Hände halten Tablet vor israelischem Hintergrund.
Getty Images/iStockphoto/stellalevi; ohmega1982, smuki, tinyakov – stock.adobe.com

Israel: Bottom-Up-Entwicklung als Innovationstreiber

Seit gut zwei Jahrzehnten setzt Israel auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Dabei agieren die großen Gesundheitsversorger weitgehend staatlich unabhängig. Das fördert den Innovationswettbewerb und bringt dem Land eine führende Position im Digital-Health-Index ein. Doch die passive Rolle des Gesundheitsministeriums hat auch Nachteile.

Es gibt kaum ein anderes Land, das so früh das Potenzial der Digitalisierung für das Gesundheitswesen erkennt hat: Bereits 1995 starteten in Israel erste Projekte zum Austausch digitaler Gesundheitsdaten. E-Rezepte, Telemedizin und Online-Zugänge zu elektronischen Gesundheitsakten sind innerhalb der vier großen Gesundheitspflegeorganisationen (HMOs) Clalit, Leumit, Maccabi und Meuhedet inzwischen längst etabliert. Somit verfügt Israel über eines der modernsten digitalen Gesundheitssysteme und sichert sich im Digital-Health-Index den vierten Platz. Allerdings mangelte es in Israel beim Digitalisierungsfortschritt bisher an staatlicher Regulierung und Koordinierung, Rücksicht auf den Datenschutz sowie einem grenzübergreifenden Datenaustausch jenseits der vier HMOs. Doch inzwischen wandelt sich die Rolle des Gesundheitsministeriums.

Strategie

Die Aufgabe, sich mit Digital-Health-Strategien auseinanderzusetzen, liegt in Israel seit jeher nicht beim Staat, sondern bei den HMOs. Gleichwohl existiert mit „Digital Israel“ eine Regierungsinitiative zur Förderung von Digitalisierung sowie der im März 2018 von der Regierung veröffentlichte „National Digital Health Plan“. Dieser sieht ein Budget von 264 Millionen US-Dollar vor, unter anderem für den Aufbau einer Big-Data-Plattform mit den anonymisierten Gesundheitsinformationen nahezu aller israelischen Bürger.

Rahmenbedingungen und regulatorische Faktoren

Die vier HMOs werden von Versicherungspremien der Bürger finanziert, die das Gesundheitsministerium erhebt und an die HMOs verteilt. Diese sind in der Ausgestaltung der Versorgung jedoch weitgehend unabhängig vom Staat und stehen in direktem Wettbewerb zueinander. Das Ministerium tritt lediglich als Koordinator in jenen Bereichen auf, in denen die HMOs nicht aktiv sind, etwa bei der Kommunikation der Ärzte zwischen den verschiedenen HMOs.

Erfolgsfaktoren

Die HMOs können Innovationen eigenständig vorantreiben. Diese Tatsache sowie der Wettbewerb untereinander führen seit jeher zu einem Bottom-Up-Ansatz in der Digitalisierungsentwicklung. Erfolgreiche Projekte innerhalb der HMOs werden unter Leitung des Ministeriums auf eine nationale Ebene gehoben. Zudem findet sich in der Bevölkerung eine breite Akzeptanz von digitalen Anwendungen.

Rascher Fortschritt durch Wettbewerb

8,4 Millionen Menschen leben in Israel. Jeder Bürger ist per Gesetz verpflichtet, Mitglied in einer der vier großen Gesundheitspflegeorganisationen (Health Maintenance Organizations, HMO) zu sein. Die HMOs bieten jedem Mitglied eine elektronische Patientenakte an, die sogenannte Electronic Medical Record (EMR). Die Entwicklung und Implementierung von EMRs oder E-Rezepten innerhalb der HMOs begann schon sehr früh: Seit gut zehn Jahren gehören diese E-Health-Anwendungen zum Gesundheitsalltag der Israelis.

Was für einen raschen Digitalisierungsfortschritt in Israel sorgte, brachte aber auch Nachteile mit sich: Bewusst ließ die Regierung den HMOs viel Freiraum für Innovationen und Forschungsprojekte. Dadurch standen sie stets in einem Wettbewerb untereinander, sodass eine übergreifende Zusammenarbeit fehlte. Und so gab es in Israel lange keine nationale IT-Infrastruktur mit einheitlichen Interoperabilitätsstandards. Auch der einrichtungsübergreifende Datenaustausch zwischen den Institutionen verschiedener HMOs funktionierte bisher nicht.

Die neue Rolle des Gesundheitsministeriums

Erst seit kurzem beeinflusst die Regierung verstärkt auch die Regulierung des Gesundheitsinformationsaustauschs: Das Ministerium fördert die Entwicklung eines Systems namens EITAN, über das die zahlreichen Leistungserbringer und medizinische Einrichtungen HMO-übergreifend Zugriff auf die elektronischen Patientendaten haben. So haben zum Beispiel Krankenhäuser, die vom Ministerium und nicht von einer HMO betrieben werden, ebenfalls Zugriff auf die Patientendaten. Das System basiert auf einer Entwicklung Clalits, der größten israelischen HMO.

