Grafische Darstellung einer Glühbirne

Viele Angestellte tragen den Gründergeist bereits in sich

Die Gründungsaktivität in Deutschland bleibt seit Jahren hinter den Möglichkeiten zurück. Insbesondere unter den jungen Menschen sind deutlich weniger selbstständig tätig als im EU-Durchschnitt. Eine neue Befragung zeigt jetzt allerdings, dass sich Unternehmer:innen und Angestellte in ihren Persönlichkeitsmerkmalen kaum voneinander unterscheiden. Darin liegt großes Potenzial für mehr unternehmerisches Handeln. Um es zu heben, braucht es bessere Rahmenbedingungen und gezielte Weiterbildung.

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Ivo Andrade
Project Manager
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Dr. Tobias Bürger
Senior Project Manager

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Unternehmertum ist keine Frage des Typs – so lassen sich die Ergebnisse einer von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebenen und mit der Handelskammer Hamburg veröffentlichten Befragung mit rund 5.500 Teilnehmenden auf den Punkt bringen. Im Rahmen eines Onlinetests haben sich 3.363 Angestellte und 2.105 Selbstständige bzw. Gründer:innen selbst eingeschätzt, wie sehr sie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die nachweisbar für Gründungsbereitschaft und -erfolg eine Rolle spielen, aufweisen. Zu den acht erfassten Eigenschaften zählen unter anderem Risikobereitschaft, Beharrlichkeit, Durchsetzungsstärke und Leistungswille.

Im Gesamtbild zeigt sich, dass alle acht Merkmale bei den Selbstständigen und Gründer:innen zwar stärker ausgeprägt sind als bei den Angestellten, die Unterschiede jedoch nur sehr gering ausfallen. Beispielsweise erzielt das Merkmal „Belastbarkeit“ auf einer Bewertungsskala von 1 bis 7 bei den befragten Unternehmer:innen einen Wert von 5,56, während die Angestellten bei 5,30 liegen. Die Differenz beträgt somit nur 0,26 Skalenpunkte. Die übrigen Kriterien weisen ebenfalls nur leichte Abweichungen auf, von 0,28 bis 0,30 Skalenpunkte. Lediglich in der Einschätzung zu „Autonomie/Unabhängigkeitsstreben“ gibt es einen deutlicheren Abstand von 0,45 Skalenpunkten. Beim Vergleich nach Alter fällt auf, dass sich jüngere Angestellte im Alter von 18 bis 35 Jahren etwas mehr von Unternehmer:innen derselben Altersgruppe unterscheiden, als es bei älteren Angestellten und Unternehmer:innen zwischen 35 und 68 Jahren der Fall ist. Die Selbstwahrnehmung gleicht sich also mit zunehmender Berufserfahrung an (siehe Abbildung 2).

Große Chance für Gründungsdynamik und Wettbewerbsfähigkeit

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass der Weg zum Gründer oder zur Gründerin keiner kleinen Gruppe mit bestimmten, nur hier anzutreffenden Persönlichkeitsprofilen vorbehalten ist. Im Gegenteil: Viele Menschen, die angestellt beschäftigt sind, tragen wesentliche Merkmale des Gründergeistes bereits in sich. Damit gibt es in Deutschland viel mehr potenzielle Unternehmer:innen, als oft angenommen wird. Hieraus bietet sich eine große Chance für die Gründungsdynamik und Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft“, sagt Ivo Andrade, Experte der Bertelsmann Stiftung für Jugend und Wirtschaft.

Eine hohe Durchlässigkeit zwischen Festanstellung und Selbstständigkeit kann verschiedene Wege in eine unternehmerische Tätigkeit eröffnen. Dazu zählen nebenberufliche Gründungen als risikoärmerer Einstieg, die Förderung von unternehmerischem Denken und Handeln im Angestelltenverhältnis – das sogenannte Intrapreneurship – sowie spätere Wechsel in die Selbstständigkeit im Verlauf der beruflichen Laufbahn.

Relevante Erkenntnisse für das drängende Thema Unternehmensnachfolge

Auch für das Thema Unternehmensnachfolge sind die Erkenntnisse relevant. In Deutschland werden bis Ende 2029 jährlich etwa 109.000 Unternehmensnachfolger:innen gesucht (KfW 2026). Gut ein Drittel der von Industrie- und Handelskammern (IHK) beratenden Unternehmen auf der Suche nach einer Nachfolge erwägen eine Schließung, weil sie bislang nicht fündig geworden sind. Stellvertretend für viele Industrie- und Handelskammern, bietet die Handelskammer Hamburg zahlreiche Beratungsangebote sowohl für Unternehmen als auch Gründungsinteressierte. Dabei bewirbt sie verstärkt die Übernahme eines etablierten Unternehmens als Alternative zur Neugründung und spricht hier insbesondere Personen an, die bereits in dem Betrieb beschäftigt sind.

Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, betont: „Das Potenzial ist da, aber wir lassen es zu oft liegen. Wenn wir weiter mit komplizierten Verfahren, hohen Hürden und zu wenig unternehmerischer Bildung arbeiten, verspielen wir Chancen für Wachstum und Innovation. Im Sinne unserer Standortstrategie Hamburg 2040 geht es darum, unternehmerisches Denken gerade bei jungen Menschen frühzeitig zu fördern und stärker zu vermitteln, dass neben der Neugründung auch die Übernahme eines bestehenden Unternehmens ein attraktiver und oft unterschätzter Weg in die Selbstständigkeit sein kann. So sichern wir die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit der Hamburger Wirtschaft.“ Aus den Ergebnissen der Befragung lassen sich drei Handlungsempfehlungen ableiten:

  1. Gründungsbereitschaft bei jungen Menschen stärken
    Junge Menschen sollten frühzeitig dazu befähigt werden, unternehmerisch zu handeln. Entscheidend sind dabei insbesondere Erfahrungen der Selbstwirksamkeit. Hier gilt es, bereits existierende außerschulische Angebote durch Netzwerke junger Gründer:innen gezielt zu stärken und auszubauen, zum Beispiel im Rahmen von Initiativen wie dem Young Founders Network.
  2. Intrapreneurship fördern
    Insbesondere jüngere Angestellte sollten früh mit unternehmerischem Denken und Handeln in Berührung kommen. Dazu eignen sich Formate zur Vermittlung von unternehmerischen Kenntnissen in Berufsschulen oder, nach der Ausbildung, auch in den Betrieben selbst.
  3. Nachfolge erleichtern und sichtbarer machen
    Unternehmensübernahmen sollten als gleichwertiger Weg zur Gründung etabliert werden – mit besserem Zugang zu Information, Finanzierung und Beratung.
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Zusatzinformationen:
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat die Unternehmenswerkstatt Deutschland (UWD) einen Onlinetest „Gründerpersönlichkeit“ aufgesetzt und ausgewertet. Dieser enthält insgesamt 60 Frage-Items, ausgehend von acht Persönlichkeitsmerkmalen. Zur Erfassung der Selbstwahrnehmung bewerteten die Befragten jedes Item auf einer Likert-Skala von 1 („stimme überhaupt nicht zu“) bis 7 („stimme voll und ganz zu“). Zwischen Oktober 2023 und Juli 2025 haben 5.468 Personen den Fragebogen in auswertbarer Weise beantwortet. Zur Teilnahme am Fragebogen wurde auf verschiedenen Kanälen aufgerufen, die Ergebnisse sind daher statistisch nicht repräsentativ.

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