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, Messen, was verbindet: Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Asien

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist weltweit zu einem wichtigen politischen Ziel avanciert, nicht nur in der westlichen Hemisphäre, sondern auch in Asien. Trotz des wachsenden Interesses an dem Konzept in Politik und Wissenschaft, gibt es bislang noch keine allgemein akzeptierte Definition von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Deshalb fehlt es auch an empirischen Erkenntnissen. Vor diesem Hintergrund hat die Bertelsmann Stiftung den "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" entwickelt und plant jetzt, das Projekt auf Süd-, Südost- und Ostasien ausdehnen.

 Sozialer Zusammenhalt als politisches und gesellschaftliches Ziel

Asien hat in den letzten Jahrzehnten massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen erlebt. Die meisten asiatischen Gesellschaften befinden sich im Auf- und Umbruch und werden von den Auswirkungen globaler und nationaler Transformationsprozesse nachhaltig verändert. Als Folge des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums sind nahezu überall eine fortschreitende Urbanisierung und die Herausbildung einer neuen Mittelschicht zu verzeichnen. Mobilität, Bildung, Wohlstand und die stärkere Vernetzung mit den globalen Kultur- und Wirtschaftsströmen verändern Traditionen und Werte. Wachsende soziale Ungleichheit stellt vielerorts eine Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die politische Stabilität dar. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft in vielen asiatischen Staaten eine große Bedeutung.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist ein schwer fassbares Konzept. Es beschreibt eine wünschenswerte Qualität, die eine Gesellschaft lebenswert, nachhaltig und robust macht und erweckt deshalb meist positive Assoziationen. Darüber hinaus wird sozialer Zusammenhalt oft als Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und eine funktionierende Demokratie angesehen. Daher wird das Konzept zunehmend von Regierungen und von verschiedenen internationalen Organisationen wie der OECD, der Weltbank und dem Europarat als ein wichtiger Indikator für Wohlstand und Lebensqualität gemessen und analysiert.

Trotz der Popularität des Konzepts gibt es bislang weder eine einheitliche Definition des Begriffs gesellschaftlicher Zusammenhalt noch eine allgemein akzeptierte Reihe von Indikatoren, um diesen zu messen. Politische Akteure auf der nationalen und der internationalen Ebene verwenden höchst unterschiedliche Ansätze und stützen sich auf teilweise konkurrierende wissenschaftliche Konzepte. Als Ergebnis werden trotz der Bedeutung dieses Themas, evidenzbasierte Erkenntnisse noch immer schmerzlich vermisst.

Vor diesem Hintergrund hat die Bertelsmann Stiftung das Projekt „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ initiiert, um die Forschung auf diesem Feld zu stärken und die politische Debatte über das Thema zu befördern.

Der Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung

Was ist gesellschaftlicher Zusammenhalt? Um eine systematische Messung von Zusammenhalt zu ermöglichen, benötigt man zunächst eine trennscharfe und klare Definition davon, was Zusammenhalt genau ist. Eine solche wurde von unserem wissenschaftlichen Team unter der Leitung von Klaus Boehnke (Jacobs Universität Bremen) und Jan Delhey (Otto von Guericke Universität Magdeburg) entwickelt.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist demnach ein beschreibendes Merkmal, das die Qualität des solidarischen Miteinanders in einer Gesellschaft ausdrückt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt – synonyme Begriffe sind sozialer Zusammenhalt oder soziale Kohäsion – ist die Qualität des gemeinschaftlichen Miteinanders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwesen.

Eine Gesellschaft mit starkem Zusammenhalt zeichnet sich durch belastbare soziale Beziehungen, positive emotionale Verbundenheit ihrer Mitglieder mit dem Gemeinwesen und eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung aus. Deshalb unterscheiden wir drei Bereiche von gesellschaftlichem Zusammenhalt – soziale Beziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung.

Diese drei Bereiche sind die drei Kernbereiche von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Soziale Beziehungen repräsentieren hierbei das horizontale Netz, das zwischen einzelnen Personen und Gruppen innerhalb der Gesellschaft existiert. Verbundenheit steht für die positive Bindung der Menschen an das Gemeinwesen als solches und seine Institutionen. Gemeinwohlorientierung schließlich beschreibt die Handlungen und Haltungen der Gesellschaftsmitglieder, in denen sich Verantwortung für andere und für das Gemeinwesen ausdrückt. Abbildung 1 veranschaulicht die drei Kernbereiche von gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Grafik "Die drei Bereiche gesellschaftlichen Zusammenhalts mit ihren Dimensionen".

