China war 2025 wieder Deutschlands größter Handelspartner, wenn auch mit zunehmenden Ungleichgewicht zugunsten Chinas. In Zeiten zunehmender Spannungen und Differenzen ist es jedoch nach wie vor von zentraler Bedeutung, diplomatische Kommunikations- und Austauschkanäle offen zu halten – auch wenn die Botschaft eher lauten könnte: „Einig sein, dass man sich nicht einig ist“. Zudem ist der Zeitpunkt des China-Besuchs des Bundeskanzlers aufschlussreich: Friedrich Merz ist seit fast einem Jahr im Amt, und sein erster Besuch in Asien führte ihn nach Indien. Dies zeigt, dass Deutschland seine Prioritäten im indopazifischen Raum entsprechend der sich wandelnden geopolitischen und geoökonomischen Landschaft neu ausrichtet. De-Risking und Diversifizierung der Wirtschaftsbeziehungen erfordern globale Partnerschaften jenseits der beiden Großmächte China und USA.
Peking wird während des Besuchs des Bundeskanzlers versuchen, die Verschlechterung der transatlantischen Beziehungen auszunutzen. Daher ist es wichtig, dass Friedrich Merz einer möglichen Charmeoffensive widersteht. Die Kernprobleme in den Beziehungen zu China verschwinden nicht, nur weil die USA den Druck auf Europa erhöhen. Der Bundeskanzler sollte sich in seinen Gesprächen in China daher an vier Leitplanken orientieren:
Chinas Rolle im Krieg gegen die Ukraine ansprechen: Das Thema ist die größte strukturelle Belastung in den bilateralen Beziehungen. Obwohl Peking sich als neutral präsentiert und gelegentlich Interesse an diplomatischen Lösungen signalisiert, hat es davon abgesehen, Russlands Aggression zu verurteilen, und unterhält weiterhin enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Moskau. China unterstützt zumindest indirekt die Kriegsmaschinerie Russlands – durch den Kauf russischer fossiler Brennstoffe und die Lieferung von Dual-Use-Gütern, wie beispielsweise fortschrittlichen Elektronik- und Kommunikationskomponenten. Anderweitig hätte Russland diesen Krieg höchstwahrscheinlich nicht über vier Jahre führen können. China wird zudem so lange an Moskaus Seite stehen, wie es im eigenen strategischen Interesse liegt. Und das steht in eklatantem Widerspruch zu den zentralen Sicherheitsinteressen Europas.
Der Kanzler wird Pekings strategisches Kalkül gegenüber Moskau nicht ändern. Doch er sollte klarstellen, dass es in den bilateralen Beziehungen kein, wie kürzlich von China vorgeschlagenes, „neues Level“ geben wird, solange der Krieg andauert.
Wirtschaftssicherheit und De-risking betonen: Chinas Exportbeschränkungen für kritische Inputs wie Seltene Erden stellen ein wirtschaftliches Sicherheitsrisiko für Deutschland und die EU dar. Die Beschränkungen sind eine Ausnutzung von Abhängigkeiten und erhöhen die Verwundbarkeit der europäischen Industrie. Bundeskanzler Merz sollte daher gegenüber seinen chinesischen Gesprächspartnern konsequent signalisieren, dass Wirtschaftssicherheit und De-risking für Deutschland und die EU weiterhin Priorität haben.
Anstatt jedoch lediglich an Chinas guten Willen zu appellieren, könnte er einen strategischeren rhetorischen Ansatz verfolgen: Chinesische Regierungsvertreter haben die EU wiederholt dazu aufgerufen, ihre „strategische Autonomie“ zu stärken. Aus chinesischer Sicht bedeutet das implizit, De-risking von den USA, aber nicht von China.
Der Kanzler könnte diese Argumentation bewusst umdrehen: Echte strategische Autonomie erfordert Resilienz, Diversifizierung und eine geringere Anfälligkeit für Druck von außen. In diesem Sinne folgt die De-risking Agenda der EU einer Logik, die seit langem in Chinas eigener Wirtschaftspolitik verankert ist, und konsequent darauf abzielt, kritische Abhängigkeiten zu verringern und die heimischen Kapazitäten zu stärken. Indem Merz De-risking als legitimes politisches Ziel darstellt, das China selbst seit Jahren verfolgt, kann er potenziellen Protektionismusvorwürfen zuvorkommen. Er könnte der chinesischen Seite auch verdeutlichen: Wer als verlässlicher Partner gelten will, erlässt keine Exportrestriktionen.
