Leicht geöffnete Zauntore mit zwei Atomschildern
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, Zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima : Kernenergie im Schatten des Klimawandels

Zehn Jahre nach dem verheerenden Tsunami und der Dreifachkernschmelze vom 11. März 2011 im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kämpft Japan noch immer mit den Folgen.

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Von Karola Klatt

Eine Sperrzone von circa 30 Kilometern das Kraftwerk in Fukushima darf weiterhin nur mit Sondergenehmigung und in Schutzkleidung betreten werden. Zwar sind die Dekontaminationsmaßnahmen in weiter entfernt liegenden Gebieten großteils abgeschlossen und Bewohner durften zurückkehren, doch sind dabei etwa 20 Millionen Kubikmeter kontaminierte Erde angefallen.

Schwierig gestaltet sich zunehmend auch die Lagerung kontaminierten Wassers. Mehr als 1,2 Millionen Tonnen Kühl- und Grundwasser wurden aus den havarierten Reaktoren abgepumpt, gefiltert und in zahlreiche Tanks auf dem Reaktorgelände abgefüllt. Jeden Tag kommen etwa 170 Tonnen belastetes Wasser hinzu. Weil die Lagerkapazitäten zur Neige gehen, will die Betreiberfirma Tepco das Wasser ins Meer ablassen. Glaubt man ihren Angaben, geht keine Umweltgefahr mehr davon aus, doch die japanischen Fischer fürchten um einen gigantischen Imageschaden.

Leise Rückkehr zur Kernenergie?

Nach der Katastrophe wurden alle 54 japanischen Kernreaktoren vom Netz genommen. Die Stromlücke decken seither vor allem fossile Energieträger. Zwischen 2017 und 2019 gingen jedoch wieder 9 Reaktoren ans Netz und Kernernergie trägt inzwischen wieder 7,5 Prozent zum Energiemix bei. Im Oktober kündigte der neue Regierungschef Yoshihide Suga Klimaneutralität bis 2050 an. Doch die bewaldete und gebirgige Topografie des Landes begrenzt die Möglichkeiten des Ausbaus von Wind- und Solarenergie erheblich und macht ihn zudem teuer. Kann Japan sein Klimaziel erreichen, ohne viele weiter Kernkraftwerke wieder in Betrieb nehmen zu müssen?

Über die Veränderungen vom vierten zum derzeit gültigen fünften Energiestrategieplan der japanischen Regierung heißt es im Länderbericht der Sustainable Governance Indicators (SGI) der Bertelsmann Stiftung: „Für den Energiemix des Landes im Jahr 2030 bleiben die Anteile im Wesentlichen unverändert. Das gilt auch für den Anteil der erneuerbaren Energien von 22 bis 24 Prozent sowie den Anteil der Kernenergie von 20 bis 22 Prozent. Wenn viele Atomkraftwerke abgeschaltet bleiben, wird dieses ehrgeizige Ziel wohl kaum zu erreichen sein.“

Statt Großreaktoren modulare Kleinkraftwerke

Viele Industrieländer setzen beim Erreichen ihrer Klimaziele auf Atomkraft. Der Plan des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden gegen den Klimawandel beinhaltet beispielsweise den Punkt „Die Zukunft der Kernenergie definieren. Wir müssen alle kohlenstoffarmen und kohlenstofffreien Technologien in Betracht ziehen, um den Klimanotstand anzugehen, der unsere Kommunen, die Wirtschaft und die nationale Sicherheit bedroht.“

Große Hoffnungen setzt man in den USA, aber auch in vielen anderen alten und neue Kernenergieländern auf kleine modulare Reaktoren („Small Modular Reactors“, SMR), die bis zu 300 Megawatt an Strom pro Modul erzeugen können. Die Module werden in Fabriken vorgefertigt und dann an Energieversorgungsunternehmen zur Installation in Einzel- oder Mehrmodulanlagen geliefert. Eine erste solche Anlage ist in Russland auf einem Schiff in Betrieb gegangen. 72 weitere modularer Kleinkraftwerke sind nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde gegenwärtig in 18 Ländern in der Entwicklung oder im Bau.

