2 Personen verfolgen am Bildschirm die Zoomtime
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Dritte Migration Zoom Time : Neun Monate Pandemie: Auswirkungen von COVID-19 auf Erwerbsmigration und die Arbeitsmarktlage von Migrant:innen in Deutschland

Im Dezember 2020 fand eine virtuelle Veranstaltung statt, welche die Diskussionen über die Auswirkungen der COVID-19-Krise auf Erwerbsmigration und die Arbeitsmarktlage von Migrant:innen einer ersten Veranstaltung im Juni fortsetzte.

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In der dritten Migration Zoom Time als digitale Version des erfolgreichen Veranstaltungsformats Migration Lunch Time kam ein breiter Teilnehmer:innenkreis aus Bundesverwaltung, Politik, Verbänden, Zivilgesellschaft, Medien und Wissenschaft zusammen, um zu diskutieren, wie sich die COVID-19-Pandemie auf Erwerbsmigration und die Arbeitsmarklage von Migrant:innen in Deutschland neun Monate nach Pandemiebeginn auswirkt.

Prof. Dr. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) hielt einen Kurzvortrag, um die Diskussion mit aktuellen empirischen Ergebnissen anzureichern. Marie Rövekamp, Redakteurin im Ressort Wirtschaft, Der Tagesspiegel, hinterfragte die gesellschaftlichen Implikationen dieser Ergebnisse. Anschließend setzte Dr. Thomas Liebig von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Ergebnisse in einen internationalen Kontext. Im Nachgang wurde die Diskussion für den gesamten Teilnehmer:innenkreis geöffnet. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Matthias M. Mayer.

Wichtige Ergebnisse der Diskussion waren die folgenden:

  1. Migrant:innen (und besonders Geflüchtete) reagieren stärker und schneller auf den Lockdown, im Positiven und Negativen. Die COVID-19 Pandemie unterbricht zwar das Beschäftigungswachstum bei Migrant:innen, führte aber nicht – wie anfänglich befürchtet – zu einem Beschäftigungseinbruch. Dies ist dadurch begründet, dass Migrant:innen stärker vom ersten Lockdown betroffen waren als die deutsche Bevölkerung. Gründe dafür sind, dass Ausländer:innen (und in besonderem Maße Geflüchteten) vermehrt in befristeten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, manuelle Tätigkeiten mit geringerer Heimarbeitskompatibilität ausüben, sowie vermehrt in Branchen arbeiten, die besonders heftig von den Schließungen betroffen sind (wie z.B. die Gastronomie). Dieser Benachteiligungseffekt wird durch migrationsspezifische Bedingungen, wie unterdurchschnittliche Betriebszugehörigkeit und die Beschäftigung in kleinen Betrieben, weiter verstärkt. Auffällig ist jedoch, dass nach Beendigung des Lockdowns die Beschäftigung der Migrant:innen und der Geflüchteten wieder überproportional und sofort angestiegen ist. So profitierten Migrant:innen und Geflüchtete beispielsweise besonders von der Wiedereröffnung der Gastronomie im dritten Quartal und reagieren somit sehr unmittelbar auf die Maßnahmen der Politik.
     
  2. Die Anpassungsmechanismen an den Lockdown unterscheiden sich zwischen Ausländer:innen und Deutschen. Die Anpassung an den Schock erfolgt bei Einheimischen eher durch Heimarbeit und Anpassung der Arbeitsstunden (z.B. Abbau von Überstunden), bei Geflüchteten und anderen Migrant:innen hingegen stärker durch Kurzarbeit, die Reduzierung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit und die Beendigung von Beschäftigungsverhältnissen. Dennoch zeigen die Daten, dass Migrant:innen (ohne Geflüchtete) ähnlich oft wie die Deutschen ins Homeoffice gegangen sind, während es bei der Gruppe der Geflüchteten jedoch deutlich weniger waren. Der erste Befund ist ein Stück weit überraschend, ist aber dadurch begründbar, dass z.B. in Bezug auf die Tätigkeitsinhalte eine enorme Annährung der migrantischen (ohne Geflüchtete) an die deutsche Bevölkerung stattgefunden hat.
     
  3. Der Arbeitslosigkeitsanstieg bei Geflüchteten ist auch auf den Rückgang von Maßnahmen zurückzuführen. Die Beendigung von Integrations- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen in Folge des ersten Lockdowns führte zu einem überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit, vor allem bei Geflüchteten. Ein Grund dafür ist, dass Teilnehmende dieser Maßnahmen nicht offiziell als arbeitslos aufgeführt werden. Zu beachten ist jedoch, dass ein Teil der Maßnahmen ohnehin zurückgegangen wäre, z.B. durch das turnusmäßige Auslaufen der Integrationskurse. Allerdings würde dies in einem kontrafaktischen Szenario ohne COVID-19 wahrscheinlich weitgehend durch Beschäftigungsanstieg aufgefangen. Denn die Beschäftigungsquoten Geflüchteter sind in den letzten Jahren, ausgehend von einem vergleichsweise niedrigen Niveau deutlich gewachsen. Dieser Wachstumseffekt wurde jetzt unterbrochen. Außerdem können Personen, deren Asylverfahren abgeschlossen wurde, nun weniger in Integrations- oder arbeitsmarktpolitische Maßnahmen oder den Arbeitsmarkt einmünden (was ebenfalls zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von Geflüchteten führt). Um zu verhindern, dass der pandemiebedingte Maßnahmenrückgang die Arbeitsmarktintegration Geflüchteter nachhaltig beeinträchtig, sollte geprüft werden, wie adäquat die gegenwärtige Maßnahmenstruktur unter den geänderten Rahmenbedingungen noch für die Zielgruppen ist. So könnte beispielsweise das bestehende Angebot an auf den Integrationskursen aufbauenden Sprachkursen ausgebaut sowie der Bereich der beruflichen Bildung, Weiterbildung und Qualifizierung weiterentwickelt werden. Überdies könnten besonders vulnerable Gruppen, wie Frauen und Jugendliche, mit gezielten Programmen angesprochen werden. Die optimale Förder- und Trägerstruktur dafür aufzubauen ist durchaus mit Herausforderungen verbunden, da sich diese Gruppen nur bedingt digital ansprechen lassen.
     
