Junge Ärztin und ältere Patientin im Gespräch im Krankenhaus

Junge Ärztin mit älterer Patienten im Gespräch im Krankenhauszimmer.

Junge Ärzte sehen Hürden bei Patientenbeteiligung im Klinikalltag

Ein Aufenthalt im Krankenhaus ist für die meisten Menschen mit wichtigen Entscheidungen verbunden – über Untersuchungen, neue Medikamente oder eine Operation. Laut unserer repräsentativen Befragung möchten 80 Prozent der deutschen Bevölkerung gemeinsam mit dem Arzt über ihre Behandlung entscheiden. Dass Ärzte ihre Patienten umfassend aufklären und beteiligen müssen, ist seit 2013 im Patientenrechtegesetz verankert. Doch bei der praktischen Umsetzung in deutschen Kliniken gibt es viele Hürden. Das berichten junge Ärzte, die wir in Fokusgruppen befragt haben. 

Ansprechpartnerinnen

Foto Marion Grote-Westrick
Marion Grote-Westrick
Senior Project Manager
Foto Claudia Haschke
Claudia Haschke
Project Manager

Wirtschaftlicher Druck stellt Hemmnis dar

Sie sehen in dem wirtschaftlichen Druck von Kliniken ein wesentliches Hemmnis für gemeinsame Entscheidungen von Arzt und Patient. Zum Beispiel wurden Situationen geschildert, in denen Patienten gezielt unvollständig über Behandlungsoptionen aufgeklärt wurden, um sie zu lukrativen Therapien zu bewegen. In den Gesprächen berichteten Ärzte auch von Anweisungen, Patientengespräche möglichst kurz zu halten, da ein höherer Zeitaufwand nicht besser vergütet werde.

Da gibt es dann manchmal morgens die Ansage: Oh, der OP-Plan ist leer, jetzt müsst ihr mal alle in Richtung OP arbeiten.

Teilnehmer/in einer Fokusgruppe

Patientenorientierte Haltung ist zentral

Ob Patienten an Entscheidungen beteiligt werden, ist zudem stark abhängig von der Einstellung der Chef- und Oberärzte. Eine patientenorientierte Haltung, sowohl die eigene als auch die der Kollegen und Vorgesetzten, sei maßgeblich für die Umsetzung im Klinikalltag, so der Tenor der jungen Mediziner. Hilfreich sei zudem eine gute Teamarbeit von Ärzten und dem medizinischen Personal. Manche Befragte erlebten jedoch Führungskräfte, die eine Beteiligung der Patienten verhinderten. Gemeinsames Entscheiden könne auch daran scheitern, dass es auf der Station generell an einer offenen Gesprächskultur fehle. 

Mit unterschiedlichen Eindrücken blicken die jungen Ärzte außerdem auf ihre Ausbildung in Gesprächsführung und Kommunikation während ihres Studium zurück. Viele fühlen sich unzureichend auf den Behandlungsalltag vorbereitet, bemühen sich aber trotzdem, erlernte Gesprächstechniken anzuwenden. 

Nicht aber sollte sich die Ausbildung an die unzureichende Realität im Klinikalltag anpassen, sondern umgekehrt die Ausbildung dazu anleiten, die Realität zu verändern.

Prof. Dr. Christiane Woopen, Direktorin CERES, Universität zu Köln

Experten bestätigen Hürden im Klinikalltag

Für das Gelingen von gemeinsamer Entscheidungsfindung erachtet auch ein interdisziplinäres Expertenteam (siehe Methodik) die genannten Punkte als zentral. Darüber hinaus wurden in den Gesprächen mit den jungen Ärzten weitere Einflussfaktoren identifiziert (siehe Grafiken). Um  gemeinsame Entscheidungen besser im Krankenhausalltag zu integrieren, ist ein Bündel von Maßnahmen erforderlich:

1. Patientenrechte umsetzen

Ärzte und Pflegepersonal müssen die gesetzliche Pflicht zur Patienteninformation, -aufklärung und -beteiligung ernst nehmen. Klinikleitungen und Chefärzte müssen die Umsetzung stärker vorantreiben.

2. Qualitätsstandards anpassen

Politik und Selbstverwaltung sollten die gemeinsame Entscheidungsfindung zum Qualitätsstandard für Kliniken erheben.

3. Vergütungssystem ändern

Im Vergütungssystem sollte weniger das Erbringen von Leistungen, sondern das Ausloten von Patientenpräferenzen stimuliert werden.

4. Ausbildung verbessern

Aus-, Fort- und Weiterbildung müssen die Kommunikation mit Patienten als Kernkompetenz vermitteln.

5. Informationsmaterial einsetzen

Patienteninformationen müssen auf verschiedene Patientengruppen zugeschnitten und großflächig (digital) verbreitet werden.