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Sorge um die Mittelschicht: Warum das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft ins Wanken gerät

Ohne die Mittelschicht geht nichts: Sie ist die Basis für Wachstum, "sie bildet das Rückgrat unserer Gesellschaft", sagt unser Vorstandsvorsitzender Ralph Heck. Aber nur wenn diese mittlere Einkommensgruppe auch für viele Menschen erreichbar sei, könne das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft eingelöst werden. Und das ist entscheidend. "Denn nur so kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt und die Demokratie stabilisiert werden."

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Manuela Barišić
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Natascha Hainbach
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Höchste Zeit also, sich mit dieser Mittelschicht, vor allem aber mit ihren Problemen, auseinanderzusetzen. Denn die Mittelschicht verliert Substanz, und gerade für junge Menschen wird es immer schwerer, sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Das ist das Ergebnis der Studie "Bröckelt die Mittelschicht? Risiken und Chancen für mittlere Einkommensgruppen auf dem deutschen Arbeitsmarkt", die wir gemeinsam mit der OECD vorgelegt haben. Präsentiert wurde sie am Mittwoch bei einem digitalen Launch-Event mit mehr als 150 Teilnehmer:innen. Zugeschaltet hatte sich auch Mathias Cormann, Generalsekretär der OECD. Auch er macht sich in seinen einführenden Worten für die Mittelschicht stark. „Sie ist seit jeher das Fundament des wirtschaftlichen Wohlstands", sagt er. "Sie ist der Motor des Wachstums." Doch die Mittelschicht stehe unter Druck. "Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Politik des Themas annimmt", fordert Cormann. 

Die Agenda dafür liefert die Studie, die unsere Arbeitsmarktexpertin Valentina Consiglio und Sebastian Königs, Wirtschaftsexperte der OECD, gemeinsam mit Christian Geppert, Horacio Levy und Anna Vindics vorgelegt haben. In Deutschland ist die Mittelschicht zwischen 1995 und 2018 um sechs Prozentpunkte auf 64 Prozent geschrumpft. Das ist zwar hauptsächlich in der Zeit bis 2005 passiert, aber in den nachfolgenden Zeiten kräftigen Wachstums und sinkender Arbeitslosigkeit hat sich die Mittelschicht nicht wieder erholt, erklärt Sebastian Königs. Geschrumpft ist die Gruppe vor allem an ihrem unteren Rand, für jüngere Generationen ist es zunehmend schwieriger geworden, sich einen Platz in der Einkommensmitte zu sichern. Die Baby-Boomer:innen hatten, als sie in ihren 20ern und 30ern waren, noch eine Chance von 71 Prozent, sich in der Mittelschicht zu halten, für die Millennials lagen diese Chancen nur noch bei 61 Prozent. Dabei spielt Bildung eine immer wichtigere Rolle: So ist der Rückgang des Anteils der 25 bis 35-Jährigen, die es in die Mittelschicht schafften, für jene mit niedrigem Bildungsniveau fünf Mal stärker ausgefallen als für jene mit einem abgeschlossenen Studium. 

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Daraus leiten Consiglio und Königs klare Aufgaben für die Politik ab:

  • Die Aufstiegschancen für junge Menschen sollten verbessert werden, zum Beispiel durch eine Ausbildungsgarantie, wie sie auch im Koalitionsvertrag steht.
  • Die Möglichkeiten für und Inanspruchnahme von Erwachsenenbildung sollte gestärkt werden, damit die Beschäftigungsfähigkeit erhalten bleibt.
  • Umfassende Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung sollten dafür genutzt werden, gute und sozial abgesicherte Arbeitsplätze zu schaffen. 
  • Die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung von Pflegekräften sollten verbessert werden.
  • Die steuerliche Belastung der Mittelschicht sollte reduziert werden.
  • Die Erwerbstätigkeit von Frauen sollte insbesondere durch den Abbau von Fehlanreizen im Steuer- und Abgabensystem gestärkt werden.

Wie es ist, gegen den Abstieg aus der Mittelschicht zu kämpfen, hat die Journalistin Julia Friedrichs in ihrem Buch "Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können" beschrieben. "Ich freue mich über die Studie", erklärt sie. "Sie haben für die empirische Evidenz gesorgt, nachdem ich die Betroffenen über viele Monate begleitet habe." "Und sie haben den Zahlen ein Gesicht gegeben", gibt Nicola Brandt, Leiterin des Berlin-Centers der OECD, das Lob im Interview zurück. "Die Angst vor dem Abstieg sorgt für Druck", sagt Friedrichs. Das Versprechen, dass die Menschen in Deutschland mit ehrlicher Arbeit den Aufstieg schaffen könnten, gelte eben so nicht mehr.

Friedrichs setzt damit auch das Thema für die sich anschließende Panel-Diskussion mit Expert:innen, die unsere Arbeitsmarktexpertin Manuela Barišić moderiert. Die Angst vor dem Jobverlust sei zwar deutlich zurückgegangen, die Angst vor dem finanziellen Abstieg aber in deutlich gerigerem Maße, warnt Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. "Dieses Auseinanderklaffen ist beunruhigend." Denn im Umkehrschluss bedeute dies, dass Arbeit kein "Sicherheitsversprechen" mehr sei. Dies gelte besonders für die jungen Menschen, sagt Bernd Fitzenberger, Direktor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Wir haben eine Bringschuld an die jüngere Generation." Das Erhalten des Status Quo reiche nicht. "Stillstand ist keine Option. Wir müssen Menschen in die Lage versetzen, Chancen zu nutzen."

Wenn man das Gefühl, am unteren Ende zu sein, nur als Episode wahrnehme, dann sei das vielleicht noch zu ertragen, überlegt unser Wirtschaftsexperte Eric Thode, Direktor des Programms "Arbeit neu denken". Gefährlich werde es aber, wenn dieses Gefühl zum Dauerzustand werde. Dann sei es nicht mehr weit zu einer "erstarrten Gesellschaft". "Die Tendenzen zeigen derzeit genau in diese Richtung." Sorge bereite ihm zudem die wachsende Zahl von Langzeitarbeitslosen. Sie sei jetzt auf eine Million Menschen gestiegen. "Wir werden lange kämpfen müssen, um sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren."