Eine Person hält ein Smartphone in der Hand.

Digitale Spaltung der Gesellschaft verschärft sich

Wie steht es nach einem Jahr Corona um die digitalen Kompetenzen der Bürger:innen in Deutschland? Eine repräsentative Bevölkerungsbefragung in unserem Auftrag zeigt: In der breiten Bevölkerung bleibt der Digitalisierungsschub aus, die digitale Spaltung der Gesellschaft verschärft sich, aber auch der Wunsch nach digitalen Unterstützungsangeboten nimmt zu.

Ansprechpartner

Foto Tobias Bürger
Dr. Tobias Bürger
Project Manager
Foto Andreas Grau
Andreas Grau
Senior Expert

Inhalt

Homeschooling und Homeoffice haben in Zeiten von Corona die Relevanz von Digitalisierung und digitalen Technologien für eine moderne Gesellschaft gezeigt. Auch bei Behördengängen haben die Deutschen gemerkt, wo die digitalen Defizite liegen.

Die vergleichende Analyse "Digital Souverän 2021: Aufbruch in die digitale Post-Coronawelt?", durchgeführt vom Marktforschungsinstitut Kantar in unserem Auftrag, zeigt erstmals: Die Befragten schätzen digitale Technologien und den souveränen Umgang mit ihnen nach einem Jahr Corona insgesamt höher ein als noch vor zwei Jahren (2019). Dies betrifft insbesondere die Themen behördliche Angelegenheiten (+8 Prozent) und Finanzen (+8 Prozent). Hingegen verloren hat das Thema Mobilität (-2 Prozent).

Pandemie verschärft digitale Spaltung

Bei genauerer Analyse der Daten von 2019 und 2021 im Vergleich zeigt sich jedoch eine digitale Spaltung entlang den Faktoren Alter, Bildungsgrad und Haushaltsnettoeinkommen: Für vier von zehn Befragten ist die Nutzung des Internets nun noch wichtiger als vor der Coronapandemie. Jüngere Menschen und Frauen messen dem Internet mehr Bedeutung bei als Ältere und Männer. Je höher der Bildungsgrad, desto wichtiger ist für die Befragten auch, das Internet zu nutzen.

Knapp die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen gibt an, dass die Internetnutzung für sie, verglichen mit der Zeit vor der Coronapandemie, wichtiger geworden ist. Die Erklärung: Diese Altersgruppe ist für ihre Bildung meist besonders auf das Internet angewiesen. "Bildung fand in den vergangenen Monaten oft digital statt. Die Umstellung auf Fernunterricht erhöht somit die Abhängigkeit vom Internet und von digitalen Kompetenzen für alle Beteiligten im Bildungsbetrieb maßgeblich. In der Folge verstärkt diese Abhängigkeit bestehende Bildungsunterschiede bei den Schüler:innen, aber auch die unterschiedlich ausgeprägten Kompetenzen der Lehrer:innen", erklärt unser Vorstandsmitglied Brigitte Mohn. 

Die Altersgruppen der 30- bis 39-Jährigen, 40- bis 49-Jährigen und 50- bis 59-Jährigen messen der Internetnutzung im Durchschnitt mehr Bedeutung bei als etwa die Generation 60+. Dabei sind es gerade die Älteren, die von der Anwendung digitaler Technologien profitieren könnten, etwa indem sie dadurch ihr Selbstwertgefühl steigern und mehr soziale Verbindungen herstellen und pflegen können. Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch auch: Je älter die Befragten sind, desto weniger wichtig ist die Internetnutzung im Vergleich zu der Zeit vor Corona. Je älter, desto schlechter schätzen die Befragten auch die eigenen Kenntnisse im Bereich digitaler Technologien ein. Der allgemein angenommene "Digitalisierungsschub" und ein damit einhergehender Bedeutungszuwachs der Internetnutzung zeigt sich somit für die Gruppe der über 60-Jährigen nicht.

Unterstützungsangebote gewünscht

In der Pandemie zeigt sich die große Bedeutung eines menschlichen sozialen Netzwerks, das bei den unterschiedlichsten Fragen mit Rat und Tat zur Seite steht. Für Ältere ist vor allem die Möglichkeit, Fragen zum Umgang mit neuen Technologien an Freunde und Familienmitglieder stellen zu können, eine gute Voraussetzung, um Kenntnisse aufzubauen und die eigenen Problemlösungskompetenzen zu stärken.

Im Vergleich zu 2019 am stärksten gestiegen ist die selbstständige Suche nach Lösungen (+8 Prozent). Rund die Hälfte der Befragten nutzt nun selbstständig das Internet, um Antworten zu suchen und Probleme zu lösen. Dies sind vor allem Jüngere (70 Prozent) und 30- bis 39-Jährige (78 Prozent). Je höher das Alter, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, selbstständig nach Lösungen zu suchen.

Zwar lösen die Befragten Fragen zur Nutzung des Internets im Vergleich zu 2019 nun stärker selbst, doch rund die Hälfte wünscht sich Unterstützungsangebote zum Erlernen digitaler Kompetenzen. Mehr als die Hälfte wünscht sich Hilfe in Form von Lernvideos oder Onlinekursen (58 Prozent), knapp die Hälfte Lernangebote außerhalb des Internets, wie beispielsweise Volkshochschulen und Bibliotheken (48 Prozent). 46 Prozent fänden die telefonische Unterstützung durch einen qualifizierten Computerexperten sinnvoll, 42 Prozent die Unterstützung durch einen Computerexperten, der persönlich nach Hause kommt.

Unsere Expertin Kirsten Witte erläutert: "In der Coronapandemie hat sich außerdem gezeigt: Ohne digitale Kompetenzen wird die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zunehmend schwerer. Wichtig ist es deshalb, nun ziel- und altersgruppenspezifische Angebote anzubieten, bei denen Nutzer:innen individuell lernen können. Gerade dort, wo die Familie und Freunde nicht die ersten Ansprechpartner:innen sind, etwa in Alten- und Pflegeheimen, sollten digitale Zugänge, Unterstützungsstrukturen und Lernangebote geschaffen werden." Besonders für Ältere sollten Lernmöglichkeiten und -orte durch gemeinsame Initiativen verstärkt alltagsnah entstehen, zum Beispiel in Volkshochschulen, Stadtteil- und Begegnungszentren in den Kommunen, Bibliotheken oder Bürgertreffs. Bei Jugendlichen sollten digitale Kompetenzen stärker im Lehrplan verankert werden.

Materialien