Arzt spricht gestikulierend mit Patient im Ringel-Shirt.
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Die medizinische Versorgung von Flüchtlingen stellt das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Eine ganz praktische: die Sprachbarriere. Der Arzt spricht nicht die Sprache des Patienten, der Patient nicht die des Arztes. Dolmetscher sind oft schwer zu organisieren. Eine erfolgreiche Behandlung ist damit in vielen Fällen erschwert oder gar unmöglich.

Hier setzte das Pilotprojekt "Flüchtlinge verstehen" an. Von November 2015 bis Juni 2016 konnten Ärzte kostenfrei Dolmetscher beim Behandlungsgespräch hinzuziehen – per Videokonferenz über das Internet. Umgesetzt wurde das Projekt von der Plattform arztkonsultation.de, die Bertelsmann Stiftung hat es qualitativ evaluiert.

Folgende Erkenntnisse – in Form von Thesen – und Ableitungen resultieren aus der Evaluation (Details zum Pilotprojekt und zur Evaluation finden sich im Ergebnis-Dokument zum Download auf dieser Seite):

1.

Der Ansatz „Video-Dolmetscher“ ist grundsätzlich geeignet, existierende Lücken in der Sprachmittlung durch fehlende Präsenzdolmetscher zu schließen. Die Dolmetscher können ortsunabhängig und im Grundsatz „voraussetzungsarm“ (bestehende Internetverbindung, Kamera-Funktion) eingesetzt werden.

2.

Sprachbarrieren sind de facto eine Herausforderung in der Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund – sowohl für Ärzte und andere Leistungserbringer  als auch für die Patienten selbst. Diese zeigt sich insbesondere in der Anamnese und bei der Aufklärung über die Therapie sowie in psychotherapeutischen Behandlungs-Settings. Allerdings ist die Dimension der Herausforderung sowohl mit Blick auf das Gesamtsystem als auch mit Blick auf die einzelnen Betroffenen schwierig zu klassifizieren und zu quantifizieren.

ABLEITUNG A

Es braucht mehr Grundlagenforschung zur Dimension der Herausforderung und zu den Auswirkungen fehlender Sprachmittlung auf die Qualität der Behandlung, um die Notwendigkeit eines (Video-)Dolmetschereinsatzes in der Fläche einschätzen zu können. Dabei sollte auch geklärt werden, in welchen Behandlungssettings und bei welchen Indikationen eine professionelle Sprachmittlung insbesondere von Nöten ist. 

3.

Ärzte (ambulant wie stationär) suchen grundsätzlich nach niedrigschwelligen Lösungen für die Sprachmittlung. Dabei steht zunächst die bloße, oft kurzfristige, Notwendigkeit der Übersetzung im Vordergrund, nicht primär die Qualität der Übersetzung oder der Kanal. Entsprechend werden in der Behandlungssituation anwesende Laiendolmetscher (z. B. Verwandte, Freunde) häufig gegenüber dem Einsatz von „technischen Lösungen“ wie der Übersetzung per Telefon oder Video durch professionelle Dritte bevorzugt – auch wenn die Ärzte diesen Angeboten grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber stehen.

ABLEITUNG B

Es gibt empirische Hinweise darauf, dass eine geringe Übersetzungsqualität zu negativen Auswirkungen z. B. bei der Arzneimittelsicherheit führen kann. Der Zusammenhang von Übersetzungs- und Behandlungsqualität ist weiter zu untersuchen. Empfehlenswert wären ergänzende Erhebungen, die persönliche Sprachmittlung mit dem Video-Ansatz und anderen „technischen“ Lösungen (z. B. Übersetzungs-Apps) in den Vergleich setzen. Zudem braucht es Klarheit über Haftungsfragen in Bezug auf die Konsequenzen fehlerhafter Übersetzungen.


ABLEITUNG C

Video-Dolmetscher müssten auch kurzfristig, also ohne längeren Vorlauf verfügbar sein, um der Realität der Behandlungssituation gerecht zu werden.

4.

Der überwiegende Teil der Ärzte steht dem Kanal „Video“ noch skeptisch gegenüber und bevorzugt die Übersetzung per Telefon. Ursächlich sind allgemeine Bedenken in Bezug auf Datensicherheit, die teils fehlende technische Ausstattung in den Praxen oder Kliniken (keine Kamera-Funktion) und der gewohntere Umgang mit dem Kanal „Telefon“. Die Akzeptanz des Kanals „Video“ steigt mit der Technikaffinität von Ärzten und der Gewohnheit, Video auch in anderen beruflichen oder privaten Kontexten zu nutzen. Entsprechend ist davon auszugehen, dass mit der größeren Durchdringung von „Video-Telefonie“ auch die Akzeptanz des Kanals für den Einsatz von Dolmetschern steigt.

ABLEITUNG D

Um einen Einsatz in der Breite zu fördern, müsste sich die konkrete technische Anwendung einfach in den Praxisalltag bzw. die Abläufe im Versorgungsalltag integrieren lassen. Technische Hürden sind weitestgehend zu reduzieren. Zudem braucht es praxisnahe Beratung zum Einsatz von Video-Dolmetschern und eine prominente Kommunikation der Maßnahmen zur Datensicherheit.

5.

Ob durch den Kanal „Video“ im Vergleich zur rein sprachlichen Übersetzung ein Mehrwert für die Behandlung entsteht, ist abhängig vom Behandlungsanlass und Kommunikationskontext sowie von den individuellen Präferenzen des Patienten. So kann die Sichtbarkeit eines Dolmetschers per Video in bestimmten Behandlungssituationen und bei bestimmten Patienten zusätzliches Vertrauen, in anderen Kontexten und bei anderen Patienten eher abwehrendes Verhalten erzeugen.

ABLEITUNG E

Angebote für digitale Dolmetscher-Dienste müssen flexibel ausgestaltet sein und die Sprachmittlung sowohl per Video als auch nur mit Ton zulassen. Der Kanal ist jeweils individuell auf Kontexte und Patientenpräferenzen abzustimmen.

6.

Die Finanzierung einer Video-Dolmetscher-Leistung ist Grundlage für die breite Akzeptanz auf Seiten der Ärzte und Einrichtungen. Wie diese langfristig gewährleistet wird, ist abhängig von weiteren Ergebnissen der Versorgungsforschung politisch zu entscheiden.