Teilnehmer der Podiumsdiskussion diskutieren
Thomas Kunsch

, Asia Briefing: Gangnam Blues: Südkorea zwischen Boom und Krise

Südkorea ist das Paradebeispiel eines Schwellenlandes, dem es gelungen ist, zu einer modernen Wirtschaftsnation zu werden – zunächst durch Industrialisierung, später durch Innovation. In letzter Zeit jedoch sind die südkoreanische Wirtschaft und Regierung in eine Krise geraten, deren sichtbarster Ausdruck die Probleme des Samsung-Konzerns mit seinem neuesten Smartphone-Modell Galaxy Note 7 bzw. die massiven Proteste gegen Präsidentin Park Geun-hye sind.

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Die Regierung von Präsidentin Park ist in die schlimmste Krise ihrer Amtszeit gestürzt, nachdem bekannt wurde, dass die Präsidentin Ratschläge von einer alten Freundin ohne Amt und politische Erfahrung (dafür aber mit Verbindungen zu einem fragwürdigen Kult) zu einer Vielzahl von sensiblen politischen Fragen angenommen hat. Obwohl Südkorea Korruptionsskandale gewohnt ist, hat dieser viele Menschen sehr wütend gemacht. Sie denken, dass die Demokratie umgangen wurde und fragen sich, ob das Land von einer "Schattenpräsidentin" ohne politische Erfahrung geführt wurde. Hunderttausende von aufgebrachten Südkoreanern protestierten in Seoul und anderswo und forderten den Rücktritt von Präsidentin Park.

Vor diesem Hintergrund führte die Bertelsmann Stiftung am 22. November gemeinsam mit der Zeitschrift „Internationale Politik“ (IP) eine Podiumsdiskussion zur Lage in Südkorea durch. Als Experten diskutierten hierbei  Prof. Dr. Ra Jong-yil (ehemaliger Botschafter Südkoreas in Großbritannien und Japan und heute Professor für Politikwissenschaft, Gachon University,  Seongna), Bärbel Höhn MdB (Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und Stellvertretende Vorsitzende der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe), Jun.-Prof. Dr. Hannes B. Mosler (Institut für Koreastudien an der Freien Universität Berlin) und Bernhard Bartsch (Senior Expert, Bertelsmann Stiftung). Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Sylke Tempel, Chefredakteurin der Zeitschrift "Internationale Politik" (IP).

Boom versus Krise

Südkorea ist innerhalb weniger Jahrzehnte aus bitterer Armut zu einer modernen Industrienation aufgestiegen und gilt vielen Ländern in Asien als Vorbild. Doch gegenwärtig stecken Wirtschaft und Politik in einer tiefen Krise. Was sind die Ursachen für diese Krisen? Professor Ra, ehemaliger Botschafter Südkoreas in Japan und dem Vereinigten Königreich, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es in der  Geschichte Südkoreas immer wieder schwere Krisen gegeben habe. Diese Krisen seien häufig Impulsgeber für wirtschaftliche Entwicklungsschübe gewesen. Boom- und Krisenphasen stünden deshalb keineswegs im Widerspruch zueinander, sondern bedingten einander wechselseitig, so der südkoreanische Professor.

Strukturelle Hindernisse

Als eines der größten Probleme Südkoreas nannten die Experten die engen Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft. Diese sind laut Hannes Mosler, Juniorprofessor am Institut für Koreastudien an der FU, das Resultat einer langanhaltenden Krise, die seit der Verfassungsänderung zugunsten demokratischer Reformen 1987 besteht. Trotz der damals durchgeführten Reformen, versäumte es die Regierung, den politischen Einfluss auf die Wirtschaft wirksam einzudämmen und für eine Demokratisierung der Wirtschaft zu sorgen. Paradoxerweise, merkte Mosler an, hätten genau diese Reformen zu einem noch größeren Ungleichgewicht zwischen den Großkonzernen (Chaebols)  und der politischen Klasse geführt. Das habe für großen Unmut in der Bevölkerung gesorgt und sei eine Ursache der gegenwärtigen Protestwelle, schlussfolgert Mosler.

Ein weiterer Grund ist die fehlende Inklusion der jungen Bevölkerung in Wirtschaft und Politik, argumentierte Bärbel Höhn. Südkoreanische Uniabsolventen finden trotz guter Ausbildung kaum aussichtsreiche und gut bezahlte Jobs. Außerdem sehne sich die junge Bevölkerung nach mehr Mitspracherecht und alternativen Formen der Bürgerbeteiligung, fasste die Stellvertretende Vorsitzende der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe die Eindrücke ihrer jüngsten Gespräche in Südkorea zusammen. 

Innovationsfähigkeit Südkoreas

Südkoreas Wirtschaftswunder ist vor allem die Erfolgsgeschichte der Chaebols, d.h. von Großkonzernen wie Samsung, Hyundai und LG. Ihre Strukturen sind die Prototypen asiatischer Erfolgsunternehmen: steile Hierarchien und eine von strenger Disziplin geprägte Unternehmenskultur. Gemeinsam machen die Chaebols 70 Prozent der südkoreanischen Wirtschaftsmacht aus; allein Samsung steht für 8 Prozent der Steuereinnahmen und 13 Prozent der Exporte. Die Probleme des Konzerns mit seiner neuesten Smartphone-Version weisen daher auf tiefere Strukturprobleme hin. Und sie werfen die Frage auf, ob das südkoreanische Entwicklungsmodell seine Grenzen erreicht hat. Stehen die von den Chaebols geprägten Strukturen im Widerspruch zu einer Innovationskultur, die flache Hierarchien und eigenständiges Denken voraussetzt?

Bernhard Bartsch,  Senior Expert der Bertelsmann Stiftung,  sah das Problem weniger in der fehlenden Innovationsfähigkeit des Landes insgesamt - in dieser Hinsicht schlägt sich Südkorea seiner Meinung nach gut, auch wenn die Innovationen vor allem von den Chaebols ausgehen und nicht von jungen heimischen Start-ups. Problematischer sei, so Bartsch, wie viel Wirtschaftsleistung physisch in Form von Arbeitsplätzen in Südkorea erhalten bleibe. Er betonte darüber hinaus, dass jedes Land seinen eigenen Innovationsweg gehen müsse.  Deutschland könne sich mit Südkoreas Weg insofern identifizieren, als beide Nationen stark vom Außenhandel abhängig seien. Südkorea scheint aber auch eine noch stärkere Abhängigkeit zu seinem regionalen Partner China zu haben, als dies für Deutschland der Fall ist. Südkoreas Wirtschaftswunder ist deshalb eng an das von China gekoppelt.

Insgesamt waren die Diskussionsteilnehmer sich darin einig, dass Südkorea weitreichende Reformen in Politik und Wirtschaft braucht, um gestärkt aus den gegenwärtigen Krisen hinauszukommen. Die Hoffnungen auf solche Reformen ruhen jedoch bereits auf dem Nachfolger von Präsidentin Park, der im kommenden Jahr gewählt wird.

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