viele Kinder sitzen sich auf ihren Stühlen im Klassenraum gegenüber, sie halten ein Blatt Papier in der Hand
Symbolbild – © Veit Mette

Georg-Boeselager-Schule Heimerzheim: "Alle Schulen brauchen individuelle Förderung"

Autorinnen: Inge Michels und Angela Müncher

"Kann hier eine weiterführende Schule liegen?" Die Besucherinnen der Georg-von-Boeselager- Schule, von Bonn und Köln kommend, sind verunsichert. Sie stehen mit ihren Autos mitten in einem Wohngebiet aus Einfamilienhäusern und schauen sich um. Der Weg hierhin war im Laufe der Fahrt immer beschaulicher geworden. Die Ballungszentren am Rhein mit ihren Verkehrsströmen lagen gefühlte Hunderte Kilometer hinter ihnen. Die Landstraßen waren wenig befahren, wurden immer schmaler, dörflicher, Wiesen und Felder größer und weiter; am Horizont die bewaldeten Hügel der Eifel; Sonnenschein, Vogelgezwitscher, eine Wasserburg aus dem 13. Jahrhundert, Urlaubsstimmung …

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Dann die Einfahrt in ein Dorf: Heimerzheim. Es ist mit rund 6.000 Einwohnern der größte Ort in der Gemeinde Swisttal im Rhein-Sieg-Kreis und liegt etwa mitten im Dreieck Bonn, Euskirchen, Brühl (bei Köln). Das Navi fordert "bitte links abbiegen", Parkplatzsuche vor Einfamilienhäusern – sehr, sehr ruhig hier. Wo soll nur die Schule sein? Gefunden! Ein Parkplatz, etwas versetzt ein Flachdach- Gebäude aus den 70er-Jahren, viel Beton, ein leerer Schulhof und … da hinten: ein Kind! "Kannst du uns sagen, wo das Lehrerzimmer ist?" "Ja, ich bringe Sie hin." Angekommen!

Größer könnte der Kontrast zwischen drinnen und draußen kaum sein. Soeben noch eine eher verschlafene Vormittagsstille, jetzt Kinder, Lachen, offene Türen, helle Klassenzimmer, Farbe, Pflanzen, Gewusel … Die "Gästeführerin" ruft: "Ich komm' gleich Frau Hartmann, ich bring‘ nur die Besucher hoch!" Ein freundliches Nicken der Lehrerin, ein Lächeln für die Besucherinnen.

Vielfalt: Drei Schulen unter einem Dach

Die Georg-von-Boeselager-Schule ist eine Schule auf dem Land. Ihre Schülerinnen und Schüler kommen aus den umliegenden Dörfern, aus Dünstekoven und Neukirchen etwa, aus Müggenhausen, Straßfeld und Metternich. Mit der Umwandlung aus einer Verbundschule in eine Sekundarschule wird das Einzugsgebiet größer. Die weiterführende Schule ist nun auch für die etwas entfernter liegenden Vorgebirgsdörfer interessant. Zurzeit laufen Haupt- und Realschule aus, während die Sekundarschule nachwächst. Momentan hat sie drei Jahrgänge: die 5, die 6 und die 7 – aber schon jetzt gehören auch die Kollegen der auslaufenden Schulen dazu. Mit zwei Gymnasien, einer Gesamtschule und einem Berufskolleg benachbarter Städte wurde eine verbindliche Kooperation vereinbart, damit der Übergang in die gymnasiale Oberstufe gewährleistet werden kann.

