Junge Ärtz:innen geben sich die Hand.

Hausärztemangel beseitigen: Nicht-ärztliches Personal sollte mehr Aufgaben übernehmen

Die hausärztliche Versorgung in Deutschland steht unter Druck. Bis 2030 fehlen voraussichtlich 8.200 in Vollzeit tätige Hausärztinnen und -ärzte. Einer neuen Studie zufolge ließe sich diese Lücke jedoch schließen, indem speziell qualifizierte Gesundheitsfachkräfte in größerem Umfang bestimmte ärztliche Aufgaben übernehmen. Aktuelle Befragungen zeigen, dass die Hausärztinnen und -ärzte sowie die Bevölkerung damit einverstanden wären.

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Foto Jan Böcken
Dr. Jan Böcken
Senior Project Manager
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Dr. Johannes Leinert
Senior Project Manager

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Indem Hausärztinnen und -ärzte bestimmte Tätigkeiten an weitergebildete Fachkräfte in ihren Praxen übertragen, stünde den Ärztinnen und Ärzten deutlich mehr Zeit für die Versorgung von Patientinnen und Patienten zur Verfügung. Eine neue Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die Hausärzteschaft dadurch im Schnitt fast zwei Drittel (65 Prozent) ihres Zeitvolumens einsparen könnte. Insbesondere wiederkehrende aber gleichwohl anspruchsvolle Aufgaben ließen sich an entsprechend qualifizierte Fachkräfte abgeben – die dafür mitunter sogar studiert haben. Dazu zählen beispielsweise diagnostische Verfahren wie Sonographien, Kontrolluntersuchungen bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Wundnachsorge oder Hausbesuche mit Routineaufgaben. Dank der freiwerdenden Kapazitäten könnten die Hausärztinnen und -ärzte insgesamt mehr Patientinnen und Patienten versorgen und sich für Behandlungen und Patientengespräche deutlich mehr Zeit nehmen.

Hierin läge also viel Potenzial, um den schon jetzt bestehenden Hausärztemangel zu lindern oder zu beseitigen. Bereits heute sind rund 5.000 Hausarztsitze in Deutschland nicht besetzt. Bis 2030 können laut Berechnungen des wissenschaftlichen Instituts der Barmer (bifg) weitere 3.200 Sitze nicht mit Hausärztinnen und -ärzten besetzt werden. Der aktuellen Studie zufolge wäre es theoretisch möglich, die Lücke von rund 8.200 Hausarztsitzen im Jahr 2030 mit rund 12.000 speziell geschulten Praxisassistentinnen und -assistenten abzudecken. Der Vorteil: Zum einen sind viele der benötigten Fachkräfte bereits entsprechend qualifiziert und im System. Zum anderen könnten vorhandene Assistenzkräfte durch eine Weiterbildung oder ein (berufsbegleitendes) Studium die Qualifikation erwerben. Das ließe sich deutlich schneller und einfacher umsetzen, als zusätzliche Hausärztinnen und -ärzte auszubilden.

Eine große Chance für die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems

“Wo es sinnvoll und möglich ist, können Hausärztinnen und Hausärzte durch konsequentes Übertragen von Tätigkeiten an geschulte Fachkräfte mehr Patientinnen und Patienten versorgen. Darin steckt eine große Chance, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens unter fordernden Rahmenbedingungen aufrechtzuerhalten oder sogar zu steigern. Außerdem wäre es ein starkes Signal, dass das System in der Lage ist, aus sich selbst heraus neue Wege zu gehen”, sagt Brigitte Mohn, Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.

