Sollen Politiker:innen rasch handeln oder zunächst möglichst viele gesellschaftliche Gruppen in Entscheidungsprozesse einbeziehen? Sollen sie felsenfest zu ihren Positionen stehen oder Kompromisse schließen? Diese Fragen kennen viele aus der politischen Alltagsdebatte. Was bislang fehlte, sind jedoch belastbare Einblicke darüber, wie Bürger:innen selbst diese Abwägungen treffen, wenn sie sich tatsächlich entscheiden müssen.
© JFL Photography - stock.adobe.com
In der Erwartungsfalle: Warum Politiker:innen fast immer enttäuschen müssen
Bürger:innen erwarten zu Recht viel von Politiker:innen. Aber was genau erwarten sie eigentlich? Und können Politiker:innen den vielseitigen Ansprüchen überhaupt gerecht werden? Unsere Studie zeigt, dass Bürger:innen nicht zu viel verlangen, sondern dass sie oft Gegensätzliches gleichzeitig wollen. Das kann aber kein:e Politiker:in erfüllen.
Inhalt
Das Vertrauen in politische Repräsentant:innen ist belastet
n einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage haben wir sowohl konkrete Erwartungen an das Wie politischen Handelns, als auch konkrete Einstellungen gegenüber Politiker:innen abgefragt. Nur elf Prozent der Befragten glauben, dass Abgeordnete ihr Bestes geben, um die Interessen der gesamten Bevölkerung zu vertreten; lediglich neun Prozent halten sie für fair gegenüber allen gesellschaftlichen Gruppen. Gleichzeitig sprechen 60 Prozent ihnen einen unredlichen Umgang mit Fakten zu. Im neuen EINWURF argumentieren wir, dass diese Skepsis nicht ausschließlich aus unerfüllten Erwartungen an politische Ergebnisse (das Was), sondern auch aus widersprüchlichen Erwartungen an Entscheidungsfindung, Kommunikation und Politikstil (das Wie) resultiert.
Wo Bürger:innen sich selbst nicht einig sind
Anhand von sechs Zielkonflikten mit je zwei gegensätzlichen, nicht gleichzeitig erfüllbaren Handlungsoptionen zeigen unsere Analysen, dass über die gesamte Bevölkerung hinweg eindeutige Präferenzen selten sind. Positionstreue versus Kompromiss, Präsenz im Parlament versus im Wahlkreis: zu all diesen Fragen positioniert sich ein großer Teil der Befragten bewusst in der Mitte. Eine klare Ausnahme findet sich beim Vertretungsanspruch, bei dem 63 Prozent der Befragten erwarten, dass Politiker:innen die Interessen aller Bürger:innen vertreten und nicht nur die der eigenen Wählerschaft.
Diese widersprüchlichen Erwartungen finden sich zudem nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Wählerschaften aller Parteien. Widersprüchliche Erwartungen an das Verhalten von Politiker:innen sind folglich eher ein gesellschaftliches und kein parteipolitisches Muster.
Was folgt daraus?
Der EINWURF leitet drei Ansatzpunkte für die politische Praxis ab: Zielkonflikte sollten im Handeln von Politiker:innen aktiv sichtbar gemacht, Kommunikation stärker an unterschiedliche Zielgruppen angepasst und widersprüchliche Erwartungen ausgehalten werden, statt vergeblich zu versuchen, sie aufzulösen oder gar selbst zu schüren.


