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Sebastian Pfütze

, Wirtschaftsnobelpreisträger und Wirtschaftsweisenchef im Gespräch: Wie kann inklusives Wachstum funktionieren?

Auf Einladung der Bertelsmann Stiftung trafen am 16. September 2015 in Berlin der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und der Vorsitzende des Sachverständigenrates der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Christoph Schmidt, zusammen. Die Bertelsmann Stiftung hatte die beiden Ökonomen eingeladen, mit 170 interessierten Bürgern über die Zunahme sozialer Ungleichheit in entwickelten Industriestaaten und über Ansätze für ein inklusives Wachstumsmodell zu diskutieren.

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Win-win policies für Wachstum und Teilhabe

Aart De Geus, Vorsitzender des Vorstands der Bertelsmann Stiftung und Martine Durand, Chefstatistikerin der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris (OECD), führten in die Diskussion ein. „Die Zunahme von Ungleichheitsdynamiken zeigt, dass wirtschaftliches Wachstum nicht länger Fortschritt für jeden in der Gesellschaft bedeutet. Mit unserem Projekt ‚Inclusive Growth‘ wollen wir als Bertelsmann Stiftung Win-win policies aufzeigen, die sowohl auf wirtschaftliches Wachstum als auch auf soziale Teilhabe einzahlen“, so De Geus. Auch Durand unterstrich die Bedeutung wachsender Ungleichheit in entwickelten Industriestaaten und warb für ein Umdenken in der Politik: „Politische Maßnahmen müssen nach ihrem ökonomischen und ihrem sozialen Nutzen gleichermaßen bewertet werden.“

Zuwanderung als gesamtgesellschaftliche Herausforderung

Joseph Stiglitz und Christoph Schmidt diskutierten die aktuell größte gesellschaftspolitische Herausforderung für Deutschland, die Bewältigung des Flüchtlingsstroms, gleich zum Auftakt des Gespräches: „Wenn es Deutschland gelingt, die Menschen zu integrieren und sie in Arbeit zu bringen, wird das der Wirtschaft einen enormen Schub geben“, so Joseph Stiglitz. Christoph Schmidt ergänzte und betonte, dass Deutschland insbesondere in Zeiten des demographischen Wandels junge Talente brauche. Gleichwohl sei die Integration vieler Zuwanderer in die Volkswirtschaft eine enorme Kraftanstrengung, so der amerikanische Nobelpreisträger. Wie man es nicht machen solle, zeige etwa sein eigenes Land. Viele Immigranten lebten ungewollt in der Illegalität. Dies zwinge sie in zweifelhafte Abhängigkeiten und Arbeitsverhältnisse, die alle Mindeststandards unterliefen.

Mehr Staat oder mehr Vertrauen in Marktprozesse?

Die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland markierten unterschiedliche Bewertungen der Tragweite sozialer Ungleichheit und der Rolle des Staates zwischen den beiden Ökonomen. Christoph Schmidt stimmte Joseph Stiglitz in der Bewertung von sozialer Ungleichheit in den USA zu. Allem voran ein besseres Bildungssystem, aber auch staatliche Eingriffe und Umverteilungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Ungleichheit, könnten den USA in der jetzigen Phase den Weg zurück zu einer teilhabegerechteren Gesellschaft und zu einem inklusiveren und nachhaltigeren Wachstum weisen.

Deutschland sei jedoch in einer anderen Lage, so der Präsident des RWI. Ein gut funktionierendes Maß an staatlicher Umverteilung mildere die Folgen der Ungleichheit, die durch den Wirtschaftsprozess entstehen, weitestgehend ab. Für Deutschland stelle sich daher aktuell eher die Frage, wie wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in Zeichen des demographischen Wandels und der Digitalisierung langfristig gesichert werden könne. Wie könne man etwa die exportorientierte Industrie darauf vorbereiten? Dies, so Schmidt, werde nur durch weniger staatliche Intervention und mehr Vertrauen in Marktprozesse gelingen.

Unterschiedlich bewerteten die beiden Ökonomen die Folgen des Mindestlohns. Während Joseph Stiglitz den Mindestlohn auch für Deutschland als gutes Korrektiv gegen ein „race to the bottom“ lobte, mahnte Christoph Schmidt vor negativen Folgen in Zeiten konjunktureller Schwäche: „Dies wird in Deutschland vor allem in grenznahen Regionen im Osten spürbar werden, wenn kleine Unternehmen wie z. B. Taxiunternehmen aufgrund des Mindestlohns nicht mehr einstellen.“

Die zweistündige Diskussion wurde von Gregor-Peter Schmitz, dem Leiter des Berliner Büros der WirtschaftsWoche, moderiert.

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