Große Offenheit bei Ärzteschaft und Bevölkerung

Befragungen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigen, dass sowohl die Ärzteschaft als auch die Bevölkerung offen für eine stärkere Aufgabenteilung in Hausarztpraxen sind. So stimmen rund drei Viertel der befragten Hausärztinnen und -ärzte der Aussage zu, dass bei der allgemeinen Patientenversorgung künftig stärker die Qualifikation für die Aufgabe zählen sollte und nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe. Eine große Mehrheit der Hausärztinnen und -ärzte würde neun der elf abgefragten Versorgungstätigkeiten künftig gerne an andere Berufsgruppen übertragen. Lediglich bei Hausbesuchen aufgrund akuter Beschwerden und bei der Dosierung von Medikamenten sprechen sich viele der Befragten dagegen aus. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung.

Die Ergebnisse spiegeln sich in den Einschätzungen der repräsentativ befragten Bürgerinnen und Bürger wider: In den meisten Bereichen würden sie eine Übertragung der hausärztlichen Aufgaben mehrheitlich akzeptieren. Am höchsten ist die Bereitschaft mit Blick auf wiederkehrende Untersuchungen und Tests, gefolgt von Impfungen und Infusionen sowie Routineaufgaben bei chronischen Erkrankungen und der Verordnung von Hilfsmitteln. Auch hier fällt die Akzeptanz bei akuten Hausbesuchen und der Dosierung von Arzneimitteln am geringsten aus.

Positive Erkenntnisse aus der Praxis

Erfahrungsberichte des medizinischen Personals aus zwei Hausarztpraxen in Papenburg (Niedersachsen) und Baiersbronn (Baden-Württemberg) mit einem hohen Anteil spezialisierter Assistenzkräfte sprechen ebenfalls dafür, dass die Qualität der Versorgung nicht darunter leidet, wenn diese ärztliche Aufgaben übernehmen. Auch eine Befragung in der Praxis in Papenburg stützt das: Die befragten Patientinnen und Patienten zeigten sich bei verschiedenen Behandlungen – zum Beispiel Ultraschall, Vorsorgeuntersuchung oder der Besprechung eines EKG – in fast identischem Maße zufrieden, unabhängig davon, ob sie durch eine Hausärztin oder einen qualifizierten Praxisassistenten betreut wurden.  

Der internationale Vergleich zeigt, dass Deutschland Aufholbedarf hat. In vielen Ländern übernehmen qualifizierte Gesundheitsfachberufe eigenständig zentrale Aufgaben in der Primärversorgung und arbeiten in multiprofessionellen Teams eng mit Ärztinnen und Ärzten zusammen. In Kanada können speziell ausgebildete “Nurse Practitioners” Patientinnen und Patienten eigenverantwortlich betreuen, Diagnosen stellen und Medikamente verordnen. Auch Finnland setzt in seinen kommunalen Gesundheitszentren konsequent auf akademisch weitergebildete Gesundheitsfachkräfte mit eigenen Sprechstunden und klar definierten Verantwortungsbereichen.

Für Jan Böcken, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung, belegen die Ergebnisse der Berechnung sowie den Befragungen: “Die Übernahme hausärztlicher Aufgaben durch hochqualifizierte Assistenzkräfte birgt großes Potenzial, trifft auf breite Akzeptanz und hat sich bereits in der Praxis bewährt. Daher braucht es ein Umdenken: Es sind nicht zwingend zusätzliche Hausärztinnen und -ärzte nötig, um den Versorgungsbedarf zu decken. Viel aussichtsreicher ist es, Praxisassistenzberufe aufzuwerten und Mitarbeitende gezielt weiterzubilden. Je früher und systematischer damit begonnen wird, umso besser.”

Aus Sicht der Experten komme es jetzt darauf an, dass die Hausarztpraxen die Aufgabenteilung konsequent umsetzen. Zudem sollten alle Konzepte zur Neuausrichtung der ambulanten Versorgung die veränderten Rollen und Zuständigkeiten systematisch mitdenken. Es wäre auch wichtig, Hausärztinnen und -ärzte dabei zu unterstützen, die Praxisabläufe neu zu organisieren und das nötige Vertrauen in der Zusammenarbeit mit ihren Teams auf- und auszubauen.

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