JugendExpert:innenTeam mit Dr. Franziska Giffey und Dr. Jörg Dräger

Neu denken gegen Kinderarmut

Unter dem Titel „Neu denken | Teilhabe sichern | Kinderarmut vermeiden“ fand am 5. Juli 2018 eine Tagung in Berlin statt. Ziel der Tagung war es, das gemeinsam mit unserem wissenschaftlichen Expert:innenbeirat entwickelte Konzept einer Teilhabe gewährleistenden Existenzsicherung für Kinder und Jugendliche vorzustellen. Großen Eindruck hinterließen an dem Tag die Beiträge unseres JugendExpert:innenTeams, das das Konzept und die Ergebnisse aus Sicht junger Menschen kommentierte.

Foto Antje Funcke
Antje Funcke
Senior Expert Familie und Bildung
Foto Sarah Menne
Sarah Menne
Senior Project Manager
Foto Mirjam Stierle
Mirjam Stierle
Project Manager

Inhalt

Zum Auftakt der Tagung mit 140 Gästen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Verbänden machte Vorstandsmitglied Dr. Jörg Dräger deutlich, dass eine Neuausrichtung der Familienpolitik nötig ist: Angesichts dauerhaft hoher Kinderarmutszahlen müsse die Politik die Bedarfe von jungen Menschen stärker in den Blick nehmen.

Kinder und Jugendliche sind nicht 62 Prozent des Regelbedarfes eines Erwachsenen, sie haben eigene Bedarfe.

Dr. Jörg Dräger

Um diese zu gewährleisten und allen jungen Menschen ein gutes Aufwachsen und Teilhabe zu sichern, sei es notwendig, die drei ineinandergreifenden Bausteine des Konzepts umzusetzen. Das JugendExpert:innenTeam unterstrich diesen Punkt, forderte aber zugleich, dass Erwachsene Kindern und Jugendlichen mit einer anderen Haltung begegnen müssen: Sie sollen sie endlich ernst nehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen.

Die Bedarfserhebung oder „Fragt uns – auch, was ihr fragen sollt!“

Prof. Tanja Betz und Prof. Sabine Andresen (beide Goethe-Universität Frankfurt am Main) stellten mit der Idee der neuen und auf Dauer angelegten Bedarfserhebung den ersten Umsetzungsbaustein des Konzepts vor. Tanja Betz betonte, dass mehr Wissen über die Bedarfe und Interessen von jungen Menschen notwendig ist. Kinder und Jugendliche müssen daher im Rahmen einer Bedarfserhebung selbst befragt und beteiligt werden. Das ist auch dem JugendExpert:innenTeam sehr wichtig: Mit der Forderung „Fragt uns – auch, was ihr fragen sollt!“ brachten sie das auf den Punkt. Denn Kinder und Jugendliche können in einigen Bereichen allein Auskunft darüber geben, was für sie zum Aufwachsen dazu gehört. Wie lohnend es ist, Kinder und Jugendliche zu befragen, zeigte dabei Sabine Andresen. Sie präsentierte erste Ergebnisse des internationalen Surveys Children’s Worlds und von Gruppendiskussionen mit Kindern und Jugendlichen zu ihren Bedarfen.  

Das Teilhabegeld – vermeidet Bürokratie und Scham

Prof. Thorsten Kingreen (Universität Regensburg) stellte im Anschluss die Grundidee des zweiten Bausteins des Konzepts vor – das Teilhabegeld. Das aktuelle System der Existenzsicherung sei zu komplex und undurchsichtig, erklärte Kingreen. Das Geld komme vielfach nicht dort an, wo es gebraucht werde. Notwendig ist daher eine neue finanzielle Leistung: Das Teilhabegeld bündelt bestehende finanzielle Leistungen. Es wird mit steigendem Einkommen der Eltern abgeschmolzen, um Kinder und Jugendliche in Armut gezielt zu unterstützen. Anspruchsberechtigt sind dabei die Kinder und Jugendlichen selbst, an deren Bedarfen sich die Höhe des Teilhabegelds ausrichten muss.

