Länderbericht Brandenburg

Fazit

Zwar gehört Brandenburg wie auch die vier anderen ostdeutschen Länder zu den – gemessen am BIP p. c. – ärmeren deutschen Ländern mit auch überdurchschnittlichen Arbeitslosenquoten. Aber das Land scheint aus seiner Nähe zu und verkehrstechnischen Anbindung an Berlin Vorteile für den Arbeits- und Ausbildungsstellenmarkt wie auch für Betriebsansiedlungen im sogenannten Speckgürtel zu ziehen, sodass das Land sowohl bei der Arbeitslosenquote als auch bei der Angebots-Nachfrage-Relation in der dualen Ausbildung erheblich günstigere Werte aufweist als die Bundeshauptstadt selbst. Diese Sonderbedingung, die sich in unterschiedlichen Pendlerbewegungen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt äußert (vgl. Länderbericht Berlin), ist bei der Betrachtung der Situation in Brandenburg im Auge zu behalten.

Die Bildungsinfrastruktur und die Situation am Berufsbildungsmarkt haben sich in Brandenburg in den letzten Jahren deutlich verbessert, was sich in einer landesweit rechnerisch ausgeglichenen Angebots-Nachfrage-Relation im dualen System, in einer Halbierung der Zahl der Neuzugänge zum Übergangssektor seit 2007 wie auch in einer Reduzierung der Zugänge zum Schulberufssystem um 30 % äußert. Was auf den ersten Blick als begrüßenswerte Verringerung der Ausbildungsmarktprobleme erscheint und dies für die ausbildungsinteressierten Jugendlichen auch ist, sollte nicht unhinterfragt einfach nur zur Kenntnis genommen werden. Es könnten sich in den Prozessen, die zu dem Ergebnis geführt haben, unbeobachtete Unsicherheiten für die Zukunft verbergen, auf die die Berufsbildungspolitik Brandenburgs frühzeitig ihre Aufmerksamkeit richten sollte.

Denn so scheint es sich tatsächlich zu verhalten. Die Verbesserung der Ausbildungssituationen ist weniger gezieltem politischen Handeln der Berufsbildungsakteure als vielmehr starken demografischen Rückläufigkeiten der Ausbildungsnachfrage und marktimmanenten Entwicklungen geschuldet. Die Halbierung der Neuzugänge zum Übergangssektor lässt sich vornehmlich darauf zurückführen, dass die „Marktbenachteiligten“ in der großen Ausbildungsmarktkrise sukzessive in der Ausbildung aufgenommen wurden. Bei der großen Rückläufigkeit der Zugänge zur dualen Ausbildung spielt neben dem Nachfragerückgang auch eine dramatische Reduzierung des betrieblichen Ausbildungsplatzangebots um 35 % seit 2007 eine Rolle (vgl. Abs. 6.2), wobei hier ein Teil auf die öffentlich subventionierten „außerbetrieblichen betrieblichen“ Ausbildungsangebote geht.

Insgesamt deuten sich damit perspektivisch Unsicherheiten in der Ausbildungsinfrastruktur an, die auch bereits heute bestehende starke regionale Disparitäten in der Versorgung von östlichen Arbeitsagenturbezirken mit Ausbildungsplätzen berühren. Die Reduzierung des Ausbildungsvolumens, das auch heute landesweit immer noch kein auswahlfähiges Ausbildungsangebot ermöglicht, könnte im nächsten Jahrzehnt, in dem sich in Brandenburg die demografische Entwicklung umkehrt, schnell zu Versorgungsengpässen führen.

Auch die Reduzierung der vollzeitschulischen Ausbildungsverhältnisse und die Verlagerung der Übergangsaktivitäten auf die Angebote der Bundesagentur für Arbeit sind nicht völlig unproblematisch. Im ersten Fall können Engpässe im Fachkräftenachwuchs für die weiterhin expandierenden personenbezogenen Dienstleistungen entstehen. Im zweiten Fall drohen beim Fehlen einer systematischen berufsschulischen Ausbildungsvorbereitung (Übergangssektor) Probleme der beruflichen Integration von ausländischen Jugendlichen, deren Zahl auch in Brandenburg im nächsten Jahrzehnt ansteigen wird. Die aktuellen, relativ positiven Erfahrungen mit sehr kleinen Zahlen jedenfalls sind nicht umstandslos fortzuschreiben.

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Autoren: Prof. Dr. Martin Baethge, Dr. Maria Richter (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, SOFI); Prof. Dr. Susan Seeber, Dr. Meike Baas, Dr. Christian Michaelis, Robin Busse (Universität Göttingen).