Drei Schulen unter einem Dach. War das ein Grund, sich für Vielfalt fördern zu bewerben? Schulleiterin Angelika Polifka: "Ja. Wir haben uns aufgrund der Neugründung oder besser Umwandlung unserer Schule in eine Sekundarschule dazu entschlossen, Vielfalt fördern als Fortbildung für das ganze Kollegium umzusetzen. Wir haben zwar Erfahrung mit der Vielfalt von Schülern in Haupt- und Realschule, aber die Heterogenität der Schülerschaft, die aufgrund der Sekundarschule natürlich gegeben ist, dass wir also in einer Klasse vom Förderschüler bis zum Hochbegabten alle Facetten unterrichten, dafür wünschten wir uns Unterstützung." An der Georg-von-Boeselager-Schule mussten die Schulleiterin und ihr Team keine große Überzeugungsarbeit leisten: Votum der Lehrerkonferenz: einstimmig. Beschluss der Schulkonferenz: einstimmig. Und so startete die Schule Vielfalt fördern mit allen ca. 50 Lehrkräften und mit Zustimmung der Eltern.

Da das Kollegium sich aufgrund verschiedener Umwandlungen bereits seit rund zehn Jahren in einem Schulentwicklungsprozess befindet, fiel es ihm vergleichsweise leicht, diesen mit Unterrichtsentwicklung zu verknüpfen. Auch in Heimerzheim galt es, latente Widerstände zu überwinden – manche Lehrperson, die Pensionierung bereits im Blick, hielt sich lieber zurück. Doch je stärker der konkrete Bezug zur Praxis mit den Moderatoren herausgearbeitet werden konnte, je bereitwilliger auch die Schülerinnen und Schüler dem vereinbarten Classroommanagement folgten, umso mehr Lehrkräfte ließen sich inspirieren. Barbara Ulbrich, stellvertretende Schulleiterin, über die Fortbildner, die in NRW Moderatoren genannt werden: "Niemand hat starr an irgendwas festgehalten. Die Bedürfnisse der Schule wurden mit der Steuergruppe gut abgestimmt. Auch Schulen müssen individuell gefördert werden."

Ruhe ohne Bitten und Brüllen

Eine gute Vorbereitung auf den Unterricht, Rituale und Verfahrensabläufe sowie eine gute Kooperationsbeziehung zu Schülerinnen und Schülern und zu den Eltern sind die Basis für gelingendes Classroommanagment. Im Modul 1 der Fortbildung ist es dieser Baustein, in dem die Teams sich ganz konkret mit den Voraussetzungen eines gelingenden Unterrichts beschäftigen. Sie klären für sich, was genau sie in ihrem Unterricht verankern wollen, und vereinbaren Hospitationen mit dem 2 Fokus auf Aspekte, die sie selbst festlegen. An der Georg-von-Boeselager-Schule erkannte man schnell, dass der Erfolg des Classroommanagements aus dem Handeln und der guten Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern entsteht – nicht aus vielem Reden und schon gar nicht aus Ermahnen und Schimpfen. Weil der Vorteil im Unterricht in den jüngeren Jahrgängen, in denen zunächst der Umsetzungsschwerpunkt lag, verblüffend schnell offensichtlich wurde, hat die Steuergruppe für Schulentwicklung Classroommanagement als einen Schwerpunkt auf ihre Agenda gesetzt. Ein Ziel: Für die älteren Schülerinnen und Schüler in den Stufen 9 und 10 sollen altersgerechte Rituale erarbeitet und erprobt werden.

Angelika Polifka: "Das Classroommanagement ist ein absoluter Basisbaustein, dessen Wirkung wir sehr schnell bemerkten. Es wurde im Unterricht ruhiger, die älteren Schüler kamen pünktlicher. Wir achten jetzt in allen Klassen auf gleiche Rituale, auf ritualisierende Elemente, die den Kindern auch Sicherheit geben. Sie fordern die Rituale mittlerweile selbst ein. Mein persönliches Aha-Erlebnis war, als an einem Theaterabend nur mit dem Ruhe-Zeichen – der erhobenen Hand – erst die 5er und 6er, dann die 7er und dann auch die älteren Schüler der Klassen 8 ruhig wurden. Ohne Bitten und Brüllen, nur mit einem Zeichen!"

Rituale aus dem Classroommanagement der Georg-von-Boeselager-Schule

Beispiele:

Ruhe-Zeichen "Erhobene Hand":
Wenn alle Hände oben sind, geht es weiter. 

