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Gesellschaftlicher Zusammenhalt verbessert sich – trotz schwachem Gerechtigkeitsempfinden

Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat sich nach seinem starken Rückgang im Jahr 2023 teilweise erholt. Das zeigen zentrale Ergebnisse unseres Religionsmonitors 2026. Während soziale Beziehungen und Gemeinwohlorientierung wieder höhere Werte erreichen, bleiben das Gerechtigkeitsempfinden und das Vertrauen in die Regierung auf niedrigen Werten. Religion hat einen positiven Einfluss auf den Zusammenhalt – ihr Potenzial kommt jedoch nicht in allen Religionsgemeinschaften gleichermaßen zum Tragen.

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Dr. Yasemin El-Menouar
Senior Expert – Religion, Werte und Gesellschaft

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Klimawandel, Pandemie, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Radikalisierung stellen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland seit Jahren auf die Probe. Der Religionsmonitor 2026 zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild mit positiven und problematischen Entwicklungen beim Zusammenhalt in der Gesellschaft. Nach dem starken Rückgang zwischen 2020 und 2023 lässt sich ein stärkerer Zusammenhalt unter der Bevölkerung feststellen.

“Unsere Daten zeigen, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in den vergangenen Jahren verbessert hat. Viele Menschen verfügen über stabile soziale Beziehungen und sind bereit, Verantwortung für andere und das Gemeinwohl zu übernehmen", sagt unser Vorstandsmitglied Andreas Pinkwart. “Zugleich sehen wir, dass das Verhältnis zwischen Staat und Bürger:innen deutlich belastet bleibt. Wir brauchen ein neues konstruktives Miteinander. Der Staat braucht das Engagement der Bürger:innen. Aber berechtigte Anliegen der Bürger:innen sind seitens des Staates zu berücksichtigen, Belastungen durch nötige Reformen sind in fairer Weise zu gestalten.”

Soziale Beziehungen erholen sich

Gemessen wird der gesellschaftliche Zusammenhalt auf einem Index mit Werten auf einer Skala von 0 bis 100. Vor rund zehn Jahren (2017) lag der Gesamtindex bei 54 Punkten. 2020 bei 55 Punkten. Bis 2023 sank der Wert auf 46 Punkte. Im Jahr 2026 stiegt er auf 51 Punkte. Das frühere Niveau ist damit noch nicht vollständig erreicht, der zuvor beobachtete Abwärtstrend hat sich aber nicht fortgesetzt. 

Die drei untersuchten Bereiche des Zusammenhalts entwickeln sich unterschiedlich. Besonders deutlich ist die Erholung bei den sozialen Beziehungen. Ihr Indexwert war zwischen 2020 und 2023 von 61 auf 49 Punkte gefallen und erreicht 2026 wieder 57 Punkte. Auch die Gemeinwohlorientierung liegt mit 53 Punkten auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Mehr Menschen engagieren sich freiwillig, und das politische Interesse erreicht mit 65 Punkten seinen bislang höchsten Wert. Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen stagniert dagegen bei 44 Punkten. Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt wie schon 2023 bei nur 37 Punkten. Noch niedriger fällt mit 25 Punkten das Gerechtigkeitsempfinden aus. Es erreicht damit den niedrigsten Wert im betrachteten Zeitraum.

Religion geht mit stärkerem Zusammenhalt einher

Der Religionsmonitor 2026 untersucht erstmals, wie Religionszugehörigkeit und Religiosität mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zusammenhängen. Wenig oder gar nicht religiöse Menschen erreichen im Gesamtindex durchschnittlich 49 Punkte. Unter mittelreligiösen Befragten liegt der Wert bei 53 Punkten, unter Hochreligiösen bei 52 Punkten. “Religion kann soziale Beziehungen festigen, Hilfsbereitschaft fördern und Menschen zum Engagement motivieren. Entscheidend ist dabei offenbar weniger die bloße Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft als die gelebte religiöse Praxis und die soziale Einbindung", sagt Yasemin El-Menouar, unsere Expertin für Religion und Zusammenhalt. "Religiosität ist damit auch in einer zunehmend säkularen Gesellschaft eine relevante soziale Ressource.”

Das Potenzial von Religion entfaltet sich unter ungleichen Bedingungen

Das Zusammenhaltspotenzial von Religiosität kommt jedoch nicht in allen Religionsgemeinschaften gleichermaßen zum Tragen. Bei katholischen und evangelischen Befragten steigen die Gesamtwerte mit zunehmender Religiosität. Unter muslimischen Befragten zeigt sich ein anderes Muster: Bei den sozialen Beziehungen und der Gemeinwohlorientierung geht stärkere Religiosität ebenfalls mit höheren Werten einher. Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen nimmt dagegen ab. Sie sinkt von 46 Punkten unter wenig oder gar nicht religiösen Muslim:innen über 42 Punkte bei Mittelreligiösen auf 28 Punkte bei Hochreligiösen. “Eine ausgeprägte muslimische Religiosität geht wie bei der christlichen Religiosität mit besseren sozialen Beziehungen und höherem Engagement und Gemeinwohlorientierung einher. Dieses Potenzial übersetzt sich aber nicht automatisch in eine stärkere Verbundenheit mit dem Gemeinwesen”, erklärt El-Menouar.

Vertrauen, Anerkennung und Begegnung stärken

Um das Verhältnis von Staat und Bürger:innen zu verbessern, sollten Politik und Verwaltung ihre Entscheidungen nachvollziehbarer erklären und die Bevölkerung früher und wirksamer beteiligen, zum Beispiel durch Bürgerräte oder Bürgerdialoge. Auch soziale Orte, wo Menschen sich für das Gemeinwohl engagieren, gelte es dauerhaft zu sichern. Denn Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, Schulen, Kultur- und Jugendzentren, Sportvereine und religiöse Gemeinden ermöglichten Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Milieus.

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