienste stark gewachsen, insbesondere im Zusammenhang mit der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes im Jahr 2011. In den Jahren 2017/18 wurde mit 87.896 Freiwilligen unter 27 Jahren ein Höhepunkt erreicht. Seitdem sind die absoluten Teilnehmendenzahlen zurückgegangen auf 84.665 in 2020/21. Betrachtet man allerdings den Anteil der jungen Freiwilligen an den Absolvent:innen allgemeiner Schulen, wurde der Höhepunkt 2018 mit 11,7 Prozent erreicht und stagniert seitdem bei 11,5 Prozent. Im ersten Corona-Jahr konnte dieses Niveau gehalten werden, allerdings sind die Dienste im Ausland stark eingebrochen.

Formal höher Gebildete leisten häufiger Freiwilligendienste

Was das Profil der Freiwilligen angeht, hat sich in den vergangenen zehn Jahren wenig verändert. Es sind mehrheitlich junge Frauen, die einen Freiwilligendienst leisten. Ihr Anteil liegt im Durchschnitt bei ungefähr 60 Prozent, bei den Diensten mit internationalem Einsatzort sogar bei 70 Prozent. Zudem sind es mehrheitlich formal höher Gebildete, die Freiwilligendienste absolvieren: Etwas mehr als 50 Prozent verfügen über eine Hochschul- oder Fachhochschulreife. Bei den internationalen Diensten, die jedoch nur einen geringen Anteil an den Gesamtzahlen ausmachen, liegt der Anteil sogar bei 90 Prozent. Junge Menschen mit formal niedrigerer Bildung sind deutlich unterrepräsentiert.

Dass benachteiligte junge Menschen weniger Zugang zu Freiwilligendiensten finden, hat Gründe. Oftmals fehlen Informationen zu den Diensten und welche Möglichkeiten diese bieten. Gleichzeitig muss man sich Freiwilligendienste finanziell leisten können, da das Taschengeld für die Teilnehmenden oft nicht ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken.

„Erfreulich ist, dass sich rund 11,5 Prozent eines Schulabgängerjahrgangs freiwillig für das Gemeinwohl engagieren“, betont Mehrdad Mehregani, unser Experte für Integration. „Allerdings ist das Potenzial der Freiwilligendienste für den Zusammenhalt in der Gesellschaft noch nicht ausgeschöpft. Umso wichtiger ist es, Zugangshürden abzubauen, um auch sozio-ökonomisch benachteiligten jungen Menschen die Teilhabe an einem Freiwilligenjahr zu ermöglichen.“

Strukturelle Rahmenbedingungen müssen sich verbessern

Eine Steigerung der Anzahl und Diversität der Teilnehmenden ist nicht nur wünschenswert, sondern durchaus realistisch. Dazu schlägt die Studienautorin, Susanne Huth vom Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik GmbH (INBAS), drei Maßnahmen vor: Erstens den Ausbau attraktiver und angemessener Einsatzfelder für die Freiwilligen, zweitens die gezielte Ansprache und Gewinnung vielfältigerer Zielgruppen über maßgeschneiderte Kommunikations- und Mobilisierungswege sowie drittens die Verbesserung struktureller Rahmenbedingungen, insbesondere hinsichtlich der Vergütung.

Hierzu schlägt die Studie unter anderem die Erhöhung und Vereinheitlichung des Taschengelds auf 710 Euro pro Monat vor. Wenn sich Bund und Länder stärker als bisher an den Kosten der Freiwilligendienste beteiligen, könnten die Trägerorganisationen mehr Plätze anbieten. Ein wichtiger Hebel für den von der Bundesregierung beabsichtigten „nachfragegerechten“ Ausbau der Freiwilligendienste könnte auch ein Rechtsanspruch auf Teilfinanzierung beziehungsweise Förderung sein, wie er bereits im Eckpunktepapier der Jugend- und Innenministerien für ein Demokratiefördergesetz in der vorherigen Legislaturperiode angedacht war.