Container auf einem Schiff im Meer

Globalisierungsszenarien – Herausforderungen und Handlungsoptionen aus Sicht der deutschen Wirtschaft

Die globale Wirtschaft erlebt eine Phase rasanter Umbrüche. Technologischer Fortschritt und wachsende Rivalitäten zwischen den ökonomischen Supermächten verschärfen den geostrategischen Wettbewerb. Die USA, China, Europa und andere ambitionierte Akteure müssen ihre Volkswirtschaften entlang neuer Koordinaten ausrichten. Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt: Der Wunsch bei deutschen Unternehmen nach einem handlungsfähigen Europa, das fähig ist, sich und die Interessen der europäischen Wirtschaft in der Welt zu behaupten, ist groß.

Ansprechpartnerin

Foto Anika Sina Laudien
Anika Sina Laudien
Project Manager

Inhalt

Die Studie zeigt, wie sehr allen Unternehmen bewusst ist, dass sich mit geopolitischen Verschiebungen auch ihre Geschäftsgrundlage ändert. Viele Unternehmen sind darauf vorbereitet, sich unter bestimmten globalen Rahmenbedingungen zumindest teilweise vom Standort Deutschland ab- und anderen Weltregionen zuwenden zu müssen. Die Geschäftsmodelle mancher Branchen verlangen allerdings Großinvestitionen, die auf eine jahrzehntelange Produktion angelegt sind, um profitabel zu sein. Das gilt beispielsweise in der Grundstoff- und Chemieindustrie. Doch wenn der Absatz durch Produktionsweise oder Marktgegebenheiten nur lokal möglich ist, stellen solche Großinvestitionen im Ausland ein besonders großes Risiko dar.

Die Qualitäts- und Innovationsführer unter den deutschen Unternehmen trauen sich eher zu, auch in Krisenszenarien oder im Fall einer Blockbildung wirtschaftlich solide weiterarbeiten zu können. Dazu zählen Arzneimittelhersteller, die international ausgerichtet und sehr innovativ sind. Grundsätzlich gilt dies außerdem eher für Marktsegmente, in denen die Produktionskosten der Zulieferprodukte nur einen geringen Anteil der Gesamtkosten ausmachen.

Die EU kann entscheidend dazu beitragen, dass europäische Unternehmen auch in Zukunft wettbewerbsfähig sind und zum Wohlstand auf dem Kontinent beitragen. Die Unternehmen sind sich einig: Europas wichtigster Trumpf ist sein Binnenmarkt, der weltweit größte Wirtschaftsraum.

Vor diesem Hintergrund muss es Europas Ziel sein, den USA und China auf Augenhöhe entgegenzutreten. Andernfalls läuft Europa Gefahr, auf die Rolle eines Technologie-Enablers in ausländischen Märkten reduziert zu werden, also dort nur für einen gewissen Zeitraum eine tragende Rolle zu spielen und dann von Unternehmen aus China oder den USA verdrängt zu werden.

Ein sehr wichtiger Punkt hierbei ist für die Unternehmen neben dem Green Deal der Fokus auf Zukunftstechnologien. Europa muss technologisch attraktiv bleiben und für Forschung, Entwicklung und Wertschöpfung innerhalb der EU den Weg bereiten. Nur so werden europäische Unternehmen in der Lage sein, der internationalen Konkurrenz dauerhaft Paroli zu bieten. Mit Spitzentechnologien „Made in Europe“ könnten die Konsequenzen von drohenden Abschottungstendenzen in der Welt deutlich abgefedert werden.

Die Ausgangslage

Politisch ist die Welt zunehmend von der Rivalität der beiden Großmächte USA und China geprägt. In den Jahren der Trump-Regierung ist diese Rivalität in Form eines Handelskriegs erstmals als offener Konflikt zutage getreten. Die Rivalität scheint auch unter der Biden-Administration bestehen zu bleiben. Obwohl die Großmächte sich der Gefahren einer Eskalation durchaus bewusst sind, scheint ein kooperatives Arrangement im Sinne eines Multilateralismus- oder G2-Szenarios derzeit nicht der inneren Logik der Systeme zu entsprechen. Das Selbstverständnis der USA als Weltmacht im wirtschaftlichen, politischen und militärischen Sinne ist durch den Aufstieg Chinas auf grundlegende Weise herausgefordert.

China und die USA sind für deutsche Unternehmen große und wichtige Märkte, aber in vieler Hinsicht unterschiedlich und komplementär. In den USA haben viele Unternehmen über Jahrzehnte gewachsene Beziehungen und Verflechtungen, die USA sind Absatzmarkt, Produktionsstandort und Forschungsstandort. Gerade bei der Digitalisierung schlüpfen die USA in eine globale Vorreiterrolle. Durch ihre Finanzmärkte und die Dominanz des US-Dollar als Reservewährung beeinflusst das Land die Weltwirtschaft wie kein anderes. Zwar nutzten die Amerikaner ihr politisches Gewicht stets dazu, die einheimische Wirtschaft zu fördern, doch gleichzeitig schafft das Rechtssystem des Landes für deutsche Unternehmen einen sehr verlässlichen Markt. Addiert man Dienstleistungen und Handelsbilanzen miteinander, sind die USA Deutschlands größter Wirtschaftspartner.

China ist für viele deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten zu einem ähnlich wichtigen Markt herangewachsen. Wachstum und die Wachstumsprognosen sind auf Jahre hinaus weitaus größer als in den USA. Dem großen Potenzial steht jedoch ein schwierigeres Marktumfeld gegenüber. Mangelnde Rechtssicherheit, Diskriminierung ausländischer Unternehmen in Form von erheblichen Beschränkungen beim Marktzugang, erzwungene Technologietransfers oder unlautere Subventionen und staatliche Förderprogramme für chinesische Unternehmen führen dazu, dass viele deutsche Unternehmen damit begonnen haben, die Rolle des chinesischen Marktes neu zu bewerten. Früher wurde in China vor allem für den dortigen Markt produziert. Inzwischen sehen deutsche Unternehmen ihr Engagement in China kritischer. Viele deutsche Unternehmen fürchten zudem zu große Abhängigkeiten vom chinesischen Markt. Der Trend geht deshalb wieder in Richtung einer Produktion in China für China. Außerhalb des Landes aber möchten die Unternehmen Strukturen aufbauen, die China keinen Einfluss auf ihre Geschäfte ermöglichen. Kein Unternehmen treibt bislang ernsthafte Planungen voran, sich aus China oder den USA zurückzuziehen. Vielmehr suchen alle Strategien, um in beiden Märkten aktiv bleiben zu können.

Erwartungen der Unternehmen an die Politik

  1. Am häufigsten äußerten Unternehmen den Wunsch nach Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit der Europäischen Union, nach einem starken Europa, das fähig ist, sich und die Interessen der europäischen Wirtschaft in der Welt zu behaupten.
  2. Wichtig ist den Unternehmen aber nicht nur eine größere Geschlossenheit, sondern auch eine strategische Ausrichtung der europäischen Politik, die eine Generaldebatte zur Aufstellung der EU erfordere. Ziel müsse es sein, schnellere Entscheidungen zu treffen und mehr Schlagkraft nach außen zu entwickeln.
  3. Viele Unternehmen erhoffen sich, dass es Europa gelingt, politische Spielräume in der Konfrontation zwischen den USA und China für sich zu bewahren und dabei seine Industriestandards zu erhalten.
  4. Frieden und Sicherheit auf Basis einer starken transatlantischen Partnerschaft sehen die Firmen als Grundlage für erfolgreiches Wirtschaften.

Hintergrund

Die Bertelsmann Stiftung nahm gemeinsam mit dem Bund der Deutschen Industrie (BDI) die aktuellen globalen Entwicklungen zum Anlass, eine Workshop-Serie zu initiieren, in der unterschiedliche Zukunftsszenarien und deren Auswirkung auf die deutsche Wirtschaft diskutiert wurden. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut (ISI) und Vertreter:innen aus Wirtschaft und Politik wurden fünf Szenarien entwickelt, wie die Zukunft der Globalisierung aussehen könnte. Die Szenarien dienten als Grundlage für rund 30 Gesprächsrunden mit über 70 Teilnehmer:innen aus Wirtschaft, Verbänden und Politik. Zentrale Fragestellung der Diskussionen waren die jeweiligen Auswirkungen einzelner Szenarien auf deutsche Unternehmen, mögliche Reaktionsmuster und strategische Ableitungen.

Die Szenarien

Zwei der Szenarien beschreiben eine Welt, in der die EU ein starker Akteur ist – einmal vor dem Hintergrund eines wiederbelebten Multilateralismus (Reformierter Multilateralismus), ein anderes Mal in einem Spannungsfeld, in dem sich die Supermächte konfrontativ gegenüberstehen (Welt mit mehreren Blöcken). Ein drittes Szenario beschreibt, wie eine Welt aussehen könnte, in der die beiden Großmächte China und die USA dauerhaft im Konflikt stehen, während die EU zwischen ihnen aufgerieben wird (Welt in der Dauerkrise). Diskutiert wurde zudem eine Welt, in der die beiden Supermächte Seite an Seite dominieren und als Partner gemeinsame Interessen entwickeln (G2). Das fünfte Szenario (Kalter Frieden) wurde in den Gesprächen als eine Fortschreibung des heutigen Status quo behandelt.

     

Alternative text

Auf Basis dieser Modelle dachten die Diskussionsteilnehmer:innen über konkrete Auswirkungen der einzelnen Szenarien auf die deutsche und europäische Wirtschaft nach und entwickelten im weiteren Verlauf fundierte Strategien und längerfristige Handlungsoptionen für die Unternehmen. Dabei stand im Fokus ein pragmatischer Ansatz: Wie stellen sich deutsche Unternehmen auf eine Welt ein, die in mehrere Blöcke zerfällt oder in der sich die Großmächte USA und China den Globalisierungstrends (zumindest teilweise) widersetzen. Wie würden sich deutsche Unternehmen und Branchen auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen? Der Zeithorizont für die Überlegungen fokussierte sich auf das Jahr 2030. Zwei Aspekte wurden dabei als besonders relevante Faktoren definiert: einerseits das Verhältnis zwischen den USA und China und die Frage, ob sich die beiden Supermächte in Richtung Konfrontation oder Kooperation bewegen. Andererseits geht es um die künftige Rolle der EU – als kraftvoller Gestalter oder als Spielball der großen Mächte?

Die Szenarien stellen dabei lediglich Möglichkeitsräume dar, sie liefern keine verlässlichen Zukunftsvorhersagen. Sie beschreiben, welche Entwicklungen vorstellbar und wahrscheinlich sind, und veranschaulichen, wie Politik und Unternehmen unter den jeweils variierenden Rahmenbedingungen agieren könnten. Die Studie spiegelt den Inhalt der Gespräche wider und bietet Strategievorlagen für diejenigen, die sich in ihren Unternehmen mit solchen Herausforderungen auseinandersetzen.

Publikation