drei Menschen sitzen an einem Schreibtisch, ein vierter beugt sich von oben in die Gruppe und zeigt ein Papier

Wie Sozialpartner die Weiterbildung voranbringen können

Die Digitalisierung und das Bemühen, weniger Kohlendioxid zu produzieren, verändern rasant die Anforderungen in der Arbeitswelt. Damit Beschäftigte diesem Tempo gewachsen bleiben und die Fachkräftebasis nicht weiter bröckelt, müssen Mitarbeiter:innen und Arbeitgeber:innen das Thema Weiterbildung stärker in den Fokus rücken als bisher. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung analysiert, wie Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände mehr Möglichkeiten für Weiterbildung schaffen können.

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Die berufliche Weiterbildung wird in Deutschland in den verschiedenen Branchen sehr unterschiedlich gehandhabt. Der Staat setzt zwar den Rahmen, doch die Sozialpartner können diesen Rahmen anschließend mit konkreten Regeln ausfüllen. Mehr als 50 öffentlich zugängliche Vereinbarungen von Sozialpartnern hat das IAW Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht. "Leider besteht wenig Transparenz über die Vereinbarungen in der jeweiligen Branche", sagt André Schleiter, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung.

Die vorhandenen Regelungen erstrecken sich zunächst auf den zeitlichen und finanziellen Rahmen für Weiterbildung und welche Beschäftigtengruppen davon profitieren. Ebenso legen sie in Teilen fest, wie der Bedarf für Weiterbildung ermittelt wird, wie Betriebsräte einbezogen werden und was im Konfliktfall zu tun ist. Darüber hinaus geht es auch um branchenspezifische Themen. Nicht überall werden die Vereinbarungen der Sozialpartner allerdings auf der betrieblichen Ebene auch genutzt. Weiterbildung ist zwar ein entscheidender Baustein im Kampf gegen den Fachkräftemangel, aber in einigen Branchen sind die Fachkräfte bereits heute so stark eingespannt, dass die Zeit für die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen fehlt.

Corona-Pandemie könnte für Fortschritt sorgen

Hinzu kommt, dass befristet Beschäftigte und auch Teilzeitkräfte oft vom Anspruch auf Weiterbildung ausgeschlossen werden. Auch Beschäftigte mit geringen Qualifikationen und niedrigem Verdienst nehmen deutlich seltener an Weiterbildung teil als andere Arbeitnehmer:innen. In manchen Branchen gehört das Thema Weiterbildung in den Verhandlungen der Sozialpartner noch zu oft zur Verhandlungsmasse, die bei Bedarf zur Disposition gestellt wird.

Ausgerechnet die Corona-Pandemie könnte allerdings für Fortschritt sorgen. Die Krise hat in einer steilen Lernkurve für alle Betroffenen gezeigt, wie wichtig digitale Lernformen sind. Das gilt auch für die berufliche Weiterbildung. Digitale Angebote bieten gleich mehrere Vorteile: Sie sind nicht nur flexibler und meist kostengünstiger als Präsenz-Angebote sondern sie stärken auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. "Digitale Weiterbildungsformate ermöglichen es, dass Belegschaften in ihrer ganzen Breite und Vielfalt an Weiterbildungen teilnehmen können", sagt Schleiter. "Von diesen Möglichkeiten sollten die Sozialpartner noch viel stärker Gebrauch machen."

Richtungsweisend ist beispielsweise der Tarifvertrag zur Qualifizierung in der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg. Auf dieser Grundlage haben die Sozialpartner schon 2001 die AgenturQ gegründet, die Agentur zur Förderung der beruflichen Weiterbildung in der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg e.V.. Diese gemeinsame Einrichtung der Sozialpartner versteht sich als Impulsgeber für Betriebsräte und Unternehmen und begleitet sie, wenn sie mit neuen Ansätzen innovative Wege zur Sicherung von Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit gehen wollen.

Angebot passgenau auf Anforderungen einer Branche zuschneiden

Ähnliche Initiativen und Regelungen könnten auch in anderen Branchen die Rahmenbedingungen für mehr Weiterbildung schaffen. Dabei ist ein einheitliches Vorgehen gar nicht erforderlich. Die Studie zeigt vielmehr, dass die Vereinbarungen passgenau auf die Anforderungen einer Branche zugeschnitten werden könnten, ohne dabei die Gestaltungsautonomie der Betriebspartner einzuschränken. "Im passgenauen Zuschnitt für verschiedene Branchen liegt ein Potenzial zur Förderung der Weiterbildung, das es systematisch zu nutzen gilt", sagt Schleiter. "Die Sozialpartner müssen angesichts des Strukturwandels mehr Verantwortung übernehmen. Denn Weiterbildung ist ihre gemeinsame Gestaltungsaufgabe."

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