Das Investitionsgeschehen in Deutschlands Industrie ist sehr heterogen. Die Energiebranche investiert kräftig, in der Metallerzeugung sind die Unternehmen dagegen mit neuen Investitionen zurückhaltend. Große Unternehmen enteilen den kleineren Betrieben. Im Westen wird stärker investiert als im Osten. Technologische Vorreiter gehen auch bei Investitionen voran, technologieferne sind abgehängt. Die innovative Avantgarde liegt vorn, innovationsferne Unternehmen haben das Nachsehen. Und schließlich gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Unternehmenserfolg und Investitionen.
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Weniger deutsche Industrieunternehmen planen Investitionen – kleine und innovationsferne besonders zurückhaltend
Die Investitionstätigkeit in der Industrie nimmt weiter ab: Nur noch rund die Hälfte der Unternehmen plant bis Ende 2026 Erhalt- oder Ersatzinvestitionen. Das sind rund 15 Prozentpunkte weniger als in den vergangenen Befragungen. Noch schwächer ist das Bild bei Neuinvestitionen in Erweiterungen, Forschung und Entwicklung: Nur noch ein Viertel der Unternehmen plant, hier aktiv zu werden. Dabei ist der Bedarf an Investitionen eigentlich riesig. Die Unternehmen müssten bis 2030 rund 1,4 Billionen Euro investieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und die Klimaziele zu erreichen.
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Pharma- und Energiebranche liegen vorn
67 Prozent der Pharmabranche und die komplette Energiebranche investieren laut aktuellem IW-Zukunftspanel in Erweiterungen. Die Metallerzeugung (34 Prozent) ist dagegen weit abgeschlagen. Das passt auch zur Beschäftigungsentwicklung in diesen Branchen. In der Pharma-Industrie hat es hier einen Zuwachs von 13 Prozent seit dem Jahr 2016gegeben, in der Energiebranche sogar einen Anstieg um 24 Prozent. In der Metallerzeugung ist die Zahl der Beschäftigten dagegen im selben Zeitraum um 13 Prozent zurückgegangen.
In Industriebranchen, die unter Druck geraten sind, reduzieren Unternehmen ihre Investitionen. Hier droht ein Teufelskreis aus sinkender Investitionstätigkeit, geringerer technologischer Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsabbau. Dass drei Viertel aller Industrieunternehmen keine FuE-Investitionen planen, ist angesichts der Bedeutung einer technologisch wettbewerbsfähigen Industrie für die Wertschöpfung in Deutschland besorgniserregend.
Otto Meyer zu Schwabedissen, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung
Kluft zwischen Groß und Klein
Eine Kluft tut sich auch zwischen Großunternehmen und kleineren Betrieben auf. Drei Viertel der Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten investieren in Erweiterungen, gut die Hälfte in Forschung und Innovation. Dagegen investieren nur 42 Prozent der kleineren Betriebe in Erweiterungen und nur 25 Prozent in Forschung und Innovation.
Im Osten wird weniger investiert als im Westen
In Ostdeutschland wird weniger investiert. 34 Prozent der Unternehmer:innen und Manager:innen in den östlichen Bundesländern investieren in Firmenerweiterungen und Forschung (15 Prozent). Auch bei den bis Ende 2026 geplanten Investitionen (25 bzw. 15 Prozent) liegen sie hinten. Die Zahlen in Westdeutschland liegen jeweils rund zehn Prozentpunkte über denen für die neuen Bundesländer.
Technologische Vorreiter investieren besonders kräftig
Beeindruckend sind die Forschungsinvestitionen der technologischen Vorreiter im Vergleich zu denen technologieferner Unternehmen. Während mit 84 Prozent fast alle Vorreiter in Forschung investieren, tun dies nur neun Prozent der Technologiefernen. Die Vorreiter investieren aber nicht nur öfter, sondern auch stärker als in den Vorjahren. 57 Prozent der Vorreiter geben an, dass ihre Investitionsbudgets (stark) gestiegen sind, aber nur drei Prozent der Technologiefernen. Dagegen haben 28 Prozent der Technologiefernen ihre Investitionsbudgets für die Forschung (stark) reduziert, aber nur sechs Prozent der Vorreiter.
Innovative Unternehmen investieren besonders in Forschung und Entwicklung
Wie erwartet investieren innovative Leader deutlich stärker als innovationsferne Unternehmen. Bei Erweiterungsinvestitionen liegt der Unterschied bei mehr als 30 Prozentpunkten zwischen innovativen Leadern und Adaptern (69 zu 33 Prozent), bei Forschung, Entwicklung und Innovation sogar bei fast 70 Prozentpunkten in den vergangenen drei Jahren (75 zu 8 Prozent). Diese großen Unterschiede bleiben auch bei den Angaben zu Investitionsplanungen bestehen.
Erfolg und Investition gehören zusammen
Unternehmenserfolg und eine hohe Investitionstätigkeit gehen miteinander einher. Insbesondere diejenigen Unternehmen, die in Erweiterungen sowie Forschung, Entwicklung und Innovation investiert haben, sind deutlich stärker gewachsen. 95 Prozent der Unternehmen, die angeben, seit 2023 deutlich mehr Mitarbeiter eingestellt zu haben, haben Erweiterungsinvestitionen getätigt. Bei Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsinvestitionen ist der Anteil mit 97 Prozent noch höher. Von den Industrieunternehmen, die seit 2023 deutlich weniger Mitarbeiter haben, investierten nur 16 Prozent in die Erweiterung und nur 25 Prozent in Forschung und Entwicklung. Unternehmen, die in den vergangenen drei Jahren stark in Erweiterungen sowie Forschung, Entwicklung und Innovation investierten, sind zudem deutlich stärker gewachsen als andere Unternehmen. Mehr als 70 Prozent der Unternehmen mit stark gestiegenen Innovationsinvestitionen geben an, seit 2023 ein Umsatzplus erzielt zu haben.
Wir brauchen dringend wieder mehr flächendeckende Investitionen, um ein weiteres Auseinanderdriften der Industrie und ein Scheitern der Transformation zu verhindern. Hierfür müssen die bestehenden politischen Unsicherheiten auf dem Weg zur Klimaneutralität überwunden werden.
Otto Meyer zu Schwabedissen, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung


