Ehepaar und Geld auf Waage

Wie funktioniert die Ehegattenbesteuerung in Deutschland?

Es ist nahezu Konsens, dass die Teilhabe von Frauen an Wirtschaft und Gesellschaft weder durch Staat noch gesellschaftliche Normen und Gewohnheiten erschwert werden soll. Dennoch arbeiten Frauen in Deutschland deutlich weniger als in vergleichbaren EU-Staaten. Gründe dafür liegen unter anderem in der Ehegattenbesteuerung. In einer Expertise erklären wir, wie sie funktioniert und welche Spielräume es für Reformen gibt.

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Natascha Hainbach
Project Manager

Inhalt

Diese Expertise, welche Prof. Johannes Becker vom Institut für Finanzwissenschaften der Universität Münster in unserem Auftrag erstellt hat, hat zum Ziel, die sehr unübersichtliche und politisch kontroverse Debatte über das Ehegattensplitting zu entwirren. Denn während Befürworter:innen die Eigenschaft der Verbrauchs- und Versorgungsgemeinschaft betonen, sehen Kritiker:innen die Zweitverdienenden – meist Frauen bzw. Mütter – benachteiligt und damit auch eine Gefahr der Verfestigung überkommener Geschlechterrollen.

Wie funktioniert das Ehegattensplitting und welche Rolle spielen die Lohnsteuerklassen? Welche verfassungsrechtlichen Schranken und auch Spielräume gibt es für eine Reform? Und welche Reformen wären überhaupt möglich? In der Expertise werden all diese Fragen beantwortet.

Hier das Wichtigste in Kürze:

Ehegattensplitting führt zum Splittingvorteil: In Deutschland wählen Ehepaare bei der Besteuerung zwischen Einzelveranlagung und gemeinsamer Veranlagung. Wenn sie einzeln veranlagen, werden sie wie Alleinstehende besteuert (Individualbesteuerung). Bei gemeinsamer Veranlagung profitieren die Ehepartner:innen vom Ehegattensplitting. Die Eheleute werden dabei wie zwei Einzelpersonen besteuert, die beide jeweils die Hälfte des ehelichen Einkommens verdienen.​ Da das deutsche Einkommensteuersystem progressiv ist, bedeutet das Splitting in der Regel einen steuerlichen Splittingvorteil gegenüber einem unverheirateten Paar.

Das Ehegattensplitting führt insbesondere für Frauen zur hohen Steuerlast und beeinflusst ihr Arbeitsangebot: Wenn der Erstverdiener ein hohes Einkommen erzielt, hat das Splitting für die Zweitverdienerin den Nebeneffekt, dass schon der erste verdiente Euro hoch besteuert wird. Die meisten empirischen Studien zeigen zudem, dass das Arbeitsangebot von Männern relativ starr ist, während Frauen mit ihrem Arbeitsangebot auf Änderungen des Nettolohns deutlich reagieren. Heißt: Die durch eine Individualbesteuerung erhöhte Grenzbelastung des Erstverdieners würde sich auf dessen Arbeitsangebot kaum auswirken, während eine Verringerung der Grenzsteuersätze auf das Einkommen der Zweitverdienerin substanzielle Steigerungen des Arbeitsangebots zur Folge hätte. Ein Wechsel weg vom Vollsplitting würde sich daher insgesamt positiv auf das Arbeitsangebot auswirken.

Unterschiedliche Reformoptionen liegen vor: Die im internationalen Vergleich niedrige Erwerbsbeteiligung der Frau in Deutschland gilt als Hinweis darauf, dass diese im Vergleich zu Männern weiterhin erschwerte Teilhabemöglichkeiten an Wirtschaft und Gesellschaft haben. Neben fehlenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten stehen das Steuer- und Sozialsystem im Fokus möglicher Reformen. Zwischen den Polen Vollsplitting auf der einen und Individualbesteuerung mit übertragbarem Grundfreibetrag auf der anderen Seite stehen einige Kompromissvorschläge zur Wahl, wie die Beschränkung des Splittingvorteils für hohe Einkommen (Realsplitting) bzw. der Ehezusatzfreibetrag.

Beispielsweise unsere Untersuchung mit dem ifo Institut zeigt, dass die Umwandlung des Ehegattensplittings in ein Realsplitting und der Minijobs in sozialversicherungs- und steuerpflichtige Beschäftigung 124.000 Menschen in Arbeit bringen könnte, davon 108.000 Frauen.