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Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist in der Pandemie deutlich zurückgegangen

Unsere aktuelle Studie zeigt, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Baden-Württemberg seit 2019 deutlich schwächer geworden ist. Vor allem jüngere Befragte haben unter der Pandemie gelitten. Die Ergebnisse lassen auch Rückschlüsse auf eine bundesweite Entwicklung zu.

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Foto Kai Unzicker
Dr. Kai Unzicker
Senior Project Manager

Kernergebnisse in Berlin vorgestellt

Kernergebnisse in Berlin vorgestellt

Die Spuren, die die Pandemie im sozialen Miteinander hinterlassen hat, sind deutlich zu erkennen. So sagten 2019 noch über 90 Prozent der Befragten, sie hätten Freunde, auf deren Hilfe sie jederzeit zählen könnten. Aktuell sagen dies nur noch 83 Prozent. Inzwischen sind auch fast 25 Prozent der Befragten der Auffassung, man könne sich auf niemanden mehr verlassen. Vor der Pandemie sagten dies gerade einmal 9 Prozent. Auch das Vertrauen gegenüber gesellschaftlichen Institutionen ist schwächer geworden: So haben sich die Anteile derjenigen, die Polizei und Gerichten mit Misstrauen begegnen, um jeweils rund 10 Prozentpunkte erhöht.

Dies sind erste Kernergebnisse unserer aktuellen Studie "Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Baden-Württemberg 2022", die wir am 13. Mai in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Lisa Paus und dem baden-württembergischen Sozialminister Manfred Lucha vorgestellt haben (hier geht es zum Video der Veranstaltung "Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Gefahr?"). Damit liegt nun ein erster Kurzbericht vor. Die detailliertere Langfassung der Studie erscheint in Kürze. 

Für diese Studie haben wir die Resultate von vorherigen Umfragen aus den Jahren 2017 und 2019  mit aktuellen Zahlen vom Jahreswechsel 2021/2022 miteinander verglichen. Dabei zeigte sich, dass es in acht von neun untersuchten Dimensionen und in allen Regionen des Bundeslandes zwischen 2019 und 2021/2022 einen erheblichen Rückgang gegeben hat. Insgesamt ist unser Index für Zusammenhalt, der Werte von 0 bis 100 annehmen kann, in den letzten zwei Jahren von 64 auf 54 Punkte deutlich gesunken.

Diese Schwächung des Zusammenhalts ist auch deshalb bemerkenswert, weil in allen unseren früheren Untersuchungen, die Werte entweder stabil geblieben oder tendenziell sogar eher größer geworden sind. Einen solchen Rückgang wie jetzt in der Pandemie konnten wir noch nie verzeichnen.

Kai Unzicker, Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung

Pandemie hinterlässt Spuren in der Gesellschaft

Zwei Drittel unserer Befragten berichten in der Umfrage davon, dass sie vermehrt Konflikte in der Bevölkerung wahrnehmen. Etwa 60 Prozent sind der Meinung, die Pandemie schwäche den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Das ist auch nicht überraschend, denn die Monate der Krise waren, neben den unmittelbaren gesundheitlichen Folgen der Corona-Pandemie, auch darüber hinaus belastend: Rund 30 Prozent geben an, seit Ausbruch der Pandemie ständig oder häufig unter Erschöpfung und Müdigkeit zu leiden, 20 Prozent berichten von Konzentrationsschwierigkeiten und über zwei Drittel der Befragten sagen, dass sie sich zumindest gelegentlich ängstlich und nervös fühlen.

Ebenfalls zeigte sich im Zuge der Pandemie das große Potential für Verschwörungsglauben in der Bevölkerung, beispielsweise ist ein Drittel der Befragten der Meinung, geheime Organisationen übten im Hintergrund großen Einfluss auf politische Entscheidungen aus.

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In fast allen von uns untersuchten Dimensionen ist der gesellschaftliche Zusammenhalt in Baden-Württemberg seit 2019 zurückgegangen. Sie können diese Grafik am Ende dieses Artikels in höherer Auflösung herunterladen.

