tilisierte Weltkugel auf hellblauem Hintergrund zeigt Europa in Gelb hervorgehoben, umgeben von Symbolen für globale Mächte, Abhängigkeiten und Unsicherheiten

Sechs Szenarien für internationale Machtkonfigurationen 2035: Implikationen der neuen Welt(un)ordnung für Europa

Die Welt(un)ordnung ist im Wandel mit unklarem Ausgang. Mit welcher Machtkonstellation könnte die EU im Jahr 2035 international konfrontiert sein, und wie kann sie sich darauf vorbereiten? In einer zunehmend komplexen und unsicheren Welt ist es für politische Entscheidungsträger:innen von zentraler strategischer Bedeutung, unterschiedliche Zukunftsszenarien mitzudenken. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI sowie Expert:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben wir sechs Szenarien für die Welt(un)ordnung im Jahr 2035 entwickelt. 

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Foto Cora Francisca Jungbluth
Cora Francisca Jungbluth
Foto Anika Sina Laudien
Anika Sina Laudien

Inhalt

Chinas Aufstieg, Amerikas Ausstieg, Russlands Angriff – die Weltordnung befindet sich im Wandel. Geschwächte multilaterale Institutionen und zunehmende innenpolitische Polarisierung prägen das internationale Umfeld. Die Weltordnung ist nicht nur instabiler geworden, sondern strukturell volatiler. Klar ist: Ein Zurück zur liberalen, US-dominierten Nachkriegsordnung wird es (vorerst) nicht geben. Unklar ist: Welche neue (Un-)Ordnung entsteht im nächsten Jahrzehnt und was bedeutet das für die EU?

Daher haben wir sechs Szenarien zur Welt(un)ordnung 2035 erarbeitet, die sich in der Anzahl der Machtzentren und dem Grad der Stabilität unterscheiden (siehe Abbildung). In diesem Prozess haben wir außerdem vier übergreifende Handlungsfelder identifiziert, wie die EU in unterschiedlichen internationalen Konfigurationen als zumindest teilweise eigenständiger handlungsfähiger Akteur im Jahr 2035 bestehen kann.

Die Szenarien sind keine konkreten Prognosen oder Vorhersagen. Vielmehr können sie Entscheider:innen und allen, die sich mit der Welt von morgen befassen, als strategisches Instrument dienen, um sich mit verschiedenen möglichen Zukünften auseinanderzusetzen und die eigenen Handlungsspielräume auszuloten.

Sechs Szenarien für die Weltordnung 2035

Weltordnung Made in China 
China dominiert die globale Ordnung in einem sinozentrischen System mit reformierten internationalen Institutionen, die nach chinesischen Regeln funktionieren. 

America Great Again
Die globale Ordnung ist nach Chinas wirtschaftlichem Zusammenbruch erneut unipolar und wird durch die autokratischen, hegemonialen USA dominiert, die ihre Interessen unilateral und oft in erratischer Weise durchsetzen.

Two-Men Show
Die bipolare Weltordnung ist Realität geworden: China und die USA dominieren als fragile „G2“-Mächte, gestützt auf informelle Deals und persönliche Machtbalance. 

Five-Body Problem
Fünf Machtzentren – USA, China, Russland, Indien und die EU* – halten sich gegenseitig in Schach und bilden ein Gleichgewicht durch einen exklusiven Sicherheitsrat, den „W5“.

Authoritarian International
Ein globales Netzwerk illiberaler und autokratischer Regierungen hat die liberale Weltordnung verdrängt. Es ersetzt sie durch ein autoritär-populistisches Machtgefüge, das auf persönlicher Diplomatie und ideologischer Gemeinsamkeit beruht. 

Beyond States
In dieser Welt hat sich die globale Ordnung in ein chaotisches Geflecht nicht staatlicher Akteure aufgelöst, während staatliche Autorität verblasst.

Vier übergreifende Handlungsfelder für die EU

Die EU kann sich in den nächsten zehn Jahren auf unterschiedliche Szenarien bestmöglich vorbereiten, indem sie in vier Bereichen konsequent, gemeinsam und vor allem sofort handelt:

  1. Effektive Entscheidungsfindung: Die EU sollte Entscheidungsblockaden abbauen, indem sie minilaterale Formate strategisch nutzt und diese durch einen gemeinsamen Wertekompass absichert; parallel gilt es, für mehr internationale Einflussfähigkeit der EU gezielt Partnerschaften mit (gleich gesinnten) Drittstaaten auszubauen.
  2. Strategische Resilienz: Die EU sollte kritische Schlüsselindustrien und -technologien priorisieren und gezielt strategische Unentbehrlichkeit schaffen – durch den Aufbau technologischer Ökosysteme sowie ausgewählter Markt- und Technologienischen.
  3. Glaubwürdige Abschreckung: Europa sollte seine Verteidigungsfähigkeit durch die engere Integration nationaler Streitkräfte, gemeinsame Beschaffungs- und Innovationsstrukturen sowie besser koordinierte Investitionen stärken – in enger Abstimmung mit der NATO.
  4. Gesellschaftliche Tragfähigkeit: EU-Institutionen und Mitgliedstaaten sollten gesellschaftlichen Zusammenhalt durch glaubwürdige Zukunftsnarrative stärken, die Reformen legitimieren und auch in schwierigen Übergangsphasen Orientierung geben.

Nichthandeln wird Konsequenzen haben: Die EU könnte auseinanderbrechen, zerrieben oder als geopolitischer Akteur einfach irrelevant werden.


* Das Five-Body Problem wurde vom Konzept der „Pentarchie“ inspiriert, das 2023 vom deutschen Politikwissenschaftler Herfried Münkler geprägt wurde. Der Titel dieses Szenarios ist eine Hommage an die Science-Fiction-Trilogie „Das Drei-Körper-Problem“ von Liu Cixin.

Study and Policy Brief