Eine Gruppe von Menschen sitzt an einem Holztisch in einer Besprechung, darüber liegt eine digitale Grafik vernetzter Icons zu den Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und globale Vernetzung.

Nachhaltigkeit bleibt in Unternehmen Chefsache – doch die Dynamik ist dahin

In 73 Prozent der Unternehmen ist die Verantwortung für die Nachhaltigkeitstransformation weiterhin auf Vorstands- oder Geschäftsführungsebene verankert. Die selbstgesteckten Klimaziele haben überwiegend Bestand. Allerdings verliert das Thema merklich an Priorität und Dynamik. Das zeigt der vierte Sustainability Transformation Monitor (STM) der Bertelsmann Stiftung, der Stiftung Mercator, der Universität Hamburg und der Peer School for Sustainable Development. Für ihn wurden 822 Unternehmen der Real- und Finanzwirtschaft in Deutschland befragt. Der STM belegt zudem, warum die Dynamik verloren gegangen ist: Betriebe empfinden unsichere politische Rahmenbedingungen sowie fehlende Marktanreize als stärkste Hemmnisse für mehr Transformation.

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Jakob Christof Kunzlmann
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Fritz Putzhammer
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In der öffentlichen Debatte rückt das Thema Nachhaltigkeit derzeit in den Hintergrund. Das wirkt sich auch auf die Haltung der Unternehmen aus. Bei 59 Prozent der Unternehmen aus Real- und Finanzwirtschaft verliert Nachhaltigkeit intern an Priorität. Im Vorjahr gaben dies nur rund 14 Prozent der Unternehmen an. Vor allem Großunternehmen und größere Mittelständler spüren die Debatten stark. Die abnehmende Dynamik zeigt sich auch in der Stagnation der Verantwortung für das Thema auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene, hier gab es keine Veränderung zum Vorjahr. Auch der Anteil der Unternehmen, die dies "in Planung" haben, geht um sieben Prozentpunkte zurück. 

Die stärksten Treiber der Nachhaltigkeitstransformation sind "zukünftige Arbeitnehmer:innen" sowie "die Geschäftsführung", gefolgt von der "Jungen Generation" und "Wettbewerbern". Auffallend ist, dass nahezu alle potenziellen Treiber in ihrer Intensität teilweise stark sinken (Arbeitnehmer:innen: -12 Prozentpunkte, Geschäftsführung: -7 Prozentpunkte). Besonders stark verändert hat sich aus Unternehmenssicht die Relevanz der Politik für den Transformationsprozess. In den vergangenen Jahren hatten die Unternehmen sie noch als wichtigen Treiber wahrgenommen. Im STM 2026 sinkt deren Bedeutung als Treiber erheblich um 31 Prozentpunkte. Gleichzeitig werden unsichere politische und regulatorische Rahmenbedingungen jetzt stärker als Hemmnis für die Transformation empfunden (+30 Prozentpunkte). 

Wir brauchen jetzt eine neue Fokussierung: mehr strategische Priorisierung, verlässliche politische Rahmenbedingungen und marktwirtschaftliche Anreize.

Jakob Kunzlmann, Nachhaltigkeitsexperte der Bertelsmann Stiftung

Fehlende wirtschaftliche Anreize bremsen den Transformationsprozess aus

"Ohne klare, verlässliche Signale aus Politik und Märkten droht die Transformation in eine Phase der Stagnation zu geraten", analysiert unser Nachhaltigkeitsexperte, Jakob Kunzlmann. "Wir brauchen jetzt eine neue Fokussierung: mehr strategische Priorisierung, verlässliche politische Rahmenbedingungen und marktwirtschaftliche Anreize, wie beispielsweise eine CO2-Bepreisung mit verlässlichen Preispfaden. So können ökologische und soziale Aspekte als Investitions- und Wettbewerbsfaktor wirksam werden."

Wo der Druck von Seiten der Politik fehlt, könnte die Aussicht auf den "Business Case" in den Vordergrund rücken, also die Erwartung messbarer wirtschaftlicher Vorteile der Nachhaltigkeitstransformation. Diesen klaren "Business Case" sehen allerdings nur 17 Prozent der Unternehmen. Zwar erkennen 43 Prozent einen finanziellen Mehrwert für ihre Unternehmen durch die Integration von ökologischen und sozialen Themen. Dieser fällt bislang jedoch niedriger aus als die damit verbundenen Kosten. Dies erklärt, dass rund 70 Prozent der Unternehmen zurückmelden, dass fehlende wirtschaftliche Anreize ihre Transformation ausbremsen.  