  4. Migrationsbewegungen reagieren stark auf den Lockdown, die Gründe dafür sind vielfältig. Erste Zahlen zeigen: Mit dem Lockdown im Frühjahr 2020 und den Reisebeschränkungen hat sich das Wachstum der ausländischen Bevölkerungen deutlich abgeschwächt, nahm mit den Lockerungen im dritten Quartal aber zügig wieder zu. Dennoch ist im Jahr 2020 mit einer merklich niedrigeren Nettozuwanderung im Vergleich zum Vorjahr zu rechnen. Die genauen Gründe für die Veränderungen der Migrationsbewegungen sind schwierig zu identifizieren und belastbare Daten liegen noch nicht vor. Anzunehmen ist, dass unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen: Zum einen stellen die Unternehmen in der Krise generell weniger ein und die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland ist für sie pandemiebedingt mit besonderen Unwägbarkeiten und Risiken behaftet. Zum anderen sind administrative Prozesse, wie die Visaerteilung und Anerkennung von Berufsqualifikationen, in der Pandemie schwieriger geworden. Eine mögliche Ursache für die schnelle Erholung der Migration nach Rücknahme des ersten Lockdowns könnten die relative gute wirtschaftliche Lage Deutschlands gekoppelt mit zum Teil katastrophalen Umständen in einigen Herkunftsländern sein. Ebenso denkbar ist, dass sie zum Teil aus Nachholeffekten von nicht stattgefunden Migrationsbewegungen im zweiten Quartal in Verbindung mit den relativ moderaten Grenzschließungen Deutschlands gespeist wurde. Sehr wahrscheinlich ist auf jeden Fall, dass der Großteil der beobachteten Migrationsbewegungen aus EU-Binnenmigration besteht. Zudem zeigt sich der Arbeitsmarkt auch in der Krise aufnahmefähig und in Sektoren wie der Landwirtschaft hat die ausbleibende Migration sogar zu einem Produktionsrückgang geführt.
     
  5. Die Pandemie ändert nichts an den strukturellen demographischen Entwicklungen. Die Pandemie wird nach aktuellem Kenntnisstand keine langfristigen Auswirkungen auf die demographischen Entwicklungen in Deutschland haben. D.h. ohne Zuwanderung sinkt das Arbeitskräfteangebot in Deutschland; denn die Sterberate übersteigt die Geburtenrate deutlich und somit verliert Deutschland pro Jahr ca. 350.000 bis 380.000 Einheimische im erwerbsfähigen Alter. Zahlen des statistischen Bundesamts zeigen beispielsweise, dass es in der ersten Jahreshälfte 2020 das erste Mal seit zehn Jahren einen Bevölkerungsrückgang gab, weil die verminderte Zuwanderung nach Deutschland aufgrund der Reisebeschränkungen das Geburtendefizit nicht ausgleichen konnte.
     
  6. Einzelne Wirtschaftssektoren könnten auch nachhaltig von der Pandemie betroffen sein. Viele Sektoren werden sich voraussichtlich aus volkwirtschaftlicher Sicht schnell von der Krise erholen, etwa die Gastronomie und das produzierende Gewerbe. Auszuschließen ist jedoch nicht, dass manche Bereiche mit nachhaltigen Schocks zu rechnen haben. Insbesondere könnte dies für den Transportsektor der Fall sein, da Geschäftsreisen aufgrund virtueller Kommunikationsmöglichkeiten – die durch die Pandemie einen massiven Schub erhalten haben – auch weiterhin weniger als bisher notwendig sein werden. Da in den Transportberufen überdurchschnittlich viele Ausländer:innen beschäftigt sind, würde das die Migrationsbevölkerung entsprechend hart treffen. Auch zu erwarten ist, dass sich die Polarisierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt fortsetzen wird. Auf der einen Seite werden akademische Qualifikationen weiterhin stark nachgefragt werden. Auf der anderen Seite ist dies aber auch der Fall für manuelle nicht-routine und interaktive nicht-routine Tätigkeiten, beispielsweise im Dienstleistungsbereich. Für diese Tätigkeiten wird nicht notwendigerweise eine formale abgeschlossene Berufsausbildung benötigt, dennoch sind sie nur schwer zu automatisieren. Die Polarisierungstendenz ist bereits in der Qualifikationsstruktur der Migrant:innen zu beobachten.

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