Hände halten Tablet vor estnischem Hintergrund.
© SeanPavonePhoto, ohmega1982, smuki, tinyakov – stock.adobe.com

Estland: Spitzenreiter für Digital Health

Estland führt den Digital-Health-Index mit deutlichem Abstand zu allen anderen Ländern. E-Rezept, elektronische Patientenakten und ein nationales Gesundheitsportal gehören längst zum Alltag der estnischen Bevölkerung. Möglich macht das eine nationale Infrastruktur. Sie integriert alle digitalen Gesundheitsdienste und bündelt den Zugang zu allen Patientendaten.

  • PDF

Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 hat Estland konsequent den Kurs auf Digitalisierung gesetzt. Öffentliche Verwaltung und Wahlen funktionieren papierlos und jeder Bürger verfügt über einen elektronischen Personalausweis. Auch in Sachen E-Health ist Estland Vorreiter: Seit gut zehn Jahren sind E-Rezept und elektronische Patientenakten gesetzlich verpflichtend. Videokonsultationen und Ferndiagnosen sind seit 2012 erlaubt und in die ambulante Versorgung integriert. Über das Gesundheitsinformationsportal digilugu.ee kann seit 2009 jeder Bürger seine persönlichen Gesundheitsdaten einsehen, sich über Krankheiten informieren, oder Termine bei niedergelassenen Ärzten online buchen.

Damit belegt Estland Platz 1 im Digital-Health-Index unserer Länderstudie. Zentrales Element für die Vorreiterrolle Estlands ist ENHIS. Das estnische Gesundheitsinformationsaustauschnetzwerk ist landesweit ausgebaut und registriert praktisch die gesamte Krankengeschichte der Bevölkerung von der Geburt bis zum Tod. 100 Prozent aller Ärzte, Fachärzte, Krankenhäuser und Apotheken sind an ENHIS angeschlossen.

Die Weitergabe von Patientendaten ist rechtlich über ein Opt-out geregelt: Zwar hat theoretisch jeder Arzt in Estland auf ENHIS-Daten für jeden Patienten zugreifen. Der Patient aber ist Eigentümer der Gesundheitsdaten und hat die volle Kontrolle darüber: Er kann alle oder einzelne elektronische Patientenakten in ENHIS unzugänglich machen und entscheidet, welcher Arzt sie einsehen darf und welcher nicht. Bemerkenswert ist außerdem: Auch die sekundäre Nutzung von Gesundheitsdaten für wissenschaftliche Untersuchungen oder Statistiken ist erlaubt.

Strategie

Das Konzept eines landesweiten integrierten und sicheren Austauschs von Gesundheitsinformationen für die gesamte Bevölkerung existiert seit 2005. Die aktuelle „Estonian eHealth Strategy 2020“ sowie die „Digital Agenda 2020 for Estonia“ haben zum Ziel, das gesamte Gesundheitssystem hin zu einer partizipativen, präventiven und persönlichen Versorgung zu reformieren. Dazu sollen unter anderem Big-Data-Analysen zur Verfügung stehen, um Therapien zu verkürzen, Diagnosen zu erleichtern und Qualitätskontrollen zu verbessern.

Rahmenbedingungen und regulatorische Faktoren

Digital-Health-Projekte werden seit 2004 vom Wirtschaftsministerium finanziert. 2005 wurde die Estonian eHealth Foundation gegründet und war seither für sämtliche Digital-Health-Angelegenheiten zuständig. 2017 fusionierte die eHealth Foundation mit dem E-Service-Referat des Ministeriums für Soziale Angelegenheit zum Zentrum für Gesundheits- und Sozialinformationssysteme TEHIK, das für die Entwicklung von Digital-Health-Diensten und die Bereitstellung von IKT-Diensten verantwortlich ist.

Erfolgsfaktoren

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion herrschte in Estland eine Art Stunde null und bot günstige Ausgangsbedingungen für die Digitalisierung des Gesundheitswesens: Seit den neunziger Jahren wird sie als politischer Prozess vorangetrieben - und zwar in allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung. Dabei wurde auf eine öffentliche Debatte weitgehend verzichtet. Vielmehr wurden nötige Schritte von den Verantwortlichen identifiziert und strikt umgesetzt sowie früh ein rechtlicher Rahmen für Digital Health definiert.

Weitere Informationen über den Digitalisierungsstand in Estland stehen unten zum Download bereit.

Länderbericht Estland

Publikation: #SmartHealthSystems: Auszug Estland

Estland führt den Digital-Health-Index mit deutlichem Abstand zu allen anderen Ländern. E-Rezept, elektronische Patientenakten und ein nationales ...

Aus unserem Blog

6. Mai 2024 / Marion Grote-Westrick: Fünf Schritte für mehr Outcome-Orientierung

Stellen Sie sich vor, Sie hatten kürzlich eine medizinische Behandlung. Mit den klinischen Ergebnissen ist das Ärzteteam zufrieden. Doch wie geht es Ihnen, abseits klinischer Parameter? Wie nehmen Sie die Behandlungseffekte und eventuelle Nebenwirkungen wahr? Und: Sind Sie dazu schon einmal strukturiert befragt worden? Hier kommen Patient-Reported Outcomes Measures (PROMs) ins Spiel – die wissenschaftlich […]

12. Januar 2024 / Jörg Artmann: Digitale Wende im Gesundheitswesen: Ferdinand Gerlach im Interview

Im Rahmen unserer Interviewreihe sprachen wir mit Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, einem renommierten Experten des deutschen Gesundheitswesens, über die komplexen Herausforderungen und Chancen der digitalen Transformation. Mit seiner profunden Erfahrung und seinen Einblicken in Gesundheitspolitik, Medizin und technologische Innovationen bietet Gerlach eine kritische Analyse des Status quo und skizziert Wege für eine effizientere […]

29. September 2023 / Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler: Konzept für ein digitales Ökosystem im Gesundheitswesen

Die digitale Transformation durchdringt und gestaltet unser Leben in ungeahnter Weise und mit wachsender Geschwindigkeit. Eben dieses Tempo wie auch die disruptive Schlagkraft der damit verbundenen Veränderungen fordert unserer Gesellschaft große Anpassungsleistungen ab. Digitale Plattformen spielen dabei eine Schlüsselrolle, denn sie stellen die Infrastruktur und die Dienstleistungen bereit, die diesen Wandel vorantreiben. Digitale Ökosysteme haben […]

16. November 2022 / Dr. Stefan Etgeton: Digital-Health-Strategien: Good Practices aus fünf Ländern

Das Bundesgesundheitsministerium hat den Startschuss für eine deutsche Digital-Health-Strategie gegeben. Damit soll Deutschland an jene Länder anschließen, die ihre Gesundheitssysteme bereits erfolgreich digitalisiert haben. Grund für uns, einen genaueren Blick auf die nationalen Strategien fünf solcher Länder zu richten – und Good Practices zu identifizieren. Das Ergebnis unserer Analyse zeigt vor allem eines: Eine Strategie muss klare Verantwortlichkeiten bei der Steuerung und Umsetzung definieren sowie die Endnutzer bei der Evaluierung kontinuierlich einbinden.