Begrüßung:
Alle Schülerinnen und Schüler stehen auf und legen ihre Materialien vor sich auf den Tisch. Wenn alle ihre Hände (fünf ausgestreckte Finger) erhoben haben, begrüßen sich Lehrer und Schüler. Dann setzen sich die Kinder. 

Ampelsystem in den Klassen:
Wäscheklammern stehen bei allen Kindern auf Grün. Bei Störungen wird das Kind auf Gelb gesetzt, bei Rot greift der Notfallplan: Darin sind Kollegen eingetragen, die den Schüler in ihren Unterricht aufnehmen. Er oder sie bekommt Arbeitsmaterial und wird in die Klasse des Kollegen oder der Kollegin gebracht. 

Wenn es in einer Klasse mit der Pünktlichkeit hapert:
Auf einem großen Plakat wird jede Minute eingetragen, die ein Schüler zu spät kommt. Das macht jede Lehrerin, jeder Lehrer in dieser Klasse; so wurde es im Team verabredet. Am Ende des Unterrichtstages werden die Minuten zusammengezählt und der jeweilige Schüler arbeitet am gleichen Tag diese Minuten nach.

Die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler zur Selbsteinschätzung stärken

Ein weiterer Schwerpunkt der Schule im Programm Vielfalt fördern war die Stärkung der Selbsteinschätzungskompetenz der Kinder und Jugendlichen. Die Kolleginnen und Kollegen der Sekundarschule entwickelten einen Feedback-Bogen für die Hauptfächer Mathe, Deutsch und Englisch, der transparent kommuniziert, den Eltern bekannt gemacht wurde und von allen Lehrkräften der Fächer genutzt wird. Selbsteinschätzungsinstrumente bieten Schülerinnen und Schülern eine erste Möglichkeit, Stärken und Schwächen selbst zu erkennen und gemeinsam mit der Lehrkraft zu überlegen, wie sie daran arbeiten können. Pia Buchmann, Steuergruppenmitglied: "Es war für mich eine Bereicherung, dass wir im Modul Diagnostik überlegen konnten: Was machen wir schon gut, was können wir verbessern? Wir haben dann den Selbsteinschätzungsbogen, den wir schon hatten, überarbeitet. In Klasse 5 merkt man, dass die Kinder das noch nicht gewohnt sind, in Klasse 6 schätzen sie sich schon viel differenzierter ein. Das ist ein Lernprozess."

Mit einer der drei Ampelfarben Grün, Gelb und Rot markieren die Mädchen und Jungen zum Beispiel bei Klassenarbeiten, mit welchen Aufgabenformaten sie gut oder weniger gut zurechtkamen. Die älteren Schülerinnen und Schüler lernen, sich für bestimmte Bereiche gezielte Rückmeldung zu holen. Wenn sie etwa eine Präsentation gehalten haben, dann stellen sie die Reflexionsfragen selbst bzw. sagen vorher, zu was sie genau von den anderen Feedback haben möchten. Dabei achten die Lehrkräfte darauf, dass sie sich Entwicklungspunkte herausgreifen, die optimierungsfähig sind.

"Das Lernen verändert sich sehr positiv"

Um die Kinder sowohl in der Selbsteinschätzung als auch im Feedbackgeben anzuleiten, gibt es für die Jüngeren Satzvorgaben: "Ich fand gut, dass …", "Das und das solltest du verbessern". "Heute fand ich gut … " oder "Daran solltest du arbeiten", "Mein Tipp an dich ist …". Ziel ist eine positive, gezielte und grundsätzlich wertschätzende, nicht herabsetzende Rückmeldung. Geübt wird dies unter anderem anhand eines Reflexionswürfels mit sechs Zahlen. Die Kinder würfeln abwechselnd und lesen die Fragen ab. So steht bei der Zahl 4: Was hab ich heute gelernt? Oder bei der Zahl 1: Was fand ich an der Methode gut? Vor allem in den Nebenfächern wird der Würfel eingesetzt, möglichst jede Stunde fünf Minuten vor Unterrichtsende.