Bedenken hinsichtlich Handelsungleichgewichten äußern: Das Handelsdefizit Deutschlands gegenüber China hat sich 2025 deutlich vergrößert: Die Exporte gingen um 9,7 Prozent zurück, während die Importe um 8,8 Prozent stiegen. Daraus resultiert ein neuer Höchststand von 90 Milliarden Euro – rund ein Drittel mehr als im Vorjahr.
Industrielle Überkapazitäten, staatliche Subventionen, eine unterbewertete chinesische Währung und die Umleitung chinesischer Exporte infolge des US-China-Handelskonflikts erhöhen den Druck auf europäische Kernindustrien, häufig als China-Schock 2.0 bezeichnet. Der nächste Fünfjahresplan (2026–2030) signalisiert Kontinuität mit noch mehr Tempo und Ehrgeiz, da Peking der technologischen Souveränität in strategischen Sektoren – von Halbleitern bis hin zu KI – Vorrang einräumt, mit dem klaren Ziel, die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern und die weltweite Führungsposition in Zukunftsbranchen zu sichern. China strebt auch eine Stärkung und Verbesserung seiner Position in globalen Wertschöpfungsketten in traditionellen Branchen wie der Chemie- und Maschinenbauindustrie an.
Für Deutschland, dessen Wirtschaftsmodell auf hochwertiger Industrieproduktion basiert, ist das ein strukturelles Risiko. Der Kanzler sollte diese Bedenken klar ansprechen, auch wenn Peking seine Industriepolitik nicht grundlegend ändern wird – ungeachtet der potenziellen negativen Auswirkungen auf andere Länder. Dennoch ist es wichtig, dass die chinesischen Gesprächspartner diese Botschaft hören, um den deutlichen Gegensatz zu ihrer allgegenwärtigen Win-Win-Rhetorik aufzuzeigen. Dies ist auch eine wichtige Botschaft an die deutsche Öffentlichkeit, um das Bewusstsein für die Risiken in den Wirtschaftsbeziehungen mit China zu schärfen.
Unternehmens- und Standortinteressen unterscheiden: Medienberichten zufolge begleitet die größte Wirtschaftsdelegation seit Angela Merkels erster Amtszeit den Bundeskanzler nach China: Unter den 30 Teilnehmenden befinden sich neben DAX-CEOs auch Vertreter:innen mittelständischer und mittlerer Unternehmen, die in der Regel weniger Einfluss auf die Gestaltung der China-Politik haben. Zudem umfasst die Delegation mehrere Unternehmen aus dem Maschinensektor – einer der Branchen, die am stärksten vom China-Schock betroffen sind.
Für den Kanzler bedeutet das einen Balanceakt: Da deutsche Investitionen in China stark auf wenige Großunternehmen konzentriert sind, verteilen sich auch die Abhängigkeiten asymmetrisch. Diversifiziertere Mittelständler sind zum Teil weniger stark vom chinesischen Absatzmarkt abhängig. Daher sind sie möglicherweise eher besorgt über die Auswirkungen des China-Schocks auf Deutschland, die EU und Drittmärkte. Einige große Unternehmen mit erheblichen Investitionen in China hängen hingegen stark vom chinesischen Markt ab. Für sie bedeutet De-risking teilweise sogar eine Ausweitung ihrer Investitionen in China – in manchen Fällen begleitet von Stellenabbau oder geringeren Investitionen in Deutschland.
Daher stimmen Unternehmensinteressen und die langfristigen Interessen Deutschlands oder der EU als Wirtschaftsstandort nicht immer überein. Während Unternehmensvertreter auf der Reise ihre Geschäftsinteressen verfolgen, hat der Bundeskanzler eine andere Rolle. Er vertritt die allgemeinen wirtschaftlichen und strategischen Interessen Deutschlands und der EU: Resilienz, fairer Wettbewerb und die Stärke der heimischen Industrie. Diese Aspekte – und nicht die Interessen einzelner Unternehmen – sollten im Mittelpunkt seiner Gespräche in China stehen.
Der Besuch von Bundeskanzler Merz in China dient als Indikator dafür, wie Deutschland diese komplexe und umstrittene Beziehung gestalten will. Die Botschaft zu Prioritäten, Grenzen und Erwartungen, die Berlin sendet, wird nicht nur die bilateralen Beziehungen zu Peking prägen, sondern auch die Rolle Deutschlands in der China-Politik der EU.
Dieser Text wurde in einer gekürzten Fassung erstmals im China.Table vom 22. Februar 2026 veröffentlicht.