In seiner Rolle als regulierende Behörde ist das Gesundheitsministerium auch zuständig für die Daten-Interoperabilität, die Datensicherheit sowie den Datenschutz. Die persönlichen Gesundheitsdaten der Bürger werden dezentral zur Verfügung gestellt und vom Ministerium verwaltet.

Weitere Informationen über den Digitalisierungsstand in Israel stehen unten zum Download bereit.

Grafik Ländervergleich zwischen Deutschland und Isreael

Länderbericht Israel

Publikation: #SmartHealthSystems: Auszug Israel

Seit gut zwei Jahrzehnten setzt Israel auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Dabei agieren die großen Gesundheitsversorger weitgehend ...

Aus unserem Blog

11. Juli 2019 / Sina Busse: Heute um 20 Uhr live im Netz: #FutureMedTalk „Wird das Sprechzimmer digital?“

Gestern hat das Kabinett den Entwurf für das „Digitale Versorgung-Gesetz“ und damit weitere Erleichterungen für sogenannte Videosprechstunden beschlossen. Anfang der Woche hat ein weiterer Klinikkonzern angekündigt, eine Telemedizin-Plattform für Patienten aufzubauen. Wird also digitale Fernbehandlung nun auch in Deutschland Realität? Und wie wird sich das Feld entwickeln? Diese Fragen stellen wir heute Abend, 11. Juli 2019, um 20:00 Uhr gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecke im Rahmen unserer Online-Diskursreihe #FutureMedTalk. Die Veranstaltung ist offen für alle Interessierten und ohne Anmeldung zugänglich.

1. April 2019 / Timo Thranberend: Digitale Gesundheit: Wie Deutschland aufholen kann

Bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen hinkt Deutschland im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Das zeigt unsere Studie #SmartHealthSystems. Wie kann es gelingen, den Rückstand aufzuholen? Das Magazin „G+G“ hat uns für seine aktuelle Ausgabe gebeten, in einem Kommentar auf diese Frage einzugehen.  Den Kommentar veröffentlichen wir 1:1 bei uns im Blog. Die zentrale Aussage: Das deutsche Gesundheitssystem kann und sollte von den Erfahrungen anderer Systeme lernen. Einige politische Weichenstellungen der jüngeren Zeit entsprechen im Grundsatz dem, was wir in anderen Ländern beobachten konnten. Doch noch fehlt es etwa an einem adäquaten strategischen Rahmen. Und noch gibt zahlreiche Aspekte, bei dem ein genauerer Blick über die Grenzen lohnt. Einer davon: Die notwendige Förderung von Akzeptanz für digitale Lösungen.

20. März 2019 / Dr. Thomas Kostera: Der digitale Wandel im Gesundheitswesen braucht klare Entscheidungsstrukturen und das Vertrauen der Bürger – Madis Tiik im Skype-Interview zu Digital Health in Estland

In unserer Studie #SmartHealthSystems haben wir 17 Länder zum Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen analysiert. Spitzenreiter im eigens entwickelten Digital-Health-Index ist Estland. Wie unser Länderbericht zeigt, sind dort das E-Rezept und elektronische Patientenakten seit gut zehn Jahren gesetzlich verpflichtend. Über das nationale Gesundheitsinformationsportal kann jeder Bürger seine persönlichen Gesundheitsdaten einsehen, sich über Krankheiten informieren oder Arzttermine online buchen. Zudem sind seit 2012 Videokonsultationen und Ferndiagnosen erlaubt und in die ambulante Versorgung integriert. Dr. Madis Tiik, Hausarzt und Digital-Health-Experte, erklärt im Skype-Interview, wie Estland die Digitalisierung erfolgreich gemeistert hat. Der ehemalige CEO der der Estonian eHealth Foundation, betont wie wichtig klare Zuständigkeiten und eine spezifische Organisation für die Umsetzung von Digital-Health-Prozessen sind. Das Vertrauen der Bürger durch größtmögliche Transparenz und eine sichere nationale Infrastruktur sind weitere Erfolgsfaktoren, von denen er berichtet.

18. Februar 2019 / Sina Busse: #SmartHealthSystems: Was macht andere Länder erfolgreich(er)? – Studienergebnisse zum Hören

Wo steht Deutschland bei der digitalen Transformation im Gesundheitswesen im internationalen Vergleich? Und was können wir von anderen Ländern lernen? Diese Fragen standen im Fokus unserer Studie #SmartHealthSystems. Jetzt haben wir in zwei Podcasts über Hintergründe und Ableitungen aus der Studie gesprochen.