Prof. Martin Werding (Ruhr-Universität Bochum) zeigte anhand erster Modellrechnungen, wie das Teilhabegeld konkret aussehen könnte. Er betonte jedoch, dass die genaue Höhe der Leistung noch nicht bestimmt werden könne – Grundlage dafür müssten die Ergebnisse der geplanten Bedarfserhebung sein. Prof. Christian Seiler (Universität Tübingen) ergänzte, dass die Kinderfreibeträge neben dem Teilhabegeld bestehen bleiben müssen. Sie gewährleisten die verfassungsrechtlich gebotene steuerliche Verschonung des kindlichen Existenzminimums. Abschließend plädierte Dr. Jürgen Borchert (Sozialrichter a. D.) dafür, den Systemfehler in den Sozialversicherungssystemen endlich zu beheben und Familien mit Kindern bei den Beiträgen zu entlasten. Dieses Versäumnis ist ein wesentlicher Grund, warum in vielen Familien das eigene  Einkommen oft nicht ausreicht.

Das JugendExpert:innenTeam begrüßte den Vorschlag eines Teilhabegelds, da es die vielen bestehenden bürokratischen Hürden abbaue. Für junge Menschen sei außerdem wichtig, dass jedes Kind einen Anspruch auf das Teilhabegeld hat, wenn auch in unterschiedlicher Höhe. Dadurch werde verhindert, dass die Leistung mit Scham verbunden ist.

Kommt das Geld bei den Kindern an?

Ergänzend präsentierte Dr. Holger Stichnoth (ZEW Mannheim) erste empirische Ergebnisse zu der Frage, ob Geldleistungen bei den Kindern ankommen. Entgegen weitverbreiteter Vorbehalte gebe es keine Hinweise darauf, dass Eltern kindbezogene Leistungen zweckentfremden, so Stichnoth. Ein Generalverdacht gegen Eltern sei daher nicht angebracht.

„Deutschland, wir müssen reden“ – gute Bildung und wirksame Unterstützung vor Ort

In einem Poetry Slam unter dem Titel „Deutschland, wir müssen reden“ machte das JugendExpert:innenTeam deutlich, wie dringend Reformen im Bildungssystem aus Sicht der Jugendlichen sind. Sie wünschen sich eine bessere Bildung und in der Schule als Individuen, nicht als Job wahrgenommen zu werden. Zudem brauchen sie Vertrauenspersonen in Schulen, die sie begleiten und unterstützen. Sie müssen darüber informiert werden, welche Rechte und Ansprüche sie haben.

Prof. Anne Lenze (Hochschule Darmstadt) und Dr. Karin Jurczyk (Deutsches Jugendinstitut, München) konnten daran gut mit dem dritten Baustein des Konzepts anschließen: eine gute Infrastruktur und ein erreichbares und unbürokratisches Unterstützungssystem für Kinder, Jugendliche und Eltern vor Ort. Neben guten Kitas und Schulen, betonten die beiden Expertinnen, brauchen Eltern, aber auch Kinder und Jugendliche lebensweltnahe Anlaufstellen, in denen sie von vertrauensvollen Ansprechpersonen über Angebote und Leistungen informiert und beraten werden. Bund und Länder seien dabei verantwortlich für die notwendigen Ressourcen und Rahmenbedingungen, damit vor Ort flächendeckend qualitativ gute Arbeit geleistet werden könne. Anschließend kommentierte Dr. Heinz-Jürgen Stolz (Landeskoordinierungsstelle „Kommunale Präventionsketten“, Institut für soziale Arbeit, Münster) den Vorschlag aus Sicht der kommunalen Praxis.

Das muss die Politik jetzt tun!

Zum Abschluss der Tagung folgte eine prominent besetzte Podiumsdiskussion mit Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey, der niedersächsischen Sozialministerin Dr. Carola Reimann, dem Oberbürgermeister der Stadt Pirmasens Dr. Bernhard Matheis und Dr. Jörg Dräger. Die Podiumsteilnehmer:innen diskutierten, was sie von den Vorschlägen unseres Konzepts halten und wie Kinderarmut aus ihrer Sicht vermieden werden kann.

Mit einem eindrücklichen Schlussappell beendete das JugendExpert:innenTeam die Tagung: Es forderte alle Teilnehmenden dazu auf, keine leeren Hülsen mehr zu produzieren, sondern entschieden gegen Kinderarmut zu handeln.


Impressionen aus der Veranstaltung: