Ein Gruppe junger Studenten mit Rucksäcken und Notebooks in den Händen, befinden sich in einer Diskussion.

Israelis blicken positiv auf Deutschland – Deutsche sind zunehmend kritisch gegenüber Israel

Deutsche und Israelis nehmen die Beziehungen zwischen ihren Ländern zunehmend unterschiedlich wahr. Während die Israelis Deutschland und seine Regierung mehrheitlich positiv sehen, fällt die Beurteilung Israels durch die deutsche Bevölkerung erheblich kritischer aus als noch vor wenigen Jahren. Die nun vorliegende Langfassung der Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt zudem: Die Demokratie bleibt in beiden Ländern ein wichtiger gemeinsamer Bezugspunkt, steht aber zugleich unter Druck. Gleichzeitig nehmen der klassische und der israelbezogene Antisemitismus in der Bundesrepublik zu – insbesondere unter jüngeren Menschen.

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Inhalt

Die nun veröffentlichten Langfassung der Studie „Deutschland und Israel heute. Zwischen Stabilität und Spannung“ vertieft die Analyse der gegenseitigen Wahrnehmungen, ergänzt neue Ergebnisse zu Demokratie, bilateralen Beziehungen und Antisemitismusbekämpfung und ordnet die Entwicklungen umfassender in den gesellschaftlichen und politischen Kontext ein. Grundlage ist eine repräsentative Doppelbefragung von 1.346 Menschen in Deutschland und 1.367 Menschen in Israel, die zwischen dem 24. Februar und dem 25. März 2025 durchgeführt wurde.

Trotz der historischen Verbundenheit und der offiziellen Freundschaft zwischen Deutschland und Israel zeigen die Ergebnisse der repräsentativen Befragung: Die gegenseitigen Wahrnehmungen driften auseinander. 60 Prozent der Israelis haben ein gutes oder sehr gutes Bild von der Bundesrepublik. In Deutschland hingegen äußern nur noch 36 Prozent eine positive Meinung über Israel, während 38 Prozent Israel negativ bewerten – ein spürbarer Stimmungswandel im Vergleich zur letzten Erhebung 2021, als noch 46 Prozent Israel positiv gegenüberstanden.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Bewertung der Regierungen: Während fast 60 Prozent der Deutschen die aktuelle israelische Regierung negativ beurteilen, äußern sich nur 17 Prozent der Israelis negativ über die deutsche Bundesregierung.

Demokratie bleibt gemeinsame Grundlage – doch die Zufriedenheit sinkt

Die Studie zeigt, dass die Demokratie in beiden Gesellschaften weiterhin breit unterstützt wird: 86 Prozent der Deutschen und 83 Prozent der Israelis stimmen der Aussage zu, dass Demokratie die beste Staatsform sei. Deutlich geringer fällt allerdings die Zufriedenheit mit der gelebten Demokratie aus. In Deutschland zeigen sich 57 Prozent der Befragten zufrieden mit der Demokratie, wie sie hierzulande besteht; in Israel sind es nur 44 Prozent.

Damit wird deutlich: Deutschland und Israel teilen weiterhin ein grundsätzliches demokratisches Selbstverständnis. Zugleich nehmen gesellschaftliche Spannungen, politische Polarisierung und Zweifel an der praktischen Ausgestaltung demokratischer Ordnung in beiden Ländern zu.

Erinnerung an Holocaust wird weiterhin als wichtig angesehen

Die Umfrage verdeutlicht zudem: Das Verständnis für die historische Verantwortung Deutschlands unterscheidet sich deutlich. In Israel sehen 64 Prozent der Befragten Deutschland in einer besonderen Verantwortung – sowohl für das jüdische Volk als auch für den Staat Israel. In Deutschland hingegen stimmen nur rund ein Drittel einer Verantwortung für das jüdische Volk zu, lediglich ein Viertel erkennt eine besondere Verpflichtung gegenüber dem Staat Israel an.

Dennoch bleibt die Erinnerung an die Shoah ein wichtiger Bezugspunkt im öffentlichen Bewusstsein: 48 Prozent der Deutschen befürworten, dass die Erinnerung an den Holocaust weiterhin eine Rolle in der heutigen und zukünftigen Politik spielen sollte – fünf Prozentpunkte mehr als 2021. Gleichzeitig ist der Anteil derer, die einen Schlussstrich unter die Vergangenheit fordern, um vier Prozentpunkte auf 45 Prozent leicht zurückgegangen.

Besonderer Stellenwert der Beziehungen wird unterschiedlich bewertet

Die Studie zeigt darüber hinaus: Nicht nur die gegenseitigen Wahrnehmungen, sondern auch die Erwartungen an die deutsch-israelischen Beziehungen unterscheiden sich deutlich. Während 77 Prozent der Israelis das Verhältnis zwischen beiden Ländern als gut bewerten, sind es in Deutschland 51 Prozent. Noch deutlicher fällt der Unterschied bei der Frage aus, ob die Beziehungen zu Israel im Vergleich zu anderen Staaten einen besonderen Stellenwert für Deutschland haben sollten: In Israel bejahen dies 75 Prozent der Befragten, in Deutschland nur 29 Prozent.

Damit wird sichtbar, dass die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Israel in Israel deutlich stärker erwartet und eingefordert wird als in der deutschen Bevölkerung. In Deutschland bleibt die historische Verantwortung zwar ein wichtiger Bezugspunkt, wird aber seltener in eine konkrete besondere Verantwortung gegenüber Israel übersetzt.

„Antisemitismus in allen Erscheinungsformen bekämpfen“

Beunruhigend sind die Ergebnisse zur Verbreitung antisemitischer Einstellungen in Deutschland. Der klassische Antisemitismus, gemessen an der Zustimmung zur Aussage „Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss“, erreicht mit 27 Prozent den höchsten Wert seit Jahren. Auffällig ist der Anstieg unter jungen Männern unter 40 Jahren, bei denen die Zustimmung bei 36 Prozent liegt. Der israelbezogene Antisemitismus hat ebenfalls deutlich zugenommen: So bejahen 29 Prozent der Befragten, dass ihnen durch die israelische Politik die Juden immer unsympathischer würden (2021: 21 Prozent). Auch hier nahmen die Zustimmungswerte bei den unter 40-Jährigen von 14 auf 28 Prozent stark zu. Das Bildungsniveau spielt dabei eine zentrale Rolle: Befragte mit einem niedrigeren Bildungsabschluss stimmen sowohl klassischen als auch israelbezogenen antisemitischen Aussagen deutlich häufiger zu.

Die Langfassung macht zudem deutlich, dass Antisemitismus nicht nur als Einstellungsproblem, sondern auch als Wahrnehmungs- und Handlungsproblem betrachtet werden muss. Während in Deutschland 41 Prozent der Befragten Antisemitismus als ein eher großes oder großes Problem ansehen, sind es in Israel 54 Prozent. Zugleich gehen die Einschätzungen darüber auseinander, ob die deutsche Politik genug gegen judenfeindliche Einstellungen und zum Schutz von Jüdinnen und Juden unternimmt. In Deutschland hält eine relative Mehrheit die bisherigen Maßnahmen für ausreichend; in Israel erwartet knapp die Hälfte der Befragten ein stärkeres Engagement der deutschen Politik.

„Antisemitismus ist in Deutschland kein Randphänomen, sondern zeigt sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus und politischen Lagern. Besonders besorgniserregend ist der Anstieg antisemitischer Haltungen unter jüngeren Menschen, der sich nun den Werten der übrigen Altersgruppen annähert. Die Grenzen zwischen legitimer Israelkritik und israelbezogenem Antisemitismus sind gelegentlich fließend. Deshalb ist es wichtig, politische Bildung zu stärken, jüdisches Leben wirksam zu schützen und Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen zu erkennen und entschieden zu bekämpfen“, sagt Stephan Vopel, Israel-Experte der Bertelsmann Stiftung.

Israelis wünschen sich intensivere Zusammenarbeit, Deutsche sind zurückhaltender

Art und Umfang der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel beurteilen die Befragten sehr unterschiedlich: Während in Deutschland 40 Prozent die aktuelle Zusammenarbeit als ausreichend empfinden und nur 24 Prozent eine stärkere Kooperation wünschen, sprechen sich in Israel 68 Prozent für eine Intensivierung der bilateralen Beziehungen aus. Befragte in beiden Ländern sehen die politische Zusammenarbeit zwischen den Regierungen als besonders wichtig an. Während Israelis zudem eine militärische und wirtschaftliche Kooperation betonen, legen Deutsche größeren Wert auf den Austausch in Wissenschaft, Forschung und Zivilgesellschaft.

Die unterschiedlichen Prioritäten zeigen, dass beide Gesellschaften die deutsch-israelische Partnerschaft aus verschiedenen Perspektiven betrachten: In Deutschland stehen weiterhin Dialog, Erinnerung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Vordergrund. In Israel werden stärker sicherheits- und wirtschaftspolitische Erwartungen an die Zusammenarbeit formuliert.

„Aus tiefer Verbundenheit erwächst die Pflicht zur kritischen Begleitung“

Laut Bertelsmann Stiftung zeigen die Umfragedaten, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel äußerst komplex sind und daher mehr denn je eine sachliche und reflektierte Gestaltung benötigen. Auf Basis geteilter demokratischer Werte, historischer Verantwortung und einer realistischen Einschätzung aktueller politischer Spannungen sollten folgende Prioritäten verfolgt werden:

Demokratische Verständigung stärken: Die breite Zustimmung zur Demokratie in beiden Ländern ist eine wichtige Grundlage der Beziehungen. Sie muss durch politische Bildung, gesellschaftlichen Dialog und eine offene Auseinandersetzung mit Polarisierung und Vertrauensverlust gestärkt werden.

Kritische Solidarität mit Israel leben: Israels Existenzrecht und Sicherheit sollten für die Bundesrepublik weiterhin unverrückbar sein. Zugleich erfordert echte Partnerschaft die Fähigkeit zur offenen, kritischen Begleitung.

Antisemitismus wirksam bekämpfen und jüdisches Leben schützen: Die Ergebnisse zeigen, dass antisemitische Einstellungen, Diskriminierungserfahrungen und Unsicherheitswahrnehmungen ernst genommen werden müssen. Prävention, Schutzmaßnahmen und politische Bildung müssen zusammen gedacht werden.

Zivilgesellschaftlichen Austausch ausbauen: Direkte Begegnungen und Kooperationen in Bildung, Wissenschaft und Kultur schaffen gegenseitiges Verständnis und Vertrauen.

Eine klare europäische Nahostpolitik fördern: Deutschland sollte sich für eine völker- und menschenrechtsbasierte und zugleich sicherheitspolitisch realistische Politik gegenüber Israel und Palästina einsetzen.

Stephan Vopel betont: „Die vielbeschworene Formel, Israels Sicherheit sei Teil der deutschen Staatsräson, muss konkretisiert werden durch eine Haltung der kritischen Solidarität. Das heißt: Israels Existenzrecht und Sicherheit sind nicht verhandelbar. Zugleich darf dies nicht bedeuten, Fehlentwicklungen in der israelischen Innen- oder Außenpolitik zu verschweigen. Gerade aus tiefer Verbundenheit erwächst die Pflicht zur kritischen Begleitung.“

Zusatzinformationen

Die repräsentative Erhebung wurde im Auftrag der Bertelsmann Stiftung im Zeitraum vom 24. Februar bis 25. März 2025 durchgeführt. In Deutschland wurden 1.346 Personen online befragt (CAWI), in Israel 1.367 Personen mittels einer Kombination aus Online- und Telefoninterviews (CAWI + CATI). Die Ergebnisse sind gewichtet und repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung beider Länder. Die Durchführung in beiden Ländern übernahm das Institut pollytix strategic research, in Israel in Kooperation mit New Wave Research.