Drei Mädchen stehen zusammen und reden miteinander, eine hält eine grüne Mappe an ihre Brust gedrückt
Symbolbild – © Veit Mette

Bildungsregion Rhein-Sieg-Kreis: Vielfalt fördern als Kraftquelle für Veränderungen

Ein Gespräch mit Diana Schikorra (Leiterin des Kompetenzteams Rhein-Sieg-Kreis, zuständig für Lehrerfortbildung), Wolfgang Dax-Romswinkel (Co-Leitung im Kompetenzteam), Petra Fallet-Viehmann (pädagogische Mitarbeiterin im regionalen Bildungsbüro Rhein-Sieg-Kreis), Mirjam Gräve (Lehrerin und Moderatorin).

Gesprächsführung: Inge Michels und Angela Müncher

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Vielfalt fördern startet im Rhein-Sieg-Kreis inzwischen im dritten Durchgang. Warum kam das Programm hier so besonders gut an?

Diana Schikorra: Das hat mit dem Schwerpunkt des Programms zu tun. Der Umgang mit Heterogenität ist für die Schulen im Kreis ein wichtiges Handlungsfeld. Mit großem Engagement stellen sich Lehrkräfte den damit verbundenen Herausforderungen. Und um konkret auf Ihre Frage einzugehen: Im Projekt Vielfalt fördern sehen die Schulen in diesem Zusammenhang ein wichtiges Unterstützungsangebot. Besonders neu gegründete Schulen und Schulen auf dem Weg zur Inklusion zeigten großes Interesse.

Wolfgang Dax-Romswinkel: Dazu ein paar Zahlen. Der Rhein-Sieg-Kreis weist einen starken Wandel in der Schulstruktur auf: Wir haben über 20 auslaufende Hauptschulen und Realschulen und 14 neu gegründete Sekundarschulen und Gesamtschulen. Durch die größer werdende Heterogenität der Schülerschaft ergibt sich der besondere Bedarf an vielen Schulen, die Lernkultur und das gemeinsame Verständnis von gutem Unterricht weiterzuentwickeln.

Hier greifen also eine generelle Schulentwicklung und eine spezielle Fortbildung passgenau ineinander?

Diana Schikorra: Ja, für viele Projektschulen war Vielfalt fördern genau das Passende zum richtigen Zeitpunkt. Schulentwicklung und die Gestaltung dieser Prozesse haben an Bedeutung gewonnen und die Schulen entscheiden sich immer dann für ein Fortbildungsangebot, wenn es ihren Anforderungen und Erwartungen entspricht und zu ihrem Entwicklungsprozess passt. Von Vielfalt fördern erwarten die Lehrkräfte Unterstützungsmöglichkeiten, um der Unterschiedlichkeit von Schülerinnen und Schülern bestmöglich gerecht zu werden.

Petra Fallet-Viehmann: Hinzu kommt sicher auch, dass Vielfalt fördern nicht nur die Entwicklung in der Einzelschule, sondern auch in der Region fördert. Die Fortbildung bietet die Möglichkeit, sich über Schulformen hinweg auf ein gemeinsames Schulentwicklungsinteresse zu verständigen, aber auch vielfältige Perspektiven und Erfahrungen anderer reflektiert für die eigene Arbeit zu nutzen. Daran sind die Schulen der Region sehr interessiert, das verbindet und stärkt. Dass die anschließende Ausgestaltung an jeder einzelnen Schule eine eigene Herausforderung ist, ist klar. Zum Gelingen führt nicht nur, sich auf den Weg zu machen, nachdem man etwas miteinander konzipiert hat, sondern auch Widerstände zuzulassen und Aushandlungsprozesse einzuplanen und zu nutzen.

Stichwort Widerstände: Wie gehen Sie damit um?

Mirjam Gräve: Bei einem Projekt, das auf zwei Jahre ausgerichtet ist, ist Widerstand normal. Skepsis, Kritik, Zögern gehören dazu. Ich nehme Widerstände ernst und gehe nicht darüber hinweg. Für mich ist es wichtig zu wissen, was hinter dem Widerstand steht. Wenn ich Widerstand wahrnehme, spreche ich dies offen an. Ich versuche, Alternativen zu finden, oder rege einen Diskussionsprozess an. Immer wieder stellt sich heraus, dass innerschulische Angelegenheiten die Ursache sind.

… weil zum Beispiel die innerschulischen Absprachen nicht funktionieren?

Petra Fallet-Viehmann: Das kann ein Grund sein. Moderatorinnen und Moderatoren sind ja immer im direkten Austausch mit den Steuergruppen. Diese spielen im Projekt eine zentrale Rolle. In allen Schulentwicklungskontexten, also auch jenseits von Vielfalt fördern, berichten Schulen uns, dass es nicht schwer ist, einen Konsens zur Einrichtung einer Steuergruppe zu erzielen. Damit ist aber noch nicht hausintern geklärt und akzeptiert, wer welche Verantwortung übernimmt. Wir erleben es im Alltag immer wieder, dass die Kolleginnen und Kollegen der Steuergruppe, sofern sie nicht der Schulleitung angehören, Routinen gewinnen müssen, um den Prozess zu steuern und zu führen. Und dieser muss als solcher immer wieder neu ausbalanciert werden.

Vielfalt fördern geht über mindestens zwei Jahre. Wenn Schulen im Aufbau sind, wie einige bei Ihnen im Rhein-Sieg-Kreis, dann kommt dort jedes Jahr ein neuer Jahrgang hinzu, das Kollegium wird ebenfalls von Jahr zu Jahr bunter – wie wird das Erarbeitete weitergegeben?

Mirjam Gräve: An den Schulen, an denen ich als Moderatorin tätig war, haben wir immer dann, wenn neue Kolleginnen und Kollegen dazukamen, eine kleine, komprimierte Veranstaltung zu den bisherigen Themen gemacht. So konnten sie auf dem Weg von Vielfalt fördern mitgenommen werden und den Geist des Programms nachvollziehen. Wirkt sich das letztendlich auch positiv auf die Nachhaltigkeit des Programms aus? Diana Schikorra: Wenn es darum geht, begonnene Entwicklungen fortzusetzen, finden Schulen unterschiedliche Wege. In vielen Fällen arbeiten Kolleginnen und Kollegen im Anschluss an das Projekt mit dem Kompetenzteam weiter. Fortbildungen in den Fächern oder die Unterstützung durch die Schulentwicklungsberaterinnen und -berater werden als sehr hilfreich empfunden.

Mirjam Gräve: An einigen Schulen erlebe ich, dass Kolleginnen und Kollegen nach Abschluss des Programms gezielt aus der Steuergruppe in die Schulentwicklungsgruppe wechseln und weiterführen, was während der Fortbildung entstanden ist.

Eine Frage zu den Kompetenzteams: Haben Sie den Eindruck, dass die Arbeit des Kompetenzteams durch Vielfalt fördern stärker wahrgenommen wird?

Wolfgang Dax-Romswinkel: Grundsätzlich werden wir in der Region als verlässlicher Partner im Bereich Fortbildung wahrgenommen. Wir arbeiten mit vielen Schulen kontinuierlich eng zusammen. Vielfalt fördern bereichert auf jeden Fall unser Angebot. Und wir freuen uns darüber, Projektregion zu sein. Gerade die Auftaktveranstaltungen und die Austauschtreffen in der Region bieten vielfältige Gelegenheiten, um mit Schulen ins Gespräch zu kommen und im Zusammenspiel von Kompetenzteam und regionalem Bildungsbüro auf die Unterstützungsmöglichkeiten in der Region aufmerksam zu machen.

Zum Schluss noch eine Frage zum Kern von Schule: Vielfalt fördern wurde vor allem als ein Fortbildungsprogramm für Unterrichtsentwicklung konzipiert. Nehmen Sie nachhaltige Veränderungen im Unterricht wahr?

Mirjam Gräve: Aus meiner Sicht hat das Didaktik-Modul zu einschneidenden Veränderungen geführt. Manche Fachgruppen haben neue Unterrichtskonzepte eingeführt. Das Team ist zusammengerückt, entwickelt gemeinsam Konzepte, Materialien und Medien. Für den Baustein kooperatives Lernen nehme ich wahr, dass das Ausprobieren und Reflektieren von verschiedenen kooperativen Methoden dazu geführt hat, dass ein Kollegium überlegt: Welche kooperativen Methoden möchten wir für die ganze Schule als Konzept einführen? Wenn daraufhin beispielsweise kooperative Methoden nicht nur sporadisch eingesetzt werden, bin ich sicher, dass sich Unterricht verändert.

Diana Schikorra: Am Ende des Projektes – bei gemeinsamen Abschlussveranstaltungen – erlebe ich häufig, dass Kolleginnen und Kollegen mit großem Stolz auf die zwei Jahre blicken und darauf, was sie gemeinsam geschafft haben. Ich denke, Vielfalt fördern wurde für viele Schulen im Rhein-Sieg-Kreis zu einer echten Kraftquelle.

3 Tipps zum gelingenden Auftakt von Vielfalt fördern

Der Rhein-Sieg-Kreis erstreckt sich auf 1.153 Quadratkilometern südlich von Köln und umschließt zu beiden Seiten des Rheins die Stadt Bonn. Mit seinen rund 580.000 Einwohnern in insgesamt 19 Städten und Gemeinden ist der Rhein-Sieg-Kreis einer der größten Kreise in Deutschland.

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