Pia Buchmann: "Dadurch verändert sich das Lernen sehr positiv. Die Kinder können mir zum Beispiel sagen: Ich hatte Schwierigkeiten mit der Betonung. Sie können mir genau erklären, was die Schwierigkeit in der Methode war. Dann kann ich es im nächsten Unterricht versuchen besser zu machen. So gibt es in den Stunden immer weniger Stolpersteine, es wird angenehmer für die Schüler, auch für mich. Die Kinder haben keine Angst, auch mal Kritik zu äußern. Das läuft jetzt ganz selbstverständlich und ist für mich selbst ein super Feedback." Brigitte Schäfer, Steuergruppenmitglied, ergänzt: "Gerade die Rückmeldung zu den Aufgabentypen durch die Schüler hilft mir zu sehen, welche Schwerpunkte ich im Unterricht setzen muss, damit bei der nächsten Klassenarbeit genau dieser Aufgabentyp besser bewältigt werden kann." Einen weiteren Aspekt nennt Axel Fuhs, didaktischer Leiter und Mitglied der Steuergruppe: "Je weiter die Sekundarschule fortschreitet, umso wichtiger wird eine präzise Laufbahnberatung der Jugendlichen. Wir hoffen, dass sie nach sechs Jahren in der Lage sind, sich und ihre Stärken und Schwächen besser einzuschätzen, auch in Vorstellungsgesprächen. Sie sollen nicht überheblich reagieren, aber auch nicht zu selbstkritisch."

Die Rolle als Lehrende reflektieren

Den Lehrerinnen und Lehrern wurde nicht erst durch Vielfalt fördern klar, dass man in einer Sekundarschule – der "kleinen Schwester der Gesamtschule", wie sie in NRW inoffiziell genannt wird – nicht in den Raum hineinsprechen und davon ausgehen kann, dass alle Kinder das Gleiche verstehen. Im Programm fanden sie Zeit und Ressourcen, um ihre Rolle als Lehrende zu reflektieren: weg von der zentral dirigierenden Lehrkraft, hin zu einer stärker beratenden und unterstützenden Funktion. Schulleiterin Angelika Polifka: "Ich glaube grundsätzlich, dass das Projekt Vielfalt fördern einfach gut ist, sich der Vielfalt der Schülerinnen und Schüler sehr, sehr bewusst zu sein."

Davon profitieren nicht zuletzt die Schülerinnen und Schüler aus geflüchteten Familien. Geflüchtete Kinder werden in zwei Vorbereitungsgruppen unterrichtet, in denen sie drei Stunden pro Tag Deutsch lernen. Damit sie aber Kontakt zu anderen Kindern bekommen und ihre Deutschkenntnisse auch anwenden können, sind sie die restliche Zeit in Regelklassen integriert. Dort erhalten sie für die 4 anderen Stunden individuell zugeschnittene Unterrichtsmappen, die ihren Lernstand berücksichtigen. Die Lehrerinnen und Lehrer beobachten, dass gerade das stärker ritualisierte Classroommanagement diesen Kindern hilft, in der Schule Fuß zu fassen. Barbara Ulbrich, stellvertretende Schulleiterin: "Es gibt ja Kinder, die jahrelang nicht zur Schule gegangen sind; und je mehr Ritualisierungen und je mehr Struktur es gibt, desto leichter finden sie in die Schule hinein." Insgesamt ist die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft in der ländlich gelegenen Georg-von- Boeselager-Schule relativ homogen. Nur wenige Familien haben einen Migrationshintergrund, eine große Gruppe sind sogenannte Russlanddeutsche.

