Viele Frauen reduzieren während der Kinderphase ihre Erwerbsarbeitszeit, um die Sorgearbeit zu Hause zu übernehmen. Doch auch danach verharren viele Frauen in Teilzeit, oft auch im Minijob. Unsere neue Umfrage zeigt: 50 Prozent der teilzeitbeschäftigten, verheirateten Frauen zwischen 45 und 66 Jahren geben an, eine Aufstockung lohne sich für sie finanziell nicht. Unter den Nichterwerbstätigen in dieser Gruppe sind es immerhin noch knapp 35 Prozent, für die sich eine Erwerbstätigkeit nicht lohnt.
© Paul Feldkamp
Nach Kinderphase: Ehegattensplitting bremst Beschäftigung von Frauen aus
Knapp die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen in Deutschland im Alter von 45 bis 66 Jahren gibt an, dass sich eine Ausweitung der Arbeitszeit für sie finanziell nicht lohnt. Sie werden durch das für sie steuerlich ungünstige Ehegattensplitting ausgebremst: Bliebe vom Zusatzverdienst mehr Netto übrig, würden mehr Frauen erwerbstätig werden oder ihre Arbeitszeit ausweiten. Damit könnten 175.000 zusätzliche Vollzeitstellen besetzt werden. Zudem ginge der Anteil schlecht abgesicherter Minijobs zugunsten sozialversicherungspflichtiger Voll- oder Teilzeitbeschäftigung zurück.
Inhalt
Bis zu 175.000 zusätzliche Vollzeitstellen durch Steuerreform möglich
Die repräsentative Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin) in unserem Auftrag zeigt deutlich, welches Potenzial eine Reform des Ehegattensplittings allein in der Gruppe der Frauen ab 45 Jahren besitzt. Die Erwerbsquote würde um knapp 1,5 Prozentpunkte wachsen, der Umfang der Arbeitsstunden um drei Prozent steigen. Zusammen ergibt das eine Zunahme des Arbeitsvolumens von knapp fünf Prozent. Unterm Strich entspräche das 175.000 zusätzlichen Vollzeitstellen. “Die Babyboomer beginnen jetzt, in den Ruhestand zu gehen, der demografische Wandel wird zur Belastungsprobe. Daher können wir es uns ökonomisch nicht leisten, dieses Potenzial ungenutzt zu lassen. Die Politik fordert, dass Mehrarbeit sich lohnen soll – das bleibt unglaubwürdig, solange wir ausgerechnet Frauen, die oft gerne mehr Erwerbsarbeit leisten wollen, beim Aufstocken ihrer Stunden mit hohen Steuersätzen ausbremsen”, sagt unsere Arbeitsmarktexpertin Michaela Hermann.
Das Ehegattensplitting begünstigt vor allem Paarkonstellationen, in denen ein Partner nahezu das gesamte Haushaltseinkommen erbringt und der andere Partner maximal einen Minijob hat. Zumeist hat die Ehefrau das geringere Einkommen. Wenn sie ihre Erwerbsarbeit ausweitet, schrumpft der Splittingvorteil und vom Mehrverdienst bleibt netto nur wenig übrig. Mehr Erwerbsarbeit lohnt sich daher finanziell oft nicht. "Wir brauchen eine Reform des Ehegattensplittings", sagt unser Arbeitsmarktexperte Eric Thode. “Ein auch verfassungskonformer Vorschlag liegt schon lange auf dem Tisch: An die Stelle des Ehegattensplittings sollte das Realsplitting treten. Damit wäre ein übertragbarer Grundfreibetrag analog zum aktuellen Unterhaltsrecht gewährleistet. Das würde die hohe Steuerbelastung von zusätzlichem Arbeitseinkommen reduzieren und die Aufnahme bzw. Ausweitung einer Beschäftigung attraktiver machen. Die zusätzlichen Steuereinnahmen sollte der Staat etwa in Form höherer Familienleistungen den Haushalten wieder zugutekommen lassen.”
Noch mehr Beschäftigung bei Aufteilung der Sorgearbeit und guten Arbeitsbedingungen
Darüber hinaus zeigten sich zwei Verstärker-Effekte, die eine Beschäftigung mit höherer Stundenzahl noch attraktiver machten: die gleichmäßige Aufteilung der Sorgearbeit und bessere Arbeitsbedingungen. Wird die Sorgearbeit zwischen den Partner:innen gleichmäßig aufgeteilt, steigen die durchschnittlichen Wochenarbeitsstunden signifikant an – bereits im aktuellen Steuersystem, und noch ausgeprägter unter einer Individualbesteuerung, also einer getrennten Veranlagung zur Einkommensteuer. Zudem zeigt die Erhebung, dass die Kombination aus Individualbesteuerung und geteilter Sorgearbeit zu höheren Zustimmungswerten (knapp 18 Prozent) für eine Vollzeiterwerbstätigkeit von 39 Stunden führt. Einen ähnlichen Effekt haben Arbeitsbedingungen, die mit geringer Belastung einhergehen. Sind diese gegeben, liegt auch hier der Anteil der Befragten, der sich einen Erwerbsumfang von 39 Wochenstunden wünscht, bei etwa 18 Prozent. Bei belastenden Arbeitsbedingungen und einseitiger Sorgearbeitsaufteilung sinkt der Anteil dagegen auf knapp 13 Prozent in beiden Szenarien.
“Frauen können eher in Vollzeit arbeiten, wenn die Voraussetzungen stimmen. Teilzeit – gerade in geringer Stundenzahl - ist eben oft kein 'Lifestyle', sondern eine Entscheidung, die von gegebenen Rahmenbedingungen geprägt ist. Mehr Netto vom Brutto, eine gleichmäßige Aufteilung der Sorgearbeit und gute Arbeitsbedingungen - das sind Treiber in Richtung Vollzeiterwerbstätigkeit”, sagt Michaela Hermann.
Materialien
Zusatzinformationen
Für die Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung befragte das DIW Berlin um das Team von Katharina Wrohlich 3.788 Frauen im Alter von 45 bis 66 Jahren in einer Online-Befragung im Juni und Juli 2025. Die zweistufige Erhebung setzt sich zusammen aus soziodemografischen Fragen sowie der Ermittlung von Gründen für die Wahl des aktuellen Erwerbsstatus und aus einem Vignettenexperiment, in dem den Befragten kurze, standardisierte Szenarien mit systematisch variierten Merkmalen vorgelegt werden. Die gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungseffekte wurden auf Basis der Vignettenergebnisse hochgerechnet.


