Teilnehmer des "Forum Bellevue" stehen im Schloss Bellevue zusammen: Michael Butter, Ulf Poschardt, Julia Stein, Frank-Walter Steinmeier, Jeff Mason, und unser Vorstandsvorsitzender Aart De Geus.

, Forum Bellevue: Bundespräsident Steinmeier: Medien sollen "Inseln der Verlässlichkeit" sein

Welche Rolle spielen Medien für die Zukunft der Demokratie und wie beeinflusst die Digitalisierung unsere Meinungsbildung? Über diese Fragen diskutierte Bundespräsident Steinmeier auf dem dritten "Forum Bellevue" mit Journalisten und Wissenschaftlern. 

"Die Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Information über die Tatsachen nicht garantiert ist." So zitierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Philosophin Hanna Arendt zu Beginn der dritten Ausgabe des "Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie". Wie lassen sich im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung allgemeingültige Fakten vermitteln? Wie können Medien Menschen erreichen, die sich in ihrer Meinungsbildung nicht von Tatsachen, sondern von ihrem Bauchgefühl oder ihrer Wut leiten lassen? Darüber diskutierte Bundespräsident Steinmeier mit Journalisten und Wissenschaftlern.

"Fakt oder Fake? Über einen bedeutenden Unterschied für die Demokratie" lautete das Thema, das nicht nur auf dem Podium, sondern auch mit den geladenen Gästen intensiv und kontrovers diskutiert wurde. Zur Diskussion geladen waren: Michael Butter, Professor für Amerikanistik und Experte für Verschwörungstheorien an der Universität Tübingen, Jeff Mason, Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters im Weißen Haus, der Chefredakteur der "Welt" Ulf Poschardt und Julia Stein, Leiterin der Redaktion Politik und Recherche beim NDR und Vorsitzende des Netzwerk Recherche.

Professor Butter: Verschwörungstheorien waren schon im 19. Jahrhundert Wahlkampf-Methode

Trotz aller Veränderungen, die soziale Medien mit sich bringen, seien Unwahrheiten und Verschwörungstheorien keineswegs ein Produkt des 21. Jahrhunderts, erläuterte Professor Butter. Nicht nur im letzten Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton habe es zahlreiche Unwahrheiten und unbewiesene Anschuldigungen gegeben: So führte Michael Butter unter anderem Anekdoten aus dem US-amerikanischen Wahlkampf von 1800 an, als der spätere Präsident Thomas Jefferson gegen seinen Rivalen John Adams antrat. Gezielt gestreute und teils absurd anmutende Falschmeldungen, wonach John Adams sich nach der Wahl zum König krönen wolle oder Thomas Jefferson gar nicht mehr lebe, waren damals laut Butter Wahlkampfmethode.

Die Hintergründe für die Hartnäckigkeit solcher Gerüchte zu jener Zeit lassen auch Rückschlüsse auf unsere aktuellen Herausforderungen zu: "Damals hatten wir es mit einer fragmentierten Öffentlichkeit und einer niedrigen Durchdringung einzelner Medien zu tun", so Butter. Es gab keine Massenmedien, die innerhalb kurzer Zeit große Bevölkerungsgruppen erreichen konnten. Heutzutage können elektronische Medien zwar in Echtzeit die ganze Welt erreichen, aber "wir beobachten auch eine Einebnung von Informationshierarchien", so Bundespräsident Steinmeier.

Soziale Medien in der digitalen Welt haben laut dem Bundespräsidenten auch dazu beigetragen, dass wir es mittlerweile mit einer "Parzellierung der Öffentlichkeit" zu tun haben: "Es sind Parallelwelten entstanden, in denen die Selbstbestätigung durch den Austausch mit Gleichgesinnten vorherrscht und alles ausgeblendet wird, was der eigenen Sichtweise widerspricht", sagte Steinmeier.

Wie sollten Medien und Öffentlichkeit auf diese Entwicklung reagieren? Wie können Medien, wie es Frank-Walter Steinmeier formulierte, "Inseln der Verlässlichkeit sein, auf die wir unser Urteil stützen?".

Julia Stein: Medien dürfen sich nicht von "Schwingungen oder Stimmungen" leiten lassen

Zunächst müssen alle "früher aufstehen", so Jeff Mason – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Er und seine Kollegen können angesichts der Twitter-Tiraden des US-Präsidenten, die vorzugsweise am frühen Morgen verschickt werden, nicht mehr auf die nächste Pressekonferenz warten, sondern beobachten ab sechs Uhr morgens die sozialen Medien. "Vor ein paar Jahren hat unser Büro in Washington erst um sieben Uhr aufgemacht, das ist vorbei", so Mason.

Doch das reicht für die Akzeptanz der Medien längst nicht aus. Professionelle, gewissenhafte Arbeit und eine offene Fehlerkultur sind unabdingbar, ergänzte Julia Stein vom Netzwerk Recherche. Dazu gehöre auch, dass sich Medien nicht von "Schwingungen oder Stimmungen" leiten lassen, sondern sich an Fakten und Tatsachen orientieren. "Wer Martin Schulz zu Beginn seiner Kandidatur einen Heiligenschein andichtet, kann später nicht allein die SPD und ihr falsches Erwartungsmanagement für sein Scheitern verantwortlich machen", kommentierte Stein den Hype um den SPD-Kanzlerkandidaten.

Es reiche aber nicht aus, dass sich nur die Medien auf die veränderten Kommunikationswege und -mittel einstellen, ergänzte Ulf Poschardt. Mehr Medienkompetenz in der Bevölkerung, die auch an Schulen unterrichtet werden sollte, sei ebenso notwendig.

Ulf Poschardt: Menschen haben verstärktes Bedürfnis nach politischen Inhalten

So schwierig und unübersichtlich die Zeiten auch sein mögen, positive Aspekte konnten die Diskutanten der Debatte um Fakten und Fake News auch abgewinnen: "Es wird so viel gelesen wie noch nie. Egal, ob in der Zeitung oder digital. Die Menschen haben ein verstärktes Bedürfnis nach politischen Inhalten", so Poschardt. Dafür hätten die Brexit-Entscheidung und die Wahl Donald Trumps wie Weckrufe gewirkt und die Nachfrage nach seriösen Inhalten gesteigert. Die Menschen lernten Qualitätsjournalismus aktuell wieder mehr zu schätzen, und immer mehr junge Menschen interessierten sich für Journalismus als Beruf. Das ist zumindest eine positive Folge unserer unübersichtlich und komplex gewordenen Politik- und Medienwelt, resümierte Jeff Mason zum Schluss der Veranstaltung. Zugleich seien die neuen Medien Ansporn für den klassischen Journalismus, besser zu werden.

Eine  Zusammenfassung der Veranstaltung zeigt der Fernsehsender Phoenix am Sonntag, 25. März, ab 13 Uhr.

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