Die drei Kernbereiche sind wiederum in jeweils drei Dimensionen untergliedert, die alle einen bestimmten Baustein von Zusammenhalt darstellen. Soziale Beziehungen erzeugen Zusammenhalt durch ein Netz von Beziehungen zwischen Personen und gesellschaftlichen Gruppen aller Art, das von Vertrauen geprägt ist und Diversität zulässt. Folglich werden hier drei Dimensionen erfasst: die Stärke von sozialen Netzen zwischen den Menschen, das Ausmaß des Vertrauens in die Mitmenschen und die Akzeptanz von Diversität.

Verbundenheit erzeugt Zusammenhalt durch eine positive Identifikation der Menschen mit dem Gemeinwesen, großes Vertrauen in dessen Institutionen und das Empfinden, dass die gesellschaftlichen Umstände gerecht sind. Deshalb werden hier die Dimensionen Identifikation, Vertrauen in Institutionen und Gerechtigkeitsempfinden erfasst. Gemeinwohlorientierung erzeugt Zusammenhalt durch Handlungen und Haltungen, die Schwache unterstützen, sich an grundlegenden sozialen Regeln orientieren und die gemeinschaftliche Organisation des Gemeinwesens ermöglichen. Ausdruck findet dies in den drei Dimensionen Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln und gesellschaftliche Teilhabe in Vereinen und am politischen Geschehen.

Dieses Konzept repräsentiert insofern einen Konsens, als es Dimensionen beinhaltet, die in vielen Definitionen in der wissenschaftlichen Literatur als zentral angesehen werden. Es betont den ideellen und den relationalen Charakter von Zusammenhalt. Ideell meint hier die kognitiven und affektiven Facetten, zum Beispiel das Gefühl „dazuzugehören“, während relational die sozialen Beziehungen zwischen Gesellschaftsmitgliedern bzw. den die Gesellschaft konstituierenden Gruppen beschreibt.

Gleichzeitig schließt diese Definition bewusst materiellen Wohlstand, soziale Ungleichheit und Wohlbefinden aus, obwohl diese in einigen anderen Definitionen von gesellschaftlichem Zusammenhalt eine wichtige Rolle spielen. Dies geschieht, um eine konzeptionelle Überdehnung zu vermeiden: Maße des Zusammenhalts sollten eine bestimmte gesellschaftliche Qualität erfassen, nicht gute Lebensbedingungen (wie etwa ein hoher Lebensstandard und Gesundheit) schlechthin. Fast noch wichtiger: Der Ausschluss von materiellen Ressourcen und deren Verteilung aus der Definition von Zusammenhalt ermöglicht erst eine Analyse, inwiefern materieller Wohlstand und Ungleichheit den gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinflussen, und gerade dies ist eine der gesellschaftspolitisch drängendsten Fragen. Mit der Vorlage eines solchen „schlanken“ Konzepts von Zusammenhalt soll generell die Unterscheidung zwischen Bedingungen, Bestandteilen und Folgen von Zusammenhalt verbessert werden.

Als Erweiterung der Radar-Serie der Bertelsmann Stiftung, ist die Studie über sozialen Zusammenhalt in Süd-, Südost- und Ostasien für politische Entscheidungsträger, Regierungen, Wissenschaftler und die breite Öffentlichkeit in der Region von Interesse. Sie kann als "diagnostisches" Werkzeug dienen, um die Widerstandsfähigkeit asiatischer Gesellschaften besser einzuschätzen. Darüber hinaus soll sie helfen, Erfahrungen anderer Länder bei der Überwindung schwieriger gesellschaftlicher Herausforderungen besser zu verstehen.

Das Projekt will die öffentliche Debatte zu gesellschaftlichem Zusammenhalt weiter befördern und wissenschaftliche Forschung zu diesem Thema anstoßen. Last but not least, kann es als Grundlage für die Formulierung von gezielten politischen Maßnahmen zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts dienen.  

Für weitere Informationen zum „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ siehe: http://www.gesellschaftlicher-zusammenhalt.de/.