Reflektieren wird zur Entlastung

Vielfalt fördern hat eine ganze Reihe von Reflexionsprozessen angestoßen. Im Unterricht und in der Unterrichtsvorbereitung setzt sich das so fort, dass wenig als selbstverständlich hingenommen wird. Es wird beobachtet, analysiert, hinterfragt, nachgesteuert. Das Kollegium schätzte an der zweijährigen Fortbildung, genau diese Zeit zu bekommen, sich immer wieder in Ruhe miteinander verständigen zu können, Materialien mitbringen zu dürfen und im Team zu sichten, Pläne zu entwickeln. Diese Möglichkeit zur Selbstreflexion wurde als Entlastung erlebt. Es wurde ausprobiert, reflektiert, was warum gut gelingt, welche Themen bei den nächsten Fortbildungstagen angesprochen werden sollen. Brigitte Schäfer, Steuergruppenmitglied: "Ich würde sagen: Wir waren schon auf dem richtigen Weg, wir haben uns aber mit Vielfalt fördern auf ein höheres Niveau gebracht. Und alle sind daran beteiligt, nicht nur die neuen Lehrer oder Referendare, die das von der Uni mitbringen."

Dabei soll es nicht bleiben. Die Schule hat sich nun vorgenommen, das, was angestoßen wurde, nachhaltig zu verankern. Es soll ein schulinterner Fortbildungsplan aufgestellt werden, um die zwei Fortbildungstage im Schuljahr, die dem Kollegium zustehen, bestmöglich zu nutzen. Neues soll nicht angefasst werden. Es ist vielmehr das Anliegen der Lehrkräfte, zu verstetigen und zu intensivieren, womit man sich zwei Jahre lang befasst hat.

Dangerous Darkmoor in Heimerzheim oder: Englischunterricht in einer 6. Klasse

Das Dartmoor ist eine Hügellandschaft in der englischen Grafschaft Devon. Der bekannte Krimi "Der Hund von Baskerville" wurde hier gedreht und auch das Buch "Fünf Freunde und das Monster im Moor" von Enid Blyton spielte dort; eine unheimliche Gegend also.

In einer 6. Klasse der Georg-von-Boeselager-Schule liegt mitten auf dem Boden eine große, sehr alt aussehende Karte des Moors, gezeichnet auf vergilbtem Papier. Schülerinnen und Schüler sitzen im Stuhlkreis um die Karte. Im Klassenzimmer ist es ruhig, rote Friedhoflichter flackern. Ein CD-Player wird eingeschaltet, Donner und das Geräusch von heftigem Regen dringen durch den Raum.

Dann macht eine Kladde aus Holz die Runde, darauf verschiedene Satzanfänge und Fragen, zum Beispiel: "How was your work today"? Eine Schülerin fragt, Finger gehen hoch, eine Klassenkameradin darf antworten: "Today my work was very good, because I had many ideas." Die Kladde wandert weiter, jeder kommt an die Reihe. Manche Kinder formulieren frei, andere nutzen die vorbereiteten Satzanfänge. 5 Nach einigen Frage-Antwort-Runden kommt die Ansage der Lehrerin: "Now you can start the work again." Zügig und unaufgeregt machen sich die Kinder an ihre Aufgaben. Zwei Jungen bereiten eine Art bewegten Scherenschnitt zu einer Geschichte vor, die sich in dem gefährlichen Moor zugetragen hat. Sie führen ihre Arbeit den Besucherinnen vor: auf dem Flur, mit einem Stuhl, einem Laken, einer Lampe und wenigen Utensilien. Andere Kinder glätten vergilbte Papierrollen, an den Ecken schwarze Brandränder ("die hat unsere Lehrerin zu Hause angekokelt, damit es echt aussieht"), und schreiben eine Geschichte. Zwei Mädchen aus geflüchteten Familien erarbeiten sich zusammen englische Vokabeln. Wieder andere führen ein Interview miteinander. Alle Kinder arbeiten konzentriert, aber sichtlich mit Freude.

