Eine blau-orange Grafik mit schattierten Wellen und Silhouetten von Menschen in verschiedenen Arbeits- und Alltagssituationen. Im Vordergrund sitzt links eine Person an einem Schreibtisch vor dem Computer, während rechts eine stehende Person einen Rollstuhlfahrer schiebt.

Angehörigen-Pflege: Fehlende Vereinbarkeit mit dem Job gefährdet im Jahr 2045 mehr als 200.000 Stellen

Rund 6 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, drei Viertel von ihnen werden von Angehörigen zu Hause betreut. 4,6 Millionen Menschen und damit 8,7 Prozent der Personen im Erwerbsalter leisten diese Pflegearbeit. Der demografische Wandel verschärft diesen Vereinbarkeitskonflikt. In knapp zwanzig Jahren werden 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter Angehörige pflegen – besonders betroffen sind Frauen. Ohne bessere Pflegevereinbarkeit steigt der Verlust an Erwerbsvolumen damit um ein Viertel an. Das zeigt die Analyse von Bertelsmann Stiftung und Prognos AG.

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Michaela Hermann
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Eric Thode
Senior Advisor

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Angehörige übernehmen einen wesentlichen Teil der Pflege in Deutschland. Mit der steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen wird ihr Beitrag in den kommenden Jahren noch wichtiger. Nach der Vorausberechnung von Bertelsmann Stiftung und Prognos werden 2045 voraussichtlich rund 13,3 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter ein Familienmitglied pflegen. 2023 waren es 8,7 Prozent. Damit wächst auch die Herausforderung, diese Verantwortung mit dem Beruf zu vereinbaren. "Wir dürfen den wachsenden Pflegebedarf nicht mit Rückschritten bei der Gleichstellung bezahlen. Da vor allem Frauen ihre Erwerbstätigkeit für die Pflege einschränken oder aufgeben, verlieren sie berufliche Perspektiven – und der Arbeitsmarkt dringend benötigte Fachkräfte. Der demografische Wandel macht es umso wichtiger, pflegende Angehörige zu unterstützen, statt ihre berufliche Teilhabe aufs Spiel zu setzen", sagt unsere Arbeitsmarktexpertin, Michaela Hermann.

Pflegebedingter Erwerbsverlust steigt auf bis zu 229.000 Vollzeitstellen im Jahr

Viele Menschen reduzieren ihre Arbeitszeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit, wenn sie Angehörige pflegen. Das hat auch Auswirkungen darauf, wie viel Arbeitskraft zur Verfügung steht. Für das Jahr 2026 beziffert die Analyse die mit der Angehörigenpflege verbundenen Einschränkungen der Erwerbstätigkeit auf rechnerisch 184.000 Vollzeitäquivalente. Bis 2045 könnte dieser Wert auf 229.000 steigen – ein Zuwachs von knapp 25 Prozent. "Wenn sich an der Situation informell Pflegender nichts ändert, wird die gesellschaftliche Alterung dem Arbeitsmarkt in den nächsten 20 Jahren immer mehr Erwerbspotenzial entziehen – gerade dann, wenn jede Arbeitskraft dringend gebraucht wird. Das hemmt die berufliche Entwicklung der Betroffenen und trübt die Wachstumsaussichten", sagt unser Arbeitsmarktexperte,  Eric Thode.

Rund 580.000 Frauen könnten 2045 pflegebedingt weniger oder gar nicht erwerbstätig sein

Frauen stellen derzeit mit zwei Dritteln (63 Prozent) den größten Anteil der Pflegenden, im Schnitt investieren sie sechs Stunden mehr pro Woche in die Pflege als Männer. Wenn Frauen Pflege übernehmen, reagieren sie häufiger und früher als Männer mit einer schrittweisen Reduzierung ihrer Arbeitszeit. Die Folgen für die Erwerbstätigkeit treffen Frauen damit besonders stark. Setzen sich diese Muster in den kommenden Jahren fort, könnten im Jahr 2045 rund 580.000 Frauen wegen ihrer Pflegeverantwortung weniger oder gar nicht erwerbstätig sein. Das entspricht drei Viertel des gesamten Verlusts an Erwerbsvolumen und einem Umfang von 173.000 Vollzeitäquivalenten. Unabhängig vom Geschlecht entfällt nahezu der gesamte Verlust des Erwerbsvolumens auf Personen, die mehr als zehn Stunden die Woche pflegen.

Bessere politische Rahmensetzung, mehr Unterstützung von Unternehmen

Politik und Unternehmen sollten die informelle Pflege stärker in den Blick nehmen. Künftige Reformen für eine bessere Pflegevereinbarkeit, wie das im Koalitionsvertrag angekündigte Familienpflegegeld oder ein Familienbudget, sollten klar auf die partnerschaftliche Verteilung von Pflegeverantwortung ausgerichtet sein. Darüber hinaus kann die Politik den Zugang zu professioneller Pflege wie Tages- und Kurzzeitpflege für Menschen erleichtern, die diese Angebote nutzen möchten. Präventionsangebote könnten zudem stärker darauf ausgerichtet werden, bei Menschen mit geringer Pflegebedürftigkeit einen höheren Pflegebedarf hinauszuzögern oder möglichst zu vermeiden.

"Wer Angehörige pflegt, leistet einen enormen gesellschaftlichen Beitrag. Wer dafür die Erwerbstätigkeit einschränkt, riskiert jedoch Einbußen beim Einkommen und bei der Alterssicherung. Pflegende Angehörige besser zu unterstützen, ist deshalb auch Aufgabe der Unternehmen", sagt Michaela Hermann. Pflegende bräuchten daher verlässliche Absprachen darüber, wie sich Arbeitszeiten an ihre Situation anpassen lassen. Angesichts der großen Zahl der Pflegenden dürften eine Vielzahl von Unternehmen betroffen sein. Sie sind daher gut beraten, flexiblere Arbeitszeiten und nach Möglichkeit auch Homeoffice anzubieten. Wer den Beruf vorübergehend unterbricht, sollte zudem Unterstützung beim Wiedereinstieg erhalten.

Studie