Ob Atomkraft eine nachhaltige Option ist, die CO2-Emissionen eines Staates entscheidend zu senken, ist unter Forschern höchst umstritten. Eine Studie aus dem letzten Jahr macht beispielsweise deutlich, dass bei der statistischen Analyse von Daten über einen Zeitraum von 25 Jahren Atomenergie nur in wohlhabenderen Ländern mit etwas geringeren CO2-Emissionen einhergeht, während in ärmeren Ländern Kernenergie sogar mit höheren CO2-Emissionen verbunden ist. Der Zusammenhang zwischen erneuerbaren Energien und einer Reduktion der CO2-Emissionen war dagegen sieben Mal stärker. Eine andere Studie aus diesem Jahr betont, dass Atomstrom aufgrund der hohen Risiken nicht mal als Übergangs- oder Überbrückungstechnologie geeignet sei, das Klima zu schützen. Bedenklich ist laut beider Studien zudem, dass Kernenergie den Ausbau von Erneuerbaren zu behindern scheint: Die meisten Länder entscheiden sich entweder für hohe Investitionen in Atomkraft oder für Investitionen in Erneuerbare, machen aber nicht beides gleich gut.

Energiestrategien oft wenig realistisch

Von den gut zwanzig Ländern, bei denen Kernenergie mehr als 10 Prozent am Energiemix ausmacht, haben sich nur sechs in Reaktion auf die Reaktorkatastrophe in Fukushima für einen Atomausstieg entschieden: Belgien, Südkorea, die Schweiz, Spanien, Taiwan und Deutschland. Andere große Kernenergieländer wollen ihre atomare Stromerzeugung in den nächsten Jahren lediglich drosseln wie beispielsweise Frankreich, der mit einem Anteil von nahezu drei Vierteln Kernenergie am Energiemix weltweit führende Atomstromnation. Doch auch hier fehlt nach Ansicht der SGI-Länderexperten ein realistischer Plan für die Reduktionsziele in Zeiten der Energiewende: „Das Land kann insgesamt eine gute Bilanz bei den CO2-Emissionen vorweisen, das ist jedoch größtenteils auf die starke Abhängigkeit von einem alternden Kernenergiesektor zurückzuführen. Pläne, den Anteil der Atomstromerzeugung bis 2025 von 75 auf 50 Prozent zu reduzieren und mit einem starken Anstieg der erneuerbaren Energien zu flankieren, lassen sich höchstwahrscheinlich nicht in vollem Umfang realisieren.“

Auch in anderen Ländern, die im internationalen Vergleich ein gutes Vorankommen in Richtung Klimaziele vorweisen können, liegt der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung hoch: In der Schweiz waren es 2019 rund 24, in Schweden 34, in Finnland 35 und in Belgien sogar 48 Prozent. Letzteres will seinen Ausstieg aus der Atomenergie bis 2025 bewerkstelligen, doch laut SGI-Länderbericht können sich die Regionen nicht auf eine gemeinsame Politik zur Genehmigung neuer Stromerzeugungsanlagen einigen.

Widersprüchliche Signale aus Japan

Die japanische Regierung begibt sich jetzt in die gleiche Zwickmühle: Im September 2019 erklärte der damals neue japanische Umweltminister Shinjiro Koizumi überraschend, dass er an Japans Atomausstieg arbeiten werde, um eine zweite Fukushima-Katastrophe zu verhindern. Diese Aussage, die von der Anti-Atomkraft-Bewegung des Landes positiv aufgenommen wurde, steht im eklatanten Widerspruch zur Wiederinbetriebnahme von nuklearen Anlagen sowie zu Japans Engagement auf dem Gebiet der SMR: allein acht Technologieprojekte in verschiedenen Entwicklungsstufen listet ein Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde für das Land auf.

Auch wenn SMR insgesamt als sehr viel sicherer und rentabler gelten als Großreaktoren, bleibt ein großes Sicherheitsrisiko nach wie vor bestehen: Japan verfügt weder über ein Zwischen- noch über ein Endlager für radioaktive Abfälle. Die widersprüchlichen Signale, die derzeit aus der japanischen Regierung kommen, machen eines sehr deutlich: Das Ringen um die Zukunft des Atomstroms ist im Land der größten Nuklearkatastrophe seit Tschernobyl noch lange nicht beendet.

Karola Klatt ist Wissenschaftsjournalistin und Redakteurin der SGI News und des BTI Blogs der Bertelsmann Stiftung.

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