Wie gefällt den Mädchen und Jungen der Unterricht? "Es ist toll. Wir können in Teams arbeiten", "Wir dürfen entscheiden, mit welcher Arbeit wir anfangen", "Wir verstehen uns alle gut. Es gibt keinen Streit. Wenn wir Gruppenarbeit machen, bleibt keiner allein", "Wir bekommen immer Hilfe, weil Frau Hartmann immer Zeit hat", "Das ist mein Lernzeitordner. Da trage ich ein, was ich schon gemacht habe", "Wir lernen ganz viel und wir haben nie Angst, uns zu melden", sagen zwei Mädchen. "Das war in der Grundschule anders. Wenn man hier mal was Falsches sagt, dann helfen einem die Mitschüler und auch die Lehrer. Das finden wir toll."

Die Lehrerin Annika Hartmann erläutert: "Wir schauen noch genauer auf jedes einzelne Kind, berücksichtigen dessen Belastungsniveau. Wir hatten bereits nach der Qualitätsanalyse auf kompetenzorientierte Standortlehrpläne umgestellt, also auf ein schulhauseigenes Curriculum. Bei Vielfalt fördern nutzten wir die Gelegenheit, die Lehrpläne im Team zu überarbeiten, die Feinarbeit zu machen. In Englisch arbeiten wir jetzt zum Beispiel so, dass immer ein Teamkollege den gesamten Lernplan für eine Unterrichtseinheit, zum Beispiel eine Unit, vorbereitet. Er stellt die Arbeitsmaterialien zur Verfügung, schreibt also im Grunde die gesamte Planung, die Sozialformen, die Hilfeblätter, alles, was man zusätzlich braucht, um den Unterricht auf den unterschiedlichen Leistungsstufen umzusetzen. Jeder ist dann mal mit irgendeiner Unit an der Reihe und jeder profitiert von der Vorarbeit des Kollegen oder der Kollegin."

Tipps aus der Steuergruppe

Das sollten Schulen beachten, die bei Vielfalt fördern einsteigen möchten:

"Die Kolleginnen und Kollegen sollten sich selbst sagen: Das gönnen wir uns. Wir professionalisieren uns, nehmen uns dafür Zeit."

"Wichtig ist das Votum der Schulkonferenz."

"Bei den Eltern sollte man um Vertrauen werben. Sie müssen einbezogen werden und zustimmen, dass die Kinder an den Studientagen zu Hause arbeiten."

"Die Steuergruppe muss engagiert sein und mit voller Überzeugung hinter dem Projekt stehen. Sie muss auch die enge Zusammenarbeit innerhalb der Schule und mit den Moderatoren, die ja wirklich notwendig ist, wollen."

"Man muss aufeinander zugehen und kompromissbereit sein und als Steuergruppe darauf achten, dass sowohl die Projektinhalte als auch das, was die Schule braucht, sehr sorgsam aufeinander abgestimmt werden."

"Die Steuergruppe sollte heterogen besetzt sein, zum Beispiel aus erfahrenen und jungen Kollegen bestehen."

"Die Steuergruppe sollte sich als Vermittlungsgremium verstehen, welches möglichst viele Kolleginnen und Kollegen mit ins Boot holt und als Bindeglied zwischen Kollegium und Moderatoren fungiert."

"Man sollte sich unbedingt trauen, die Moderatorinnen und Moderatoren anzusprechen, wenn etwas nicht passt. Die werden dann ihr Möglichstes tun, einen zufriedenzustellen."

"Man sollte möglichst früh und eindeutig alle Rollen und Erwartungen klären."

"Die Atmosphäre ist wichtig und die Haltung zur Fortbildung. Anfangs haben wir zum Beispiel die Pausen überzogen, kamen zu spät, wie die Schüler … (Lachen) Aber das hat sich dann geändert. Die Eltern sagen ja: ‚Wir schenken Ihnen diese Zeit. Die Kinder sind zu Hause, wir übernehmen die Betreuung.‘ Das ist ja keine Selbstverständlichkeit und verpflichtet uns, das Beste aus dieser Zeit zu machen."

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