Mehr Unternehmen setzen sich eigene Klimaziele

Von der Tagesordnung ist die Nachhaltigkeitstransformation dennoch nicht verschwunden. So ist der Anteil der Unternehmen und Banken, die ihre Treibhausgasemissionen erfassen, auf 86 Prozent gestiegen. Auch die Klimaziele werden in der Realwirtschaft überwiegend beibehalten oder sogar weiterentwickelt. Der Anteil der Firmen mit selbstgesteckten Klimazielen erhöht sich von 53 Prozent auf 59 Prozent. Bei den Banken steigt er von 46 Prozent auf 65 Prozent und damit sogar noch deutlicher an. "Es ist ein wichtiges Signal, dass immer mehr Unternehmen ihre Emissionen erfassen und an Klimazielen festhalten. Entscheidend ist nun, dass daraus konkrete Transformationspfade mit klaren Investitionsentscheidungen, Zeitachsen und Finanzierungsplänen entstehen", sagt Philipp Wesemann, Projektmanager im Bereich Klimaresiliente Gesellschaft der Stiftung Mercator. An den konkreten Plänen, wie die Zielvorgaben zu erreichen sind, mangelt es vielfach jedoch noch. 41 Prozent der Unternehmen mit Klimazielen geben an, dass ihr Transitionsplan noch "in Planung" ist. "Daten zur Transformation sind kein Selbstzweck. Sie müssen in die Unternehmenssteuerung sowie in Investitions- und Finanzierungsentscheidungen eingebunden werden", sagt Manuel Reppmann, Projektleiter der Studie und Nachhaltigkeitsexperte der Universität Hamburg.  

Unternehmen gut auf Reporting vorbereitet – und bleiben dabei, auch ohne Pflicht

Das EU-Omnibusverfahren, das die Berichtspflichten für Unternehmen vereinfachen und den Anwendungskreis verkleinern will, hat vielfach zu einer Verlangsamung oder vorübergehenden Einstellung des Berichterstattungsprozesses geführt. Gleichzeitig fühlen sich rund 59 Prozent der ab 2027 berichtspflichtigen Unternehmen bereits heute gut oder sehr gut auf EU-weite Berichtspflichten vorbereitet; lediglich rund 18 Prozent sehen sich unzureichend aufgestellt. Und 75 Prozent der befragten Unternehmen, die künftig von der Pflicht zur Berichterstattung ausgenommen sind, geben an, dass sie auch künftig Nachhaltigkeitsberichte vorlegen wollen, nur knapp 8 Prozent planen keine Berichterstattung mehr.

Nachhaltigkeit spielt in der Unternehmensfinanzierung eine Rolle – aber keine zunehmende

Nachhaltigkeit bleibt auch in der Finanzierungspraxis präsent, allerdings nimmt die empfundene Relevanz ab. Nur 30 Prozent der Unternehmen und 37 Prozent der Banken bewerten Nachhaltigkeit als wichtig in Finanzierungsgesprächen. In beiden Gruppen ist die Bedeutung zudem rückläufig (-8 bzw. -9 Prozentpunkte). Zwar erwarten sowohl Banken als auch Unternehmen, dass Nachhaltigkeit zukünftig in der Unternehmensfinanzierung eine Rolle spielen wird. Die Zustimmung in der Realwirtschaft fällt mit 45 Prozent aber geringer aus als bei Banken (79 Prozent), sie ist auf beiden Seiten rückläufig. "Nachhaltigkeitsdaten sind heute vielfach vorhanden – ihre Wirkung in Kreditentscheidungen bleibt jedoch begrenzt. Solange sie nicht systematisch in Risikoanalysen und Konditionen einfließen, entstehen keine spürbaren Transformationsanreize. Sustainable Finance muss sich deshalb stärker vom Reporting- zum Steuerungsinstrument entwickeln", sagt Incken Wentorp, Nachhaltigkeitsexpertin der Peer School for Sustainable Development. In der neuen Phase der Nachhaltigkeitstransformation bekommen funktionierende Kooperationen entlang von Wertschöpfungsketten sowie zwischen Real- und Finanzwirtschaft eine zentrale Bedeutung. "Transformation ist zunehmend eine Koordinationsaufgabe zwischen Unternehmen, Banken, Investoren und Politik. Viele Lösungen entstehen erst im Zusammenspiel dieser Akteure", sagt Laura Marie Edinger-Schons, Chief Sustainability Officer und Professorin für Nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Hamburg.

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