Innovationspalette mit Mann im Hintergrund
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, Input-Papier: Industrie 4.0 – Die Zukunft der industriellen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien

Industrie 4.0 kann als die vierte industrielle Revolution bezeichnet werden – ein Megatrend, der jedes Unternehmen der Welt beeinflusst. Ein neues Input-Paper veröffentlicht von der Bertelsmann Stiftung und durchgeführt vom Fraunhofer Institut analysiert die Potenziale und Herausforderungen der Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland in diesem Bereich.

Warum ist Industrie 4.0 eine geeignete Plattform für die Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland?

Die Antwort liegt in ökonomischen und sozialen Faktoren. Beide Länder haben Stärken und Schwächen, und die strategische Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Prinzipien von Industrie 4.0 kann beiden dabei helfen, ihre Industrieproduktion sowie das Bruttoinlandsprodukt zu steigern und ihr Humankapital optimal zu nutzen.

Als ein Schwergewicht auf dem Gebiet der Produktion und des Maschinenexports nimmt Deutschland eine führende Rolle bei der Entwicklung und Anwendung der Industrie 4.0-Konzepte und -Technologien ein. Allerdings ist der deutsche IT-Sektor, der sich derzeit aus 800.000 Angestellten zusammensetzt, nicht ausreichend. Er braucht mehr Fachkräfte, um sein volles Potenzial erreichen zu können. Indien jedoch ist weltweit führend im IT-Bereich und bei der Geschäftsprozessauslagerung.

Diese Fakten sprechen deutlich für die Notwendigkeit einer Industrie-4.0-basierten Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien.

Wie funktioniert nun Industrie 4.0 ?

Zuerst betrachten wir die technische Perspektive – die vertikale und horizontale Integration von Industrie 4.0-Prinzipien in Unternehmen. Die vertikale Integration bezieht sich auf Abläufe in sogenannten Smart Factories (auch: intelligente Fabriken), die horizontale Integration hingegen auf intelligente Wertschöpfungsketten verschiedener Unternehmen.

Im zweiten Schritt betrachten wir die Produktion, die Chemieindustrie und den IT-Sektor als potenzielle Anwendungsgebiete für eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Anhand von Fallstudien werden Vorteile im Zusammenhang mit der Anwendung Industrie 4.0 aufgezeigt. Potenzielle Formen einer Zusammenarbeit werden neben verschiedenen Formen von Wertschöpfungsketten und im Hinblick auf die Fähigkeit eines Unternehmens, einen Industrie- 4.0-Status zu erreichen, besprochen.

Der soziale Impact von Industrie 4.0 auf Indien und Deutschland

Wir analysieren den sozialen Impact von Industrie 4.0 auf Indien und Deutschland und stellen fest, dass sie in den kommenden Jahren sehr gut funktionieren könnte. Deutschland könnte den Arbeitskräftemangel durch Automation ausgleichen. Dies würde zu einer hohen Produktivität und somit zu einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes führen.

Indien hingegen hat einen wachsenden Arbeitsmarkt, auf den jedes Jahr zehn Millionen Arbeitskräfte strömen. Angesichts der Tatsache, dass der Produktionssektor bis 2023 in puncto Effektivität und Kosten auf dem gleichen Niveau wie in Europa sein wird, wird der Druck auf Indiens Arbeitskräfte weiter ansteigen. Sogar der robuste IT-Sektor wird aufgrund der zunehmenden Automation einen Abbau von Stellen verschmerzen müssen. Die schnelle Entwicklung von Technologien – etwa durch das Internet der Dinge (IoT) oder durch Vernetzung über das Low Power Wide Area Network (LPWAN) – macht die Ausbildung und Umschulung von Arbeitskräften unerlässlich, um „smarte“ Produktion voranzutreiben.

Indien und Deutschland haben bisher auf drei Ebenen kooperiert, die für Industrie 4.0 relevant sind: Industrie, Regierung und Forschung. Wie können diese Bereiche weiter ausgebaut und vorangetrieben werden?

Die beiden Länder haben eine lange Handelsgeschichte. Die deutsch-indische Handelskammer (IGCC) ist die größte Handelskammer ihrer Art in Indien und die größte deutsche Handelskammer weltweit. Der VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau), der größte Industrieverband in Europa, unterhält Büros in Indien. Indische Hauptakteure im IT-Sektor hingegen haben Tochtergesellschaften in Deutschland und kooperieren mit deutschen Unternehmen im Bereich Industrie 4.0.

Indien hat die “Make in India”-Initiative gestartet sowie die Kampagne „Make in India Mittelstand! (MIIM)“. Die indische Regierung unterstützt auch Initiativen für smarte Produktion im großen Stil. Kompetenzzentren werden mit Unterstützung durch industrielle und akademische Gremien gegründet.

Deutschland und Indien haben auch eine lange Tradition der Forschungszusammenarbeit. Deutschland ist Indiens zweitwichtigster wissenschaftlicher Kooperationspartner, und indische Studenten stellen die drittgrößte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland dar. Deutsche Organisationen und Institutionen, wie der Deutsche Akademische Austauschdienst oder die Deutschen Wissenschafts- und Innovationshäuser (DWIH), arbeiten daran, die Verbindungen zwischen wissenschaftlichen Gemeinschaften der beiden Länder sowie deren akademischer Welt und Industrie zu verbessern.

Handlungsempfehlungen

Beide Länder sollten ihre Bemühungen verstärken, mehr allgemeines Bewusstsein für Industrie-4.0 zu schaffen, besonders bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Deutschland sollte sich außerdem mehr dafür einsetzen, dass seine Industrie-4.0-Technologie auf dem indischen Markt vorgestellt wird. Indiens IT-Riesen hingegen sollten ihre Industrie-4.0-Angebote sichtbarer für den deutschen Markt gestalten. Die Regierung sollte den Aufbau gemeinsamer Industrie-4.0-Kooperationsplattformen, Kompetenzzentren und Gründerzentren unterstützen, um die Verbreitung von Wissen und Technologie zu verbessern. Auf akademischer Ebene sollten gemeinsame Forschungsprogramme und Austauschprogramme aufgebaut werden, um die Qualifikation von Arbeitskräften in der Anwendung von Industrie-4.0-Methoden und -Technologien zu fördern.

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