ländliche Region von oben

Regionale Gesundheitsversorgung: Viele Konzepte, noch kein gemeinsamer Kompass

Das deutsche Gesundheitswesen steht unter wachsendem Druck. Während die Bevölkerung altert und der Fachkräftemangel zunimmt, stoßen bestehende Versorgungsstrukturen vielerorts an ihre Grenzen. Besonders in ländlichen Regionen wird es zunehmend schwieriger, eine wohnortnahe und koordinierte Versorgung sicherzustellen. Gleichzeitig erschweren sektorale Grenzen zwischen ambulanter, stationärer, pflegerischer und rehabilitativer Versorgung eine bedarfsgerechte Steuerung. 

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Marion Grote-Westrick
Senior Project Manager

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Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion um regionale Gesundheitsversorgung an Bedeutung. Zahlreiche Akteure haben in den vergangenen Jahren Konzepte entwickelt, die Versorgung stärker an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort ausrichten sollen. Doch wie unterscheiden sich diese Ansätze? Welche Gemeinsamkeiten bestehen? Und welche Voraussetzungen braucht eine regionale Gesundheitsversorgung, die über einzelne Modellprojekte hinaus Wirkung entfaltet?

Diesen Fragen widmet sich die Bertelsmann Stiftung mit zwei aufeinander aufbauenden Veröffentlichungen. Die Studie von Prof. Andreas Schmid von der Oberender AG „Konzeptvergleich zur regionalen Gesundheitsversorgung“ analysiert zehn unterschiedliche Ansätze systematisch. Das Spotlight Gesundheit „Regionale Gesundheitsversorgung – Ein Vergleich unterschiedlicher Konzepte“ greift die Ergebnisse auf, ordnet sie ein und entwickelt daraus Empfehlungen für Politik und Selbstverwaltung.

Zehn Konzepte im Vergleich

Für die Studie wurden zehn Konzepte regionaler Gesundheitsversorgung untersucht – von sektorenübergreifenden Planungsansätzen über regionale Gesundheitszentren bis hin zu umfassenden Modellen integrierter Gesundheitsregionen. Die Analyse erfolgte anhand von zehn Dimensionen, darunter Leistungsumfang, Vergütung, Finanzierung, Governance, Patientensteuerung und rechtliche Umsetzung.

Der Vergleich zeigt zunächst die große Bandbreite der diskutierten Ansätze. Einige Konzepte konzentrieren sich auf die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen bestehenden Versorgungsbereichen. Andere verfolgen das Ziel, neue regionale Versorgungsangebote zu etablieren. Wieder andere streben eine grundlegende Neugestaltung regionaler Gesundheitsversorgung mit eigener Steuerungs- und Budgetverantwortung an.

Trotz dieser Unterschiede verbindet die Konzepte ein gemeinsames Anliegen: Sie wollen Versorgung stärker sektorenübergreifend organisieren, Kooperation fördern und die Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort besser berücksichtigen. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele der vorgeschlagenen Lösungen mit den bestehenden regulatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen nur schwer umsetzbar sind.

Besonders häufig stoßen regionale Ansätze an Grenzen bei Vergütung, Finanzierung und Planungssicherheit. Während konkrete Versorgungsmodelle wie Gesundheitszentren oder Primärversorgungsangebote vergleichsweise weit ausgearbeitet sind, besteht bei umfassenderen Reformkonzepten häufig noch erheblicher Klärungsbedarf hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzung.

Kategorien von regionalen Versorgungskonzepten

Auf Basis der Untersuchung lassen sich die Konzepte drei Gruppen zuordnen:

  • Sektorenübergreifende Ansätze ohne ausgeprägten regionalen Fokus,
  • Versorgungsangebote mit regionaler Wirkung, 
  • Konzepte zur grundlegenden Neugestaltung der Versorgung einer Region.

Diese Systematisierung verdeutlicht, dass sich hinter dem Begriff „regionale Gesundheitsversorgung“ sehr unterschiedliche Vorstellungen verbergen. 

Was regionale Gesundheitsversorgung eigentlich bedeutet

Regionale Gesundheitsversorgung sollte vor allem eines bedeuten: die gemeinsame Verantwortung für die Gesundheit einer definierten Bevölkerung in einem klar abgegrenzten Gebiet. Damit verbunden wären gemeinsame Ziele, verbindliche Entscheidungsstrukturen sowie Verantwortung für Qualität, Ressourcen und Versorgungsergebnisse.

Gerade diese Verantwortungsgemeinschaften existieren im deutschen Gesundheitswesen bislang jedoch kaum. Zuständigkeiten verteilen sich auf Bund, Länder, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenhäuser und Kommunen. Eine Institution, die sektorenübergreifend Verantwortung für die Gesundheit einer regionalen Bevölkerung übernimmt, gibt es nicht.
 

Fünf zentrale Herausforderungen

Für eine stärker populationsorientierte regionale Gesundheitsversorgung zeichnen sich fünf zentrale Herausforderungen ab:

  1. Die regionalen Strukturen in Deutschland unterscheiden sich erheblich. Die Spannweite reicht von kleinen Landkreisen bis hin zu großen Ballungsräumen. Einheitliche Steuerungsmodelle lassen sich deshalb nur begrenzt übertragen.
  2. Überlappende Zuständigkeiten und fragmentierte Verantwortlichkeiten erschweren eine wirksame regionale Steuerung.
  3. Es fehlen verbindliche regionale Gesundheitsziele, an denen Akteure ihr Handeln ausrichten und messen lassen können.
  4. Vielerorts mangelt es an einer integrierten Datengrundlage. Bevölkerungs-, Morbiditäts- und Versorgungsdaten liegen häufig in getrennten Datensilos vor. Dadurch wird eine bedarfsorientierte Planung erschwert.
  5. Es fehlen finanzielle Anreize, die gemeinsames regionales Handeln belohnen. Viele Akteure agieren weiterhin innerhalb sektoraler Budget- und Vergütungslogiken.

Von der Analyse zur Umsetzung

Regionale Gesundheitsversorgung sollte als strukturprägendes Prinzip für die zukünftige Organisation von Versorgung verstanden werden. Dazu gehört die systematische Stärkung multiprofessioneller Primärversorgungsmodelle wie PORT-Zentren, Intersektoraler Gesundheitszentren oder kommunaler Gesundheitszentren. Gleichzeitig braucht es Governance-Strukturen, die Verantwortung auf unterschiedlichen Ebenen bündeln und Kommunen, Länder, Krankenkassen und Leistungserbringer stärker miteinander verknüpfen.

Ebenso wichtig sind verbindliche populationsbezogene Versorgungsziele, regionale Datenplattformen für Planung und Evaluation sowie neue Formen regionalen Versorgungsmanagements, die Kooperation über Sektorengrenzen hinweg fördern.