Flagge der EU und Israel
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Projektnachricht: Ungleichgewicht in der gegenseitigen Wahrnehmung zwischen Europa und Israel

Europäer:innen stehen Israel deutlich kritischer gegenüber, als das umgekehrt der Fall ist. Das ergibt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung. Uneinigkeit herrscht auch bei der Frage nach der Verantwortung Europas für Israel.

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Gütersloh, 9. September 2020. Im Rahmen einer kurz vor Beginn der COVID-19 Pandemie durchgeführten Erhebung wurden online insgesamt 11.195 Bürger:innen aus Israel und acht Ländern Europas (Belgien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Polen, Großbritannien, Italien, Niederlande) zu ihren Einstellungen zueinander befragt. Während eine Mehrheit der Israelis eine sehr gute oder gute Meinung über Europa hat, ist die Sicht der Europäer:innen auf Israel überwiegend negativ. So äußern sich 61 Prozent der Israelis positiv über Europa, doch nur gut jede/r fünfte Europäer:in vertritt eine positive Haltung gegenüber Israel. Auch das wechselseitige Interesse ist ungleich verteilt. Während die Hälfte aller befragten Israelis sich für Informationen über Europa interessiert, haben lediglich gut ein Viertel der befragten Europäer:innen Interesse an Informationen aus dem Land am Mittelmeer. Die Quellen, aus welchen die Informationen über das jeweils andere Land bzw. Region stammen, unterscheiden sich ebenfalls stark. Während Israelis ihre Informationen über Europa mehrheitlich (59 Prozent) online beziehen, dominieren unter den europäischen Befragten die traditionellen Medien: jeder Zweite informiert sich über TV und Zeitung über Israel, lediglich 28 Prozent nutzen Quellen aus dem Internet.

Rolle des Holocaust für die Beziehungen

Auch die Bedeutung des Holocaust für die gegenwärtigen Beziehungen wird von Befragten in Europa und in Israel unterschiedlich gesehen. Während drei Viertel der Israelis der Ansicht sind, Europa habe eine besondere Verantwortung für das jüdische Volk, sehen das nur 57 Prozent der Europäer so (und sogar nur 55 Prozent der Deutschen). Ähnlich gehen die Ansichten auch in der Frage der Verantwortung Europas für Israel auseinander. Während zwei Drittel aller befragten Israelis Europa eine Verantwortung für Israel zuschreibt, teilt diese Auffassung nur etwa jede/r Vierte der Europäer:innen (in Deutschland ebenso).

Umgang miteinander als Schlüssel?

Die Ergebnisse weisen damit auf ein deutliches Ungleichgewicht in der Wahrnehmung und den Erwartungshaltungen zwischen israelischen und europäischen Bürger:innen hin. Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht der Zusammenhang zwischen den beschriebenen Einstellungen und der Häufigkeit, mit der Befragte in Europa Umgang mit Jüdinnen und Juden haben.

Eine tiefergehende multivariate Analyse der Zahlen belegt, dass Europäer:innen, die persönlichen Kontakt zu jüdischen Bürger:innen haben, eher der Aussage zustimmen, dass Europa eine besondere Verantwortung für das jüdische Volk habe, und auch häufiger die Auffassung einer besonderen Verantwortung Europas für den Staat Israel vertreten. Zudem äußern Menschen mit häufigerem Kontakt zu Jüdinnen und Juden tendenziell positivere Ansichten über Israel und zeigen mehr Interessen an Informationen aus dem Land.

"Kontakt mit jüdischen Mitbürger:innen hat messbaren Einfluss darauf, wie Europäer:innen über das Thema Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk und Israel denken", so Dr. Joachim Rother, Israel-Experte der Bertelsmann Stiftung. Der Zusammenhang zwischen Interaktion und Meinung könne als starkes Plädoyer für die Bedeutung von Begegnungsprogrammen zwischen europäischen Ländern und Israel gewertet werden. Vorurteilen sei auf diese Weise am besten beizukommen, so Rother.

Zusatzinformationen

Die hier berichteten Ergebnisse basieren auf einer von Dalia Research in Zusammenarbeit mit eupinions zwischen dem 27.11.2019 und dem 14.1.2020 für die Bertelsmann-Stiftung durchgeführten international vergleichenden Survey-Untersuchung. Im Rahmen dieser Studie werden Daten von acht ausgewählten europäischen Länderstichproben (Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien Niederlande und Polen) sowie Israel untersucht (n =11,195). Zur Anpassung zentraler soziodemographischer Merkmale an die aktuelle Bevölkerungsverteilung wurden die Daten auf Grundlage von Eurostat-Statistiken gewichtet. Die Zielgewichtungsvariablen waren Alter, Geschlecht, Bildungsniveau und Urbanisierungsgrad (ländliche und urbane Bevölkerung). Ein iterativer Algorithmus wurde zur Identifikation der optimalen Kombination von Gewichtungsvariablen basierend auf den länderspezifischen Stichprobenzusammensetzungen verwendet. Der geschätzte allgemeine Designeffekt basierend auf der Verteilung der Gewichte beträgt 1,25 berechnet. Für eine Zufallsstichprobe dieser Größe und unter Berücksichtigung des Designeffekts ergäbe sich eine Fehlergrenze von +/–1 Prozent bei einem Konfidenzniveau von 95 Prozent.

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