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, CivTech in Edinburgh: Innovation und Kreativität in den öffentlichen Sektor bringen – Schottland geht mit gutem Beispiel voran

Der öffentlichen Verwaltung eilt nicht gerade der Ruf voraus, besonders innovativ an Probleme heranzugehen. Betrachtet man die vielfältigen Herausforderungen, die unter anderem der demographische Wandel und die digitale Transformation für Verwaltungen mit sich bringen, sind neue Herangehensweisen nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Dass Probleme öffentlicher Organisationen gemeinsam mit kreativen Startups erfolgreich gelöst werden können, beweist das schottische Programm CivTech. 

Benötigt die öffentliche Verwaltung einen bestimmten Service oder eine Dienstleistung, so gibt es dafür typischerweise eine angebotsorientierte Ausschreibung: In einem Lastenheft wird bis ins kleinste Detail aufgeführt, welche Leistungen eines Auftragnehmers gebraucht werden und wie diese zu gestalten sind. Ein solches Vorgehen kostet viel Zeit, personelle Ressourcen und lässt nur eingeschränkt Innovation und kreativen Austausch zu. Denn wie geht die Verwaltung mit Herausforderungen um, deren Lösungen sie selbst noch nicht kennt? Wie kann die Lösung für ein Problem ausgeschrieben werden, wenn man gar nicht weiß, was die beste Lösung wäre? 

Schottland ist internationaler Vorreiter

Hinter den Begriffen „Civic Tech“ oder „GovTech“ verbergen sich neue Ansätze, Technologie dafür zu nutzen, um Verwaltung, Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen besser miteinander zu vernetzen und gemeinsam als Problemlöser zu agieren. Schottland hat sich in den letzten Jahren als internationaler Vorreiter in diesem Bereich hervorgetan. Seit 2016 verfolgt das CivTech-Programm, das Teil der schottischen Regierung ist, die Mission „Innovation und Wagemut in den öffentlichen Sektor zu bringen“.

Der sogenannte „CivTech Innovation Flow“ funktioniert wie folgt: Öffentliche Institutionen definieren eine Herausforderung, die sie lösen wollen und veröffentlichen diese in einem offenen Prozess. Aus den eingereichten Lösungsvorschlägen, die von Einzelpersonen, Teams oder Unternehmen stammen können, werden drei Vorschläge ausgewählt und in einer Explorations-Phase weiterentwickelt. Das Team mit der überzeugendsten Idee hält nach der dreiwöchigen Exploration Einzug in den Accelerator. Über einen Zeitraum von vier Monaten entwickeln die Teams gemeinsam mit den sogenannten „Challenge-Sponsoren“ aus den öffentlichen Organisationen den Prototypen eines Produktes, mit dem das ausgeschriebene Problem digital gelöst werden kann. Um sich selbst und die Produktentwicklung während dieser beiden Phasen finanzieren zu können, werden die teilnehmenden Teams über Verträge mit der schottischen Regierung entlohnt.

Ein Mann steht auf der Bühne.

Mehr als 500 Gäste beim Demo Day in Edinburgh

CivTech Scotland hat diesen Prozess nun bereits zum dritten Mal durchlaufen – mit beachtlichem Erfolg. Die große Mehrheit der Teams hat nach der Accelerator-Phase einen Auftrag zur Umsetzung ihres Produktes von der Verwaltung erhalten. Auf einem Demo Day im Februar 2019 kamen rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter auch Vertreter unseres Projektteams, in der schottischen Hauptstadt Edinburgh zusammen, um die ko-kreativ entwickelten Lösungen der letzten CivTech-Runde kennenzulernen.

So hat beispielsweise NHS Scotland, die zentrale Organisation des staatlichen Gesundheitssystems, die wachsende Problematik psychischer Gesundheit unter Jugendlichen als Herausforderung identifiziert und die Frage gestellt: „Wie kann Technologie Jugendlichen mit psychischen Problemen dabei helfen, eine Konversation darüber zu beginnen, wie sie sich fühlen und wo sie Unterstützung bekommen?“. Zur Lösung der Herausforderung hat ein Startup ein Chat-Tool entwickelt, das auf künstlicher Intelligenz (KI) basiert und dabei auch gezielt Jugendliche in den Innovationsprozess eingebunden. Der Chat bietet Jugendlichen einen niedrigschwelligen Kommunikationskanal über etablierte Messaging-Plattformen und regt sie dazu an, über ihren mentalen Gesundheitszustand zu sprechen. Das Tool verweist zudem auf professionelle Unterstützung und relevante Informationen bei psychischen Problemen.

Eine weitere Challenge wurde von der Scottish Anti-Illicit Trade Group ausgeschrieben, um auf das wachsende Problem des Online-Handels mit illegalen Waren zu reagieren. Das Gewinner-Team hat dazu ein datengetriebenes Warnsystem entwickelt, das berechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Produkt oder ein Online-Händler gefälscht ist. Verbraucherinnen und Verbraucher werden mittels Warnmeldungen während des Online-Shoppings auf das Risiko einer Fälschung aufmerksam gemacht.

Der öffentliche Sektor in Schottland zeigt mit den Challenges eine Möglichkeit auf, Innovation in die Verwaltung zu holen. CivTech Scotland hat international bereits einige Länder inspiriert und zur Lancierung ähnlicher Programme bewegt, so u.a. in Australien, Barbados, Polen und Österreich. Wir nehmen daher aus Edinburgh mit, dass ein Programm wie CivTech Scotland auch für Deutschland ein erfolgversprechendes Modell sein könnte.

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