Hände halten Tablet vor estnischem Hintergrund.
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Estland: Spitzenreiter für Digital Health

Estland führt den Digital-Health-Index mit deutlichem Abstand zu allen anderen Ländern. E-Rezept, elektronische Patientenakten und ein nationales Gesundheitsportal gehören längst zum Alltag der estnischen Bevölkerung. Möglich macht das eine nationale Infrastruktur. Sie integriert alle digitalen Gesundheitsdienste und bündelt den Zugang zu allen Patientendaten.

Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 hat Estland konsequent den Kurs auf Digitalisierung gesetzt. Öffentliche Verwaltung und Wahlen funktionieren papierlos und jeder Bürger verfügt über einen elektronischen Personalausweis. Auch in Sachen E-Health ist Estland Vorreiter: Seit gut zehn Jahren sind E-Rezept und elektronische Patientenakten gesetzlich verpflichtend. Videokonsultationen und Ferndiagnosen sind seit 2012 erlaubt und in die ambulante Versorgung integriert. Über das Gesundheitsinformationsportal digilugu.ee kann seit 2009 jeder Bürger seine persönlichen Gesundheitsdaten einsehen, sich über Krankheiten informieren, oder Termine bei niedergelassenen Ärzten online buchen.

Damit belegt Estland Platz 1 im Digital-Health-Index unserer Länderstudie. Zentrales Element für die Vorreiterrolle Estlands ist ENHIS. Das estnische Gesundheitsinformationsaustauschnetzwerk ist landesweit ausgebaut und registriert praktisch die gesamte Krankengeschichte der Bevölkerung von der Geburt bis zum Tod. 100 Prozent aller Ärzte, Fachärzte, Krankenhäuser und Apotheken sind an ENHIS angeschlossen.

Die Weitergabe von Patientendaten ist rechtlich über ein Opt-out geregelt: Zwar hat theoretisch jeder Arzt in Estland auf ENHIS-Daten für jeden Patienten zugreifen. Der Patient aber ist Eigentümer der Gesundheitsdaten und hat die volle Kontrolle darüber: Er kann alle oder einzelne elektronische Patientenakten in ENHIS unzugänglich machen und entscheidet, welcher Arzt sie einsehen darf und welcher nicht. Bemerkenswert ist außerdem: Auch die sekundäre Nutzung von Gesundheitsdaten für wissenschaftliche Untersuchungen oder Statistiken ist erlaubt.

Strategie

Das Konzept eines landesweiten integrierten und sicheren Austauschs von Gesundheitsinformationen für die gesamte Bevölkerung existiert seit 2005. Die aktuelle „Estonian eHealth Strategy 2020“ sowie die „Digital Agenda 2020 for Estonia“ haben zum Ziel, das gesamte Gesundheitssystem hin zu einer partizipativen, präventiven und persönlichen Versorgung zu reformieren. Dazu sollen unter anderem Big-Data-Analysen zur Verfügung stehen, um Therapien zu verkürzen, Diagnosen zu erleichtern und Qualitätskontrollen zu verbessern.

Rahmenbedingungen und regulatorische Faktoren

Digital-Health-Projekte werden seit 2004 vom Wirtschaftsministerium finanziert. 2005 wurde die Estonian eHealth Foundation gegründet und war seither für sämtliche Digital-Health-Angelegenheiten zuständig. 2017 fusionierte die eHealth Foundation mit dem E-Service-Referat des Ministeriums für Soziale Angelegenheit zum Zentrum für Gesundheits- und Sozialinformationssysteme TEHIK, das für die Entwicklung von Digital-Health-Diensten und die Bereitstellung von IKT-Diensten verantwortlich ist.

Erfolgsfaktoren

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrschte in Estland eine Art Stunde null und bot günstige Ausgangsbedingungen für die Digitalisierung des Gesundheitswesens: Seit den neunziger Jahren wird sie als politischer Prozess vorangetrieben - und zwar in allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung. Dabei wurde auf eine öffentliche Debatte weitgehend verzichtet. Vielmehr wurden nötige Schritte von den Verantwortlichen identifiziert und strikt umgesetzt sowie früh ein rechtlicher Rahmen für Digital Health definiert.

Weitere Informationen über den Digitalisierungsstand in Estland stehen unten zum Download bereit.

