Hosentasche mit Werkzeug und Zettel, auf dem steht, dass ein Job gesucht wird
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, Unfreiwillig freiberuflich: Soziale Gerechtigkeit und Arbeitsmarktpolitik

Bessere Arbeitsplätze zu schaffen, ist eine der Forderungen der UN anlässlich des World Justice Day am 20. Februar. Auch in den Industrieländern nehmen atypische Beschäftigungsverhältnisse zu – und das wachsende Prekariat bedroht die Zukunft der Sozialsysteme.

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von KAROLA KLATT

Digitalisierung und die Flexibilisierung von Arbeitsmärkten haben die Erwerbsarbeit in den Industrieländern gewandelt: Kleiner wird die Schar derer, die jeden Tag Vollzeit für einen einzigen Arbeitgeber tätig sind. Die Zahl der unabhängigen Freelancer, der Zuverdiener und geringfügig Beschäftigten wächst dagegen beständig. Paketboten, Lieferanten und Fahrer, aber auch Grafikdesigner, Übersetzer und Programmierer – sie alle suchen mithilfe von Internetplattformen wie Fiverr, MyHammer, Uber, TaskRabbit oder freelance nach Jobs. Vielen geht es in der sogenannte Gig-Economy, dem kurzfristigen Arbeiten von Auftrag zu Auftrag, von Projekt zu Projekt, um einen Nebenverdienst – immer mehr jedoch erwirtschaften auf diese Weise ihr gesamtes Einkommen.

Die Gig-Economy hat dazu beigetragen, dass in den meisten Industrieländern die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren zurückgegangen ist.  In einigen Ländern, die die Auswirkungen der Finanzkrise besonders hart zu spüren bekommen haben, sank die Arbeitslosigkeit zuletzt sogar drastisch. Nicht in gleichem Maße gesunken ist dagegen das Armutsrisiko. Beobachter warnen deshalb vor einem wachsenden Heer digitaler Tagelöhner, die kein festes Einkommen haben und nicht für den Krankheitsfall, die Arbeitslosigkeit und das Alter vorsorgen. Wie groß dieses Heer tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen, denn statistisch werden die Auftragsnomaden nicht erfasst. Eine Zunahme atypischer Arbeitsverhältnisse lässt sich jedoch auch auf dem klassischen Arbeitsmarkt nachweisen.

Sinkende Arbeitsplatzqualität

So berichten die Autoren des Index Report 2019 „Social Justice in the EU and OECD“ (SJI) der Bertelsmann Stiftung, der die soziale Gerechtigkeit in 41 Industrieländern untersucht, dass die Unterschiede in den Einkommen und der Arbeitsplatzqualität zugenommen hätten. Ein Grund dafür sei die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, die zwar wesentlich zum Beschäftigungszuwachs beigetragen habe, aber auch zu einer Zunahme atypischer, nicht regulärer Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeitarbeit oder befristeter Arbeitsverhältnisse: „So ist beispielsweise der Anteil der unfreiwilligen Teilzeitarbeit an der gesamten Teilzeitarbeit in 23 der 41 Staaten seit 2008, zum Teil erheblich, gestiegen.“

Eine Studie des McKinsey Global Institute (MGI) aus dem Jahr 2016, die sich explizit mit den Freiberuflern der Gig-Economy beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass auch der Anteil unfreiwilliger Auftragsarbeiter höher ist als gemeinhin wahrgenommen. Nach einer Auswertung von verfügbaren Statistiken und den Ergebnissen einer eigenen Erhebung schätzen die Autoren, dass in den USA und den EU-15-Ländern (alle Mitgliedsländer, die vor April 2004 der Europäischen Union beigetreten sind) 20 bis 30 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung einer freiberuflichen Arbeit nachgehen – 30 Prozent davon unfreiwillig.

Teilzeitfalle belastet das griechische Rentensystem

Eine besonders starke Zunahme unfreiwilliger Teilzeitbeschäftigung sehen die Autoren des SJI in den krisengeschüttelten südeuropäischen Ländern, besonders in Griechenland: „Die leichte Verbesserung der griechischen Arbeitsmarktbedingungen wird getrübt durch die weitere Zunahme prekärer Beschäftigung. Von allen Teilzeitbeschäftigten sind 70,1 Prozent unfreiwillig teilzeitbeschäftigt und 21,7 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind Niedriglohnempfänger.“

Wie fatal sich dieser Trend zur niedrig entlohnten atypischen Arbeit im Zusammenhang mit einer alternden Bevölkerung auswirken kann, zeigen die Rentenprognosen. Laut einer Berechnung für die Europäische Kommission müsste das Renteneintrittsalter in Griechenland bis zum Jahr 2050 auf über 70 Jahre angehoben werden, wenn die Renten weiter finanzierbar bleiben sollen. Den circa 2,6 Millionen griechischen Rentnern stehen heute nur rund 3,9 Millionen Erwerbstätige gegenüber, davon 2,5 Millionen im privaten Sektor. Von diesen arbeiten 28,7 Prozent Teilzeit, verdienen durchschnittlich nur 409 Euro monatlich und zahlen damit nur wenig in die Rentenkasse ein.

Noch scheut die griechische Regierung weitere Kürzungen der Renten vorzunehmen, zu denen sie eigentlich aufgrund der gemachten internationalen Zusagen gegenüber Gläubigern und angesichts des hohen Anteils kaum sozialversicherungspflichtiger Arbeit gezwungen wäre. Deshalb entspricht nach Einschätzung der Sustainable Governance Indicators (SGI) 2019 der Bertelsmann Stiftung die griechische Rentenpolitik nicht den Anforderungen an die Generationengerechtigkeit. „Die bestehenden Regelungen dienen in erster Linie den Interessen der mittleren und alten Altersgruppen zu Lasten der jüngeren Arbeitnehmergenerationen“, urteilen die Länderexperten. Mit nur 4 von 10 möglichen Punkten gehört das griechische Rentensystem für sie zu den schlechtesten im Industrieländervergleich.

Japans Regierung will stabile Arbeitsverhältnisse fördern

Eine demografische Zeitbombe tickt auch in Japan. Hier trifft die höchste Lebenserwartung auf eine der niedrigsten Geburtenraten. Schon heute ist nirgendwo auf der Welt das Verhältnis zwischen Menschen im Erwerbstätigenalter zu Rentnern so ungünstig. Und doch wächst auch hier laut SGI-Länderbericht 2019 das Prekariat: „In einem Land, das einst als Inbegriff für gerechtes Wachstum gepriesen wurde, ist ein neues Prekariat entstanden, in dem 40 Prozent der Arbeitskräfte keine klassischen Arbeitsverträge mehr haben.“

Die Jobunsicherheit trifft in Japan besonders Frauen und eine relativ junge Gruppe von gut ausgebildeten Akademikern, die in der sogenannten Arbeitsmarkt-Eiszeit in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren nach ihrem Universitätsabschluss keine Anstellung finden konnten. Aus Sorge um die Produktivität des Landes und vor einem künftigen Anstieg der Sozialversicherungskosten will die Regierung für diese spezielle Gruppe jetzt besondere Maßnahmen ergreifen, die zu mehr regulären Beschäftigungsverhältnissen führen sollen. Neben zielgruppengerechteren Qualifizierungs- und Arbeitsvermittlungsmaßnahmen prüft die Regierung auch die Schaffung von finanziellen Anreizen für Firmen, die Personen zwischen 35 und 45 Jahren unbefristet einstellen.

In den USA sind Auftragsnomaden fast schon die Regel

Besonders in den USA nehmen atypische Beschäftigungsverhältnisse deutlich zu, vor allem unter jungen Menschen. „Je jünger ein Erwerbstätiger ist, desto wahrscheinlicher arbeitet er freiberuflich“, stellen die Autoren der Studie „Freelancing in America 2019“ fest und belegen diese Behauptung mit Zahlen aus dem letzten Jahr: „Freiberuflich tätig waren 29 Prozent der erwerbstätigen Baby Boomer (Alter 55+), 31 Prozent der Generation X (Alter 39-54), 40 Prozent der Millenniumsgeneration (Alter 23-38) und 53 Prozent der Generation Z (Alter 18-22).“

Auch wenn viele gut ausgebildete Jobnomaden in den Industrieländern freiwillig die Selbständigkeit wählen, weil sie sich für ihre beruflichen Karrieren mehr Flexibilität, Abwechslung und höhere Gehälter versprechen, sind viele andere Gig-Arbeiter laut der McKinsey-Studie unfreiwillig freiberuflich: „Hochgerechnet arbeiten 50 Millionen Amerikaner und Europäer aus der Not heraus freiberuflich und mehr als 20 Millionen von ihnen sind auf freiberufliche Arbeit als Haupteinkommensquelle angewiesen. Für sie ist das selbständige Arbeiten immer noch besser als die Alternative der Arbeitslosigkeit oder ein schlechter regulärer Arbeitsplatz. Die Beschäftigung temporärer Arbeitskräfte ist eindeutig ein Teil dieses Problems. Viele sind nicht freiwillig befristet tätig, sondern würden die Stabilität eines klassischen Arbeitsverhältnisses vorziehen.“

Die Arbeitsplatzqualität gilt es bei der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte im Auge zu behalten, denn atypische, unsichere Beschäftigungsverhältnisse steigern nicht nur das Armutsrisiko in den Industrieländern, sondern belastet vor allem auch die Zukunftsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme.

Karola Klatt ist Wissenschaftsjournalistin und Redakteurin der SGI News und des BTI Blogs der Bertelsmann Stiftung.

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