Fazit

Als gemessen am BIP p. c. ärmstes Bundesland ist Mecklenburg-Vorpommern von seinen sozioökonomischen Bedingungen her mit schwierigen Voraussetzungen konfrontiert, wenn es den seit Jahren anhaltenden Pfad eines Wirtschaftswachstums fortsetzen will: Auf Seiten von Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur sind es vor allem eine stark von Kleinbetrieben geprägte Wirtschafts- und Ausbildungsstruktur, die auf konjunkturelle Schwankungen besonders sensibel reagiert; geringe Anteile industrieller Produktion, die zudem vielfach (Schiffsbau) krisenanfällig ist und wenig unternehmensbezogene Dienstleistungen bindet; starke Abhängigkeit von der Tourismusindustrie und ein von hoher Arbeitslosigkeit geprägter Arbeitsmarkt. Bei den personenbezogenen Ressourcen steht an erster Stelle das Problem eines radikalen demografischen Abschwungs, der das Nachwuchskräftepotenzial in den nächsten zehn Jahren infrage stellt, ein leicht über dem Bundesdurchschnitt liegender Anteil von Schulabsolventen mit maximal Hauptschulabschluss, aber ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung.

Insgesamt sind dies sozioökonomische Bedingungen, die eine Intensivierung der Berufsbildungspolitik sowohl herausfordern als auch zugleich begrenzen. Es zeichnen sich Problemzonen für die Berufsbildungspolitik ab, deren Lösung ebenso zur Verbesserung der Leistungsbilanz als auch der sozialen Teilhabe beitragen könnte:

• Behebung der Passungsprobleme am dualen Ausbildungsmarkt, die sich aktuell am stärksten in der Diskrepanz zwischen einem Überangebot an Ausbildungsplätzen in den Berufen des Ernährungshandwerks und der Hotel- und Gaststättengewerbes gegenüber einer begrenzten Nachfrage äußern, aber sich nicht darauf beschränken. Die Kategorie der Passungsprobleme wäre verkürzt dargestellt, wenn man sie nur auf das Überangebot in den genannten Berufen des unteren Berufssegments anwendete. Ebenso erscheint für Mecklenburg-Vorpommern eine Diversifizierung des Berufespektrums angesagt, um die Unterversorgung mit dualen Ausbildungsstellen in den Berufsbereichen zu beheben, in die höhere Anteile von Jugendlichen mit einer Hochschulzugangsberechtigung einmünden. Vor allem wären attraktive kaufmännische und Informatikberufe auszuweiten, was das Fachkräftepotenzial der Region ausweiten könnte.

• Angesichts der demografischen Entwicklung ist Mecklenburg-Vorpommern gut beraten, neue Personengruppen für die Berufsausbildung zu erschließen. In den letzten Jahren hat das Land mit der beruflichen Integration von Ausländern gute Erfahrungen gemacht, die sich im Ländervergleich mit überdurchschnittlich hohen Einmündungsquoten von Ausländern mit mindestens Hauptschulabschluss in eine vollqualifizierende Ausbildung niedergeschlagen haben. Auch wenn die absoluten Zahlen relativ klein waren, sodass der Vergleich mit Ländern, die eine hohe Zahl an Menschen mit Migrationshintergrund integrieren müssen, nicht unbedingt valide ist, spricht wenig dagegen, dass Mecklenburg-Vorpommern die positiven Erfahrungen auch in die Breite übertragen kann. Die Politik muss wissen, wie ihr das gelingen kann. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Berufsvorbereitung, in die 2015 fast zwei Fünftel der ausländischen Neuzugänge zur Berufsbildung eingemündet sind, von Ausländern ohne Hauptschulabschluss sogar 95 %. Da von der großen Zuwanderungsbewegung 2014/15 60 % derjenigen im besonders ausbildungsrelevanten Alter (bis 30 Jahre) ohne Hauptschulniveau sind (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016), steht hier eine riesige Aufgabe auch für Mecklenburg-Vorpommern an. Aber es könnte die realistischste Möglichkeit sein, in absehbarer Zeit mehr Fachkräftepotenzial heranzubilden.

• Als relativ dünn besiedeltes Flächenland mit zugleich einer kleinbetrieblichen Wirtschaftsstruktur hat sich unter der Bedingung des demografischen Abschwungs das Standortproblem für Berufsschulen verschärft. Eine flächendeckende Versorgung mit Fachklassen dürfte zunehmend kostspieliger werden, erscheint aber als einzige Möglichkeit, weiteren Ausbildungsplatzabbau zu verhindern und Jugendlichen in der Fläche eine Ausbildungschance zu sichern. Gegenwärtig steht Mecklenburg-Vorpommern bei den öffentlichen Ausgaben je Schüler an beruflichen Schulen in Höhe von 3.300 € pro Jahr ganz unten im Ländervergleich. Da das Land aber mit 3,5 % Anteil am BIP für Bildungsausgaben für den Primär-, sekundären und postsekundären Bereich deutlich über dem Bundesdurchschnitt (2,9 %) liegt, wird die Landespolitik vermutlich um Verschiebungen im Landeshaushalt kaum herumkommen.

• Ein flächendeckendes Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten fordert auch die vollzeitschulischen Angebote heraus, die sich in Mecklenburg-Vorpommern wie in allen östlichen Bundesländern in den letzten Jahren auf wenige personenbezogene Dienstleistungsberufe konzentriert haben. Die Frage, ob es angesichts der labilen Betriebsgrößenstruktur nicht an der Zeit ist, systematisch schulische Ausbildungsalternativen zu entwickeln, stellt sich für Mecklenburg-Vorpommern mit besonderer Dringlichkeit.

Die Lösung dieser drei Problemkomplexe würde sowohl die Leistungsfähigkeit des Ausbildungssystems in Mecklenburg-Vorpommern (Verbesserung des Fachkräftepotenzials) als auch die soziale Teilhabe deutlich verbessern helfen. Letztere zielt vor allem auf die männlichen Jugendlichen, die schon heute im Übergangssektor deutlich überrepräsentiert sind, was sich durch die stark geschlechtsspezifische Zuwanderung von Asyl- und Schutzsuchenden weiter verstärken wird. Die Lösung der Probleme aber kann nicht allein von der Berufsbildungspolitik geleistet werden. Ohne eine flankierende Beschäftigungs-, Arbeitsmarkt-, Regional- und Integrationspolitik ist das Risiko für die Berufsbildungspolitik, zu scheitern, sehr hoch.

 

Autoren: Prof. Dr. Martin Baethge, Dr. Maria Richter (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, SOFI); Prof. Dr. Susan Seeber, Dr. Meike Baas, Dr. Christian Michaelis, Robin Busse (Universität Göttingen).