Länderbericht Estland

Publikation: #SmartHealthSystems: Auszug Estland

Estland führt den Digital-Health-Index mit deutlichem Abstand zu allen anderen Ländern. E-Rezept, elektronische Patientenakten und ein nationales ...

Aus unserem Blog

2. Dezember 2019 / Dr. Thomas Kostera: Elektronische Patientenakten: Wie andere Länder semantische Standards einsetzen

„Semantische Interoperabilität“ ist das Zauberwort, wenn es darum geht, elektronische Patientenakten erfolgreich über die verschiedenen Sektoren des Gesundheitssystems zu führen und medizinische Daten nicht nur austauschen, sondern auch nutzen zu können. Ohne Semantik lässt sich Digitalisierung nicht gewinnbringend umsetzen. Darüber wird in Deutschland gerade breit diskutiert. Die Politik hat den Prozess angestoßen, Standards und einheitliche Computersprachen zu definieren. Auf Grundlage unserer ländervergleichenden Studie #SmartHealthSystems haben wir genauer geschaut, welche Bedeutung semantische Standards für das jeweilige Gesundheitssystem haben – und wie andere Länder Daten tatsächlich austauschen. Was Deutschland hier lernen kann: Unumgänglich ist, dass eine Behörde oder ein Kompetenzzentrum die Koordinierung übernimmt und dass die Akzeptanz klinischer Informationsstandards strategisch gefördert wird.

11. Juli 2019 / Sina Busse: Heute um 20 Uhr live im Netz: #FutureMedTalk „Wird das Sprechzimmer digital?“

Gestern hat das Kabinett den Entwurf für das „Digitale Versorgung-Gesetz“ und damit weitere Erleichterungen für sogenannte Videosprechstunden beschlossen. Anfang der Woche hat ein weiterer Klinikkonzern angekündigt, eine Telemedizin-Plattform für Patienten aufzubauen. Wird also digitale Fernbehandlung nun auch in Deutschland Realität? Und wie wird sich das Feld entwickeln? Diese Fragen stellen wir heute Abend, 11. Juli 2019, um 20:00 Uhr gemeinsam mit der Universität Witten/Herdecke im Rahmen unserer Online-Diskursreihe #FutureMedTalk. Die Veranstaltung ist offen für alle Interessierten und ohne Anmeldung zugänglich.

29. April 2019 / Dr. Thomas Kostera: Systematische Akzeptanzförderung als Erfolgsfaktor – Jennifer Zelmer im Skype-Interview zu Digital Health in Kanada

In unserer Studie #SmartHealthSystems haben wir 17 Länder zum Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen analysiert. Im eigens entwickelten Digital-Health-Index belegt Kanada den zweiten Rang. Dr. Jennifer Zelmer, Präsidentin und CEO der „Canadian Foundation for Healthcare Improvement“, erklärt im Sykpe-Interview, dass neue E-Health Dienste dann erfolgreich sind, wenn sie auf die Bedürfnisse von Bürgern und medizinischem Fachpersonal eingehen und als echte Hilfestellung im klinischen Alltag wahrgenommen werden. In Kanada wurde die Aktzeptanz für neue Technologien durch gezielte Einbindung der Anwender und verschiedene Kampagnen systematisch gefördert. Für Zelmer ist das daraus resultierende Engagement von Bürgern und Medizinern ein entscheidender Erfolgsfaktor im kanadischen Digitalisierungsprozess.

1. April 2019 / Timo Thranberend: Digitale Gesundheit: Wie Deutschland aufholen kann

Bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen hinkt Deutschland im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Das zeigt unsere Studie #SmartHealthSystems. Wie kann es gelingen, den Rückstand aufzuholen? Das Magazin „G+G“ hat uns für seine aktuelle Ausgabe gebeten, in einem Kommentar auf diese Frage einzugehen.  Den Kommentar veröffentlichen wir 1:1 bei uns im Blog. Die zentrale Aussage: Das deutsche Gesundheitssystem kann und sollte von den Erfahrungen anderer Systeme lernen. Einige politische Weichenstellungen der jüngeren Zeit entsprechen im Grundsatz dem, was wir in anderen Ländern beobachten konnten. Doch noch fehlt es etwa an einem adäquaten strategischen Rahmen. Und noch gibt zahlreiche Aspekte, bei dem ein genauerer Blick über die Grenzen lohnt. Einer davon: Die notwendige Förderung von Akzeptanz für digitale Lösungen.