Medikamente und ein Smartphone stehen auf einem Tisch.
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, Gesundheits-Apps: Hürden erschweren Transfer in den Versorgungsalltag

Der Markt für Gesundheits-Apps entwickelt sich dynamisch. Jedoch gibt es bislang nur wenige Anwendungen "auf Rezept", also als reguläres Angebot für Patienten im Versorgungsalltag. Dem Gesundheitssystem gelingt es noch nicht, systematisch innovative Anwendungen zu identifizieren und in die Gesundheitsversorgung zu überführen. Die Bertelsmann Stiftung hat analysiert, woran das liegt und sechs zentrale Hürden ausgemacht.

Gesundheits-Apps für Bürger und entsprechende Webangebote unterscheiden sich in ihrer Art deutlich von anderen Innovationen im Gesundheitswesen. Aus dieser Andersartigkeit resultieren verschiedene Hürden beim Transfer der Anwendungen in den Versorgungsalltag. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse der Bertelsmann Stiftung. Die Stiftung hat zusammen mit dem Digital-Health-Experten Karsten Knöppler und seinem Team ein Transfermodell für Digital-Health-Anwendungen entwickelt und sechs zentrale Hürden ausgemacht. Diese Hürden sorgen demnach dafür, dass bislang nur sehr wenige Anwendungen im klassischen Gesundheitssystem verankert sind.

Ergänzt wurde die qualitative Analyse durch eine Befragung der 30 Experten aus dem Netzwerk des Stiftungs-Projekts "Der digitale Patient". Das Netzwerk besteht zur Hälfte aus Vertretern von Gesundheits-Start-ups, zur Hälfte aus anderen Akteuren zum Beispiel aus der Wissenschaft oder dem Journalismus. Den Ergebnissen zufolge fehlt es vor allem an einem Standard zum Nutzennachweis, der – etwa bei Studien-Dauer und Kosten – den besonderen Anforderungen des Felds gerecht wird. Hier sagen 73 Prozent der Experten, diese Hürde sei sehr bedeutend, für 19 Prozent ist sie eher bedeutend. Auch die Unsicherheit über mögliche Finanzierungswege für Gesundheits-Apps und der daraus resultierende Suchprozess in der gesetzlichen Krankenversicherung wird von 50  Prozent als sehr und 46 Prozent als eher bedeutende Hürde angesehen.

Darüber hinaus erkennen die Stiftung und die Experten Hürden in der Verständlichkeit der vielfältigen Regelungen der Medizinproduktezertifizierung, der technischen und "kulturellen" Interoperabilität zu Leistungserbringern sowie in der Intransparenz in Bezug auf das Marktangebot und die Qualität von Apps und anderen Anwendungen. Zudem zeigt die Analyse einen Mangel an spezifischen Forschungsförderungsprogrammen (ausführliche Beschreibungen der Hürden finden sich im Ergebnisbericht zur Analyse).

Noch kein systematischer Innovationstransfer

"Die Zahl der Gesundheits-Apps und neuen digitalen Lösungen für Patienten wächst stetig. Bei weitem nicht alle Anwendungen sind aus Public-Health-Sicht oder medizinisch relevant. Dem Gesundheitssystem gelingt es aber noch nicht, aus der Menge der Anwendungen systematisch diejenigen zu identifizieren und zu nutzen, die echte Potentiale für Qualität und Effizienz haben", so Timo Thranberend, Projektleiter bei der Bertelsmann Stiftung.

Auf der anderen Seite beklagten Start-ups, dass ihnen der Zugang in das Gesundheitssystem versperrt sei. "Viele Gründer entscheiden sich darum für Anwendungen, die sich auf dem 2. Gesundheitsmarkt direkt an zumeist gesunde Verbraucher richten. Oder sie fokussieren ausländische Märkte". Hierin liege auch ein Grund, dass Anwendungen für Menschen mit Risikofaktoren und chronisch Kranke bislang stark unterrepräsentiert sind. Es gäbe zwar schon Anwendungen "auf Rezept", jedoch sei der Transfer in den Versorgungsalltag derzeit häufig noch abhängig vom Engagement einzelner Pioniere aufseiten der Kostenträger sowie den Aktivitäten und der System-Kenntnis des jeweiligen Start-ups, so Thranberend. In der Folge würden Potentiale für Patienten und das System nicht ausgeschöpft.

Die bisherigen Logiken und Verfahren des Innovationstransfers sind nicht 1:1 auf Digital-Health-Anwendungen übertragbar.
Timo Thranberend, Projektleiter „Der digitale Patient“

Als zentralen Erklärungsansatz sieht die Stiftung die Andersartigkeit von Digital-Health-Anwendungen im Vergleich zu anderen Innovationen wie Arzneimitteln, Medizinprodukten oder neuen Versorgungsformen. So sind Digital-Health-Anwendungen häufig weder eine Prozess- noch eine Produktinnovation in Reinform, sondern eher als "Lösung" zu betrachten. Sie sind noch vergleichsweise niedrigpreisig und unterscheiden sich deutlich in ihren Release-Zyklen. Während diese bei Arzneimitteln rund 10 Jahre betragen, liegen sie bei Gesundheits-Apps und Webanwendungen mit regelmäßigen Updates häufig bei einem Zeitraum von unter einem Jahr. Die Folge: "Die bisherigen Logiken und Verfahren des Innovationstransfers sind auf diesen neuen Bereich nicht 1:1 übertragbar", so Thranberend. Zum Beispiel müsse ein Standard für den Nutzennachweis und für die Nutzenbewertung der Dynamik der technologischen Entwicklung angepasst werden.

Publikation

Publikation: Transfer von Digital-Health-Anwendungen in den Versorgungsalltag (Teil 1)

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