Erstmals bewertet nur noch eine Minderheit den Zusammenhalt vor Ort als gut

Dies alles wirkt sich auch auf die Wahrnehmung des eigenen Umfelds aus. In früheren Studien zeigte sich regelmäßig, dass eine große Mehrheit zwar den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt als gefährdet ansah, aber zugleich der überwiegende Teil der Befragten den Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend als gut oder sehr gut einschätzte.

In der aktuellen Studie bewertet erstmals auch eine Mehrheit den Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend skeptisch. Waren 2019 noch 80 Prozent der Befragten der Auffassung, der Zusammenhalt im eigenen Umfeld sei gut oder sogar sehr gut, sagen dies in der jüngsten Befragung gerade mal noch 47 Prozent.

In der langen Reihe der Krisen, die die Gesellschaft in den letzten Jahren erlebt hat, stellt die Pandemie insofern eine Ausnahme dar, als sie die erste Krise ist, die flächendeckend für fast alle Menschen spürbare Konsequenzen in ihrem eigenen Alltag hat. Daher rührt vermutlich auch der pessimistische Blick auf den Zusammenhalt vor Ort in unserer Befragung.

Kai Unzicker, Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung

Jüngere Befragte deutlich stärker durch die Pandemie belastet

In unserer Studie haben wir uns außerdem noch gezielt mit der Lage jüngerer Menschen beschäftigt. Dabei zeigte sich, dass jüngere Befragte in den Monaten der Pandemie stärker belastet waren. So geben 47 Prozent der zwischen 16- und 24-Jährigen, aber nur 29 Prozent der älteren Befragten an, sich seit Beginn der Pandemie oft oder sogar immer müde und erschöpft zu fühlen. 58 Prozent der jüngeren Befragten sagen außerdem, sie hätten unter den Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie gelitten, während dies von den älteren Befragten nur 37 Prozent sagen.

Mehr als 40 Prozent aller Befragten sind – unabhängig vom konkreten Wohnort – der Meinung, während der Pandemie habe sich die Situation für Jugendliche in ihrer eigenen Wohngegend verschlechtert. Generell bewerten die Befragten die Situation für Jugendliche in Großstädten kritischer als in Kleinstädten oder ländlichen Regionen. Wobei sowohl die Freizeit- als auch die Unterstützungsangebote in größeren Ortschaften als besser angesehen werden als in kleineren Gemeinden.

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Ergebnisse aus Baden-Württemberg liefern Hinweise für Situation in Deutschland

Die hier vorliegende Befragung fand ausschließlich in Baden-Württemberg statt. Dennoch gehen wir davon aus, dass sich aus den vorliegenden Ergebnissen durchaus Erkenntnisse für die Entwicklung in ganz Deutschland ableiten lassen.

Hierfür sprechen unter anderem auch die Ergebnisse einer deutschlandweiten Umfrage, die bereits Mitte März veröffentlicht wurde, die jedoch nur Teilaspekte des Zusammenhalts untersucht hatte. Dort zeigten sich ähnliche Verläufe für ganz Deutschland, wie sie auch jetzt in Baden-Württemberg nachgewiesen sind. Daher lässt sich vermuten, dass bei allen regionalen Unterschieden und Besonderheiten, die Entwicklungen in Baden-Württemberg eher einen generellen Trend darstellen und nicht für das Bundesland spezifisch sind. 

Mit Dialog und Begegnungsorten zu mehr Zusammenhalt

In unserer Studie haben wir zahlreiche Empfehlungen formuliert, wie sich der Zusammenhalt ganz allgemein stärken lässt, aber auch wie Politik und Gesellschaft jetzt im Nachgang der Pandemie und angesichts neuer Krisen auf den geschwächten Zusammenhalt reagieren können. 

Beispielsweise schlagen wir eine ganze Reihe von gezielten Maßnahmen für jene Bevölkerungsgruppen, die einen schwächeren Zusammenhalt erleben, vor, wie etwa den Abbau von Benachteiligungen für Frauen oder mehr Beteiligungsmöglichkeiten für Menschen mit Migrationshintergrund.

Außerdem empfehlen wir Dialogformate und Begegnungsorte, um das verloren gegangene zwischenmenschliche Vertrauen wieder aufzubauen, ebenso wie die Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen, um möglichst rasch einen Neustart für das soziale Leben in